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03.11.07 / Eine Postkarte an die Stasi / Wie Bundesbürger unfreiwillig zu Informanten wurden – Neue Erkenntnisse der Birthler-Behörde

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 44-07 vom 03. November 2007

Eine Postkarte an die Stasi
Wie Bundesbürger unfreiwillig zu Informanten wurden – Neue Erkenntnisse der Birthler-Behörde
von Mariano Albrecht

Neue Erkenntnisse in der Aufarbeitung des Nachlasses der Stasi: Mit eigens entwickelten Maschinen und Verarbeitungsstrecken betrieb das Ministerium für Staatsicherheit die Öffnung von Postsendungen im innerdeutschen Briefverkehr.

Was der Leiter der Außenstelle Frankfurt / Oder der Birthlerbehörde, Rüdiger Sielaff, ans Licht bringt, eröffnet ungeahnte Einblicke in ein Gebiet der Schnüffelei, von dem auch Millionen Bürger der Bundesrepublik betroffen waren.

Die Kontrolle des innerdeutschen Briefverkehrs hatte industrielle Ausmaße. Organisiert wurde die fast vollständige Überwachung der Post von einer der ältesten Abteilungen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), der Abteilung M.

Vier Jahre lang hat Rüdiger Sielaff säckeweise Papierschnipsel gesichtet und zusammengesetzt. Jetzt liegt das Ergebnis vor. Doch wie funktionierte das System?

Wurden in den 50er Jahren nur vereinzelt Sendungen von und nach den Westsektoren nach Verdächtigem durchsucht, so wurde das System in den 60er Jahren nach dem Mauerbau weiter vorangetrieben.

Die Stasi plazierte hierzu in allen Hauptpostämtern des Landes sogar eigene Mitarbeiter, es wurden ganze Abteilungen in abgeriegelten Bereichen der Postämter eingerichtet. Meist arbeiteten die Spezialisten, die das Ministerium unter Chemikern, Physikern, Juristen und Kriminalisten rekrutierte, unter der Legende der Zollfahndung. 2200 Postüberwacher beschäftigte das Ministerium in den Hinterzimmern der Post. Akribisch wurden alle Absender und Empfänger verdächtiger Sendungen, und das waren fast alle Karten und Briefe im innerdeutschen Postverkehr, auf Karteikarten erfaßt und mit geheimen Codes katalogisiert.

So ist auch damit zu rechnen, daß jeder Bundesbürger, der auch nur eine Ansichtskarte in die DDR schickte, von der Stasi erfaßt wurde. Besonderes Interesse weckten Karten ohne genaue Absenderangaben. Formulierungen wie „Viele Grüße von Eurer lieben Tante“ zum Beispiel ließen die Alarmglocken der Schnüffler klingeln. Eine Anweisung an Westagenten?

Alle erfaßten Daten wanderten in ein Archiv, Inhalte wurden kopiert, sogar Handschriftenproben wurden gesammelt und ständig erweitert. Um das Ausmaß zu verdeutlichen, zitiert Sielaff aus einer Dienstanweisung, aus der hervorgeht, daß ein Mitarbeiter pro Stunde 500 Sendungen zu durchleuchten hatte, für die Öffnung von Briefen mittels Heißdampf waren ebenfalls 500 Stück pro Stunde vorgegeben, dies wurde maschinell erledigt. Die automatische Verschließmaschine „Magdeburg“ schaffte 800 Briefe in einer Stunde. Die Inhalte wurden von jeweils zwei Mitarbeitern kontrolliert, erfaßt und fotokopiert. Zum Schluß durchliefen alle Sendungen eine Qualitätskontrolle. Häufig fiel den Postschnüfflern auch Bargeld in die Hände. Zwischen 1984 und 1989 stahl die Stasi zirka 33 Millionen D-Mark aus Briefen von Bundesbürgern an ihre Verwandten in der DDR. Weitere zehn Millionen D-Mark sind durch den Verkauf von Inhalten aus Paketen in den Osten dokumentiert.

Nicht selten ging dabei auch etwas schief. Ein Stasimitarbeiter kaufte in der dienstelleneigenen Verkaufseinrichtung ein Oberhemd, der Mann staunte nicht schlecht, als er in dem eingeschweißten Stück 2500 D-Mark fand, erzählt Rüdiger Sielaff. Das Hemd war aus einem „Westpaket“ entwendet worden und landete auf dem Ladentisch im Stasihauptquartier, das Geld hatten die Kontrolleure übersehen. 

Ein Hauptaugenmerk richtete die Stasi jedoch auf die Gewinnung von „Westkontakten“ für eigene Zwecke, die Anwerbung von inoffiziellen Mitarbeitern in der Bundesrepublik. Eine Studentin aus Hamburg erwähnte in einem Brief an eine Verwandte in der DDR, daß sie sich in der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend engagiere. Prompt wurde die Bundesbürgerin zum Zielobjekt für eventuelle Anwerbeversuche, so konnten auch IM-Akten über Personen entstehen, die nie mit der Staatssicherheit zusammenarbeiteten.


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