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27.10.07 / Wer ermordete Rosemarie Nitribitt? / Vor 50 Jahren starb die bekannteste Prostituierte der Bundesrepublik Deutschland

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 43-07 vom 27. Oktober 2007

Wer ermordete Rosemarie Nitribitt?
Vor 50 Jahren starb die bekannteste Prostituierte der Bundesrepublik Deutschland
von Manuel Ruoff

Wohl niemand verkörpert die Schattenseite und die Doppelmoral der Ära des deutschen „Wirtschaftswunders“ so prominent wie die „Frankfurter Allgemeine“, Rosemarie Nitribitt. Dazu trug nicht nur ihr Leben mit ihren diversen Bekanntschaften, sondern auch ihr mysteriöses Ende bei.

Rosalie Marie Auguste Nitribitt, wie Rosemarie eigentlich hieß, kam von ganz unten und – wie man heute sagen würde – aus zerrütteten Familienverhältnissen. Am 1. Februar 1933 wurde sie in der rheinland-pfälzischen Stadt Mendig geboren. Sie ist unehelich und wächst in ärmlichen Verhältnissen bei ihrer Mutter auf, die mit zwei anderen Männern noch zwei andere Mädchen bekommt. Das Kind findet wenig mütterliche Zuwendung, und um eine Verwahrlosung zu verhindern, kommt es in staatliche Obhut. Rosemarie gilt als frühreif und schwer erziehbar. Schon mit 14 Jahren gewinnt sie bei den örtlichen Besatzungssoldaten die Erkenntnis, daß ihr Körper eine Anziehungskraft auf das andere Geschlecht ausübt, mit der sie eher an ihr Ziel kommt als mit konventioneller Arbeit.

Sie macht die Prostitution zu ihrem Beruf, und das im Finanzzentrum der jungen, wirtschaftlich aufstrebenden Bundesrepublik Deutschland, in Frankfurt. Anfänglich reichte es für einen Ford 12M. Nachdem sie mit diesem einen schweren Unfall hatte, übernahm sie von einem Freier einen schwarzen Opel Kapitän mit Weißwandreifen. Dieses Fahrzeug der Oberklasse eröffnete der Prostituierten einen entsprechenden Kundenkreis. Mitte 1956 übernahm „Käpt’n Lady“ – die Lady mit dem Opel Kapitän – ihren legendären schwarzen Mercedes-Benz 190 SL mit roten Ledersitzen und Weißwandreifen. Wo weniger erfolgreiche Kolleginnen auf den Strich gingen, da fuhr sie und gabelte ihre Bettgefährten auf. Wenn ihr ein Mann gefiel, dann machte sie es auch schon mal umsonst, doch achtete sie im großen und ganzen schon darauf, daß sie materiell nicht zu kurz kam. Seriöse Berechnungen gehen davon aus, daß sie im letzten vollen Kalenderjahr ihres Lebens, dem Jahr 1956, ein Jahreseinkommen von rund 80000 D-Mark hatte. Ein Arbeiter verdiente in jener Zeit ungefähr ein Sechzehntel.

Bis dahin war das „Mannequin“, so ihre euphemistische Berufsbezeichnung, in einschlägigen Kreisen zwar bekannt und geschätzt, aber nationale Berühmtheit erlangte sie erst durch ihren viele Fragen aufwerfenden Tod vor nunmehr 50 Jahren.

Am 1. November meldeten sich Anwohner bei der Polizei. Vor Rosemarie Nitribitts Wohnung häuften sich die vom Bäcker regelmäßig gebrachten Brötchentüten, aus der Wohnung hörte man das Gewinsel ihres Zwergpudels „Joe“, und stinken tat es auch – Verwesungsgeruch. Die Polizei öffnete die Wohnung und stieß auf Rosemarie Nitribitt – mit einer Platzwunde am Kopf und Würgemalen am Hals lag sie leblos vor dem Sofa auf dem Boden ihres Wohnzimmers.

Beim gewaltsamen Tod einer Edelprostituierten kommt leicht der Verdacht auf, daß der Täter in den höheren Kreisen zu suchen ist, erpreßt wurde, sein Fremdgehen verschleiern wollte oder seinen Fehler wiedergutzumachen versuchte, in einer Liebesnacht Geheimnisse ausgeplaudert zu haben. Dieses gilt erst recht für eine derart prüde Zeit wie die Adenauerära. Wie so viele Verschwörungstheorien erhielt auch dieser Verdacht dadurch Nahrung, daß die Polizei auffallend unprofessionell vorging. So wurde beispielsweise die Feststellung des Todeszeitpunktes dadurch erschwert, daß darauf verzichtet wurde, die für die Verwesungsgeschwindigkeit wichtige Raumtemperatur zu messen, und es zugelassen wurde, daß eine Nachbarin sich bei den Brötchen vor der Wohnungstür bediente, obwohl sich von ihrer Anzahl hätte ableiten lassen, ab wann die Lieferungen des Bäckers nicht mehr in die Wohnung geholt worden waren. Da stellt sich dann schon die Frage, ob die Ursache Schlamperei war oder der Täter geschützt werden sollte. Zu Verdächtigungen Anlaß gab auch, daß die Staatsorgane weniger im hochgestellten Kundenkreis der Toten als in ihrem weniger hochgestellten Milieu nach dem Täter suchten.

Schnell schossen sich die Beamten auf Rosemarie Nitribitts Freund Heinz Pohlmann ein. Verdächtig machte ihn vor allem, daß er bis kurz vor ihrem Tod 21000 D-Mark Schulden und zwei Tage danach diese größtenteils beglichen hatte. Woher er das dafür nötige Geld hatte, wußte er nicht überzeugend zu begründen, doch konnte er auch nicht überführt werden, und so wurde er aus Mangel an Beweisen 1960 freigesprochen. Der Fall blieb unaufgeklärt, der Mord ungesühnt.


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