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27.10.07 / Das Heulen der Karpatenwölfe / Abenteuerurlaub in Transsylvanien für Naturliebhaber

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 43-07 vom 27. Oktober 2007

Das Heulen der Karpatenwölfe
Abenteuerurlaub in Transsylvanien für Naturliebhaber
von Dörte Langwald

Transsylvanien – bei diesem Namen denkt man sofort an Dracula und Knoblauchzöpfe, Fledermäuse und schaurige Vollmondnächte. In Wahrheit ist das Gebiet inmitten des Karpatenbogens von derartigem Gruselambiente weit entfernt. Archaische Wälder, pittoreske Bergdörfer und eine faszinierende Fauna machen die Region im Herzen von Rumänien zu einem echten Geheimtip auch für gruselresistente Natururlauber.

Am Fuße der Persaner Berge schlummert idyllisch eingebettet zwischen lieblichen Hügeln und saftigen Wiesen das gemütliche Gästehaus von Barbara und Christoph Promberger. Hier, wo die Gebirgsmassive der Ost- und Südkarpaten im rechten Winkel aufeinander treffen, hat sich das Biologen-Ehepaar ein kleines Paradies erschaffen. Vor über zehn Jahren kamen die Prombergers in die Region, um ein weltweit Aufsehen erregendes Naturschutzprojekt zu betreuen: das „Carpathian Large Carnivore Project“, welches der Erforschung und Erhaltung von wild lebenden Großraubtieren diente. Was kaum jemand weiß: Die Karpaten sind das größte intakte Ökosystem in Europa. Mehr als ein Drittel aller Wölfe, Bären und Luchse tummeln sich in dieser imposanten Berglandschaft!

Als ihr Projekt 2003 beendet war, entschlossen sich die Prombergers spontan zum Bleiben. Auf einer malerischen Anhöhe über dem Dörfchen Sinca Noua im Herzen Transsylvaniens eröffneten sie ihren Pensionsbetrieb „Equus Silvania“, der westlichen Standard mit rumänischem Lebensstil verbindet. Hier erlebt man Urlaub der etwas anderen Art – denn die Prombergers bieten ihren Gästen nicht nur Erholung in visuell sehr reizvoller Umgebung, sondern auch die einmalige Gelegenheit, Wölfe, Bären und andere seltene Tiere in ursprünglicher Natur zu erleben.

Die Anreise zum Feriengut der Prombergers erfolgt am einfachsten per Flug nach Bukarest. Mit einem Bustransfer, von „Equus Silvania“ organisiert, gelangt man dann ins drei Stunden entfernte Örtchen Sinca Noua. Schon auf der Fahrt von Bukarest ins märchenhafte Bergreich der Karpaten läßt sich erahnen, daß hier die Uhren 100 Jahre rückwärts ticken. Auf den unebenen Straßen fahren mit Heu beladene Pferdekarren, Hirten treiben ihre Schafe, und Kühe laufen frei herum. Gigantische Sonnenblumenfelder erstrecken sich endlos bis zum Horizont.

Obwohl Rumänien nur zwei Flugstunden von Deutschland entfernt liegt, so bleibt das Land doch eine Terra incognita innerhalb Europas. Von dem 22-Millionen-Einwohner-Staat im Südosten unseres Kontinents kennen die meisten nicht viel mehr als Horrorstorys über Kriminalität, Kommunismus und Knoblauchzehen-Aberglaube. Dabei befindet sich der Karpatenstaat seit der Öffnung des Eisernen Vorhangs stetig auf Europa-Kurs. 2004 trat Rumänien der Nato bei, und seit 2007 ist es Mitglied der EU. Trotz seiner Annäherung an den Westen wurde das Reiseland Rumänien zum Glück noch nicht vom Massentourismus überrollt. Natur und Menschen begegnet man hier vielerorts in unverfälschter Form. Buna ziua! Willkommen im „Land hinter den Wäldern“, wie Transsylvanien übersetzt heißt.

