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03.11.07 / In »die dunkle Lebenstiefe« geführt / Eine Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle würdigt Max Klinger und seine Bedeutung in der modernen Kunst

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 44-07 vom 03. November 2007

In »die dunkle Lebenstiefe« geführt
Eine Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle würdigt Max Klinger und seine Bedeutung in der modernen Kunst
von Silke Osman

Klinger war der moderne Künstler schlechthin. Modern nicht in dem Sinne, den man heute dem Begriff gibt, sondern im Sinne eines gewissenhaften Mannes, der das Erbe an Kunst und Denken aus Jahrhunderten und aber Jahrhunderten achtet, der wachen Auges in die Vergangenheit, in die Gegenwart und in sich selbst blickt“, sagte der Italiener Giorgio de Chirico 1920 und war fasziniert.

Beeindruckt war aber nicht nur dieser Künstler, der mit seinem Schaffen die Moderne nachhaltig beeinflußte. Auch Dali, Klee, Kubin, Macke, Munch, Beckmann, Corinth, Slevogt oder Kollwitz nahmen in ihren Werken Bezug auf manche Arbeit Klingers, sei es als Zitat, sei es in der Weiterverarbeitung konzeptueller Bildstrategien. Die Hamburger Kunsthalle zeigt derzeit aus Anlaß des 150. Geburtstages Klingers (1857–1920)  auf über 1000 Quadratmetern mehr als 200 Werke, die seinen Einfluß auf zahlreiche bedeutende Künstler des Symbolismus und Surrealismus, des Naturalismus und des Jugendstils aufzeigen sollen. Die Ausstellung, die zuvor in Leipzig in etwas veränderter Form zu sehen war, bietet eine Fülle von Kunstwerken, die jedoch in eben dieser Fülle oft verwirrend wirken. Ein Besuch wird kaum reichen, die ungeheure Vielfalt zu verarbeiten. Und so geht jeder Besucher auf seine Art an die Werke heran. Vor der Lithographiefolge „Geheimnisvolle Bäder“ von Giorgio de Chirico, einer poetischen Serie mit autobiographischen Elementen, in der das Wasser der Bäder in einer Art Fischgrätmuster dargestellt ist, verharrte eine ältere Museumsbesucherin, deutete auf die schwarzweißen Elemente und sagte zu ihrer Enkelin: „So eine Jacke hab ich mal gehabt.“ – Kunstfreund, was willst du mehr? – Der vielseitige Max Klinger ist auf der Ausstellung mit Gemälden, graphischen Arbeiten, Kunsthandwerklichem wie Tafelaufsätzen aus Silber und Kristall, einem Brunnenmodell sowie mit Skulpturen aus Marmor, Gips und Bronze vertreten. Zu sehen sind viele Porträts schöner Frauen, wie überhaupt Frauen und Landschaften seine Hauptthemen zu sein schienen. Starke Frauen und Verführerinnen haben ihn offensichtlich ein Leben lang fasziniert. Doch spürt man stets auch sein Unbehagen Frauen gegenüber. Frauengestalten gaben ihm die Möglichkeit, seelische Zustände darzustellen, Landschaften hingegen dienten ihm als ein Spiegel der Gefühle.

Lovis Corinth, der auch privat mit Klinger verkehrte, äußerte sich nicht immer positiv über den Kollegen, so verriß er sein Monumentalgemälde „Christus im Olymp“, das sich heute im Museum der bildenden Künste Leipzig befindet und dringend restauriert werden muß. Eine Graphikmappe mit Blättern von zehn zeitgenössischen Künstlern ist in einer limitierten Auflage von 40 Stück zum Preis von 2500 Euro erschienen. Der Erlös soll der Restaurierung zugute kommen. Klinger seinerseits besaß übrigens eine Kreuzabnahme (1906) von Corinth. Im Winter 1887/88 war der Ostpreuße mit Klinger zusammengetroffen und hatte sich von ihm zu seinem Radierzyklus „Tragikomödien“ (1894) inspirieren lassen. Die Blätter haben keine inhaltliche Einheit, zeigen aber Corinths Fähigkeit, Realität und Phantasie auf bizarre Weise zu vereinen.

Ein anderes wichtiges Thema war für Klinger der Tod. „Max Klinger bleibt nicht an der Oberfläche der Dinge haften, er dringt in die dunkle Lebenstiefe“, so Käthe Kollwitz über den Kollegen. Manches Mal berühren die Blätter den Betrachter auf geradezu verstörende Weise. Doch wenn es ganz zu arg erscheint, zu dunkel, zu trist, dann entdeckt man Motive wie „Der pinkelnde Tod“ (Öl um 1880) oder die Blätter „Der Tod auf der Schiene“, „Der Tod schreibt seine Memoiren“. Machte sich Klinger über den Tod lustig, oder war es ein Zeichen seiner Unsicherheit? „Alle Register des Lebens zog er auf, das gewaltige herrliche und traurige Leben faßte er und deutete es uns“, so Käthe Kollwitz, deren Blätter aus den Zyklen „Ein Weberaufstand“ (1893 / 97) und „Bauernkrieg“ (1906 / 08) in Hamburg zu sehen sind und die zeigen, wie sehr es die Kollwitz verstand, die „dunkle Lebenstiefe“ darzustellen.

Auch Max Ernst war von Klinger inspiriert. Die Alptraum-Thematik in der Folge „Der Handschuh“ etwa habe ihn zu seinen Collagen angeregt. Ohne Klinger also gäbe es die seltsamen und auf gewisse Weise furchterregenden larvenartigen Wesen und Vogelmenschen bei Ernst vielleicht gar nicht.

Überhaupt sind es immer wieder düstere Motive voller Todes-ahnung, die dem Besucher der Ausstellung begegnen, Blätter, die nachdenklich stimmen, wenn nicht sogar deprimieren. So war es fast eine Wohltat – allem Kunstgenuß zum Trotz –, nach dem Besuch der Ausstellung in einen tiefblauen Herbsthimmel blicken und die letzten wärmenden Sonnenstrahlen genießen zu können. Ach ja, die Jacke der Ausstellungsbesucherin mit dem Fischgrätmuster kam auch in den Sinn und ein Schmunzeln ließ sich nicht unterdrücken.

Die Ausstellung „Eine Liebe. Max Klinger und die Folgen“ in der Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall, ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr geöffnet, Katalog 39 Euro, bis 13. Januar.

Foto: Max Klinger: Blick vom römischem Atelier auf Santa Maria Maggiore (1889, Öl auf Holz). Der Künstler war im Februar 1888 nach Rom gekommen, um dort die antiken Skulpturen zu studieren. Ausflüge und kurze Reisen führten ihn in die nähere Umgebung Roms und durch ganz Italien.


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