Transsylvanien ist hierzulande auch unter dem Namen Siebenbürgen bekannt, da sich am Karpatenbogen ab dem 12. Jahrhundert zahlreiche deutsche Siedler niederließen. Diese sogenannten Siebenbürger Sachsen fungierten lange Zeit als Grenzwacht gegen die Turkvölker. Auf die Spuren dieser einst so wehrhaften deutschen Vorfahren führt ein Ausflug in das altsächsische Dorf Felmern, das 2006 sein 800jähriges Bestehen feierte. Bei der Ankunft in der verschlafenen Gemeinde stellen die Prombergers augenzwinkernd den Tourguide vor: Ein achtjähriges Mädchen, das als Enkelin des ältesten Sachsen im Ort den Schlüssel der Dorfkirche verwalten darf. Die niedliche Kleine führt ihre Besucher in das verfallene sakrale Gebäude und erzählt stolz vom Glanz vergangener Zeiten. Beim anschließenden Spaziergang über die dörfliche Hauptstraße winkt eine alte Frau in bäuerlicher Tracht von ihrem Gartenzaun herüber. Frau Schuster sei ihr Name, erklärt sie in fast akzentfreiem Deutsch und lädt dann zu einer Mirabellen-Kostprobe in ihren Garten.

Die Rückfahrt führt an einer Kolonie von tropisch anmutenden Bienenfressern vorbei. Hunderte dieser herrlich bunt gefiederten Vögel nisten in winzigen Höhlen an einem Steilhang. Wie bunte Drachenflieger gleiten sie pfeilschnell durch die Luft, um ihre Küken mit Futter zu versorgen. Von hier aus geht es weiter zu einer ungarischen Köhlerfamilie, die auf einer Wiese ihres rußigen Amtes waltet. Von März bis Oktober schichten die fleißigen Arbeiter etwa 30 kegelförmige Holzhaufen auf – ein wortwörtlich brandheißer Beruf, der in Deutschland nahezu ausgestorben ist! Kurioserweise drängen sich inmitten dieser wabernden Hitze schimmernde Scharen von blauen Schmetterlingen. Die anmutigen Falter leben von den Mineralien, die sich im Boden rund um die rauchenden Meiler befinden.

Ein weiterer Höhepunkt im Programm der Prombergers ist ein Zweitagestrip auf eine einsame Alm hoch oben im karpatischen Gebirge. Durch archaische Wälder führt der Weg immer höher hinauf, bis der alpine Forst plötzlich in eine liebliche Hügellandschaft übergeht. Urtümliche Heuhaufen und urige Bauernkaten sprenkeln diese malerische Szenerie, die glatt für Tolkiens „Herr der Ringe“ die Kulisse spielen könnte.

Christoph Promberger kam 1993 im Auftrag der Wildbiologischen Gesellschaft München nach Rumänien. Im Laufe seiner Forschungsarbeit rettete er zwei Welpen aus einer Wolfsfarm, wo die Tiere wegen ihres Pelzes gezüchtet werden. Promberger taufte die Jungtiere Poiana und Crai und zog sie mit der Flasche auf. Heute leben die beiden in einem großen Wildgehege, das Promberger regelmäßig mit seinen Gästen besucht. Um die Tiere anzulocken, stimmt der Wolfsexperte ein kleines Heulkonzert an, auf das seine Schützlinge auch prompt lautstark antworten. Wohlwissend, daß ihr „Herrchen“ Leckereien mitgebracht hat, eilen die Wölfe herbei und strecken erwartungsvoll ihre Schnauzen durch das Schutzgitter. Während Promberger die zwar zahmen, aber durchaus einschüchternd wirkenden Tiere füttert, schaut er glücklich in die Runde seiner staunenden Gäste. Dann erzählt er, daß seine Frau und er nur eine halbe Stunde Bedenkzeit brauchten, als sich ihnen vor drei Jahren die Möglichkeit bot, „Equus Silvania“ zu eröffnen. Wenn man den Wildbiologen nun beim Spiel mit seinen Wölfen beobachtet, ist es nur allzu verständlich, warum er sich für das Leben in Transsylvanien entschieden hat!

Foto: Hier gibt es noch Bären und Wölfe: Die Karpaten sind das größte intakte Ökosystem Europas.


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