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03.11.07 / Selten eine freiwillige Entscheidung / Die traditionelle Familie und die Alleinerziehenden / Das bleibt in der Familie (Folge II)

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 44-07 vom 03. November 2007

Selten eine freiwillige Entscheidung
Die traditionelle Familie und die Alleinerziehenden / Das bleibt in der Familie (Folge II)
von Klaus Groth

Der Angriff auf die bürgerliche Familie begann mit den 68ern. Der Feminismus leistete Schützenhilfe. Unaufhaltsam hat sich das Bild der Familie verändert. Die traditionelle Familie scheint gesellschaftlich nicht mehr angesagt zu sein.

Die „Nur-Hausfrau und Mutter“ ist im Ansehen stark zurückgefallen. Höchstes Ansehen genießt das berufstätige Paar, dessen Kind ganztägig betreut wird. Die zweite Position in der gesellschaftlichen Werteskala nimmt die berufstätige Alleinerziehende ein. Es folgen die „Dinks“ (double income, no kids). Dann erst zieht ziemlich abgeschlagen die klassische Familie mit arbeitendem Vater und der Mutter als Hausfrau hinterher. Eine Vorzeige-Familie ist das gegenwärtig nicht mehr.

Dennoch, trotz permanenter Umerziehung, die Deutschen erweisen sich als renitent. Was eine Familie ist, ist für die meisten Menschen in Deutschland entgegen der veröffentlichten Meinung ziemlich klar: Mutter, Vater, verheiratet, ein bis zwei Kinder. Die sogenannte traditionelle Familie oder Kernfamilie also. Für den größeren Teil der Bevölkerung gilt dies immer noch als die Idealform des Zusammenlebens. Aber eben nur noch für den größeren Teil – nicht einmal für den überwiegend größeren Teil. Zwar leben mehr als drei Viertel aller Deutschen in einer ehelichen Gemeinschaft, doch was das besagt, ist nicht mehr eindeutig. Familie mit Kindern bedeutet nicht zweifelsfrei auch Blutsverwandtschaft. Nahezu sämtliche Lebensgemeinschaften, in denen für Kinder gesorgt wird, leiblich oder nicht, gelten als Familie. Das Familienbild 2007 gleicht einem Flickenteppich. Was also ist eine Familie? Versuch einer Bestandsaufnahme:

Traditionelle Familie (Kernfamilie): 35 Millionen Menschen leben in dieser Form der Gemeinschaft, das entspricht 44 Prozent der Bevölkerung Deutschlands. Und 80 Prozent aller Kinder in Deutschland wachsen in solch einer Familie auf.

Noch immer steht die traditionelle Familie ganz oben auf der Wunschliste der Gestaltung eines gemeinsamen Lebens. Doch die Tendenz ist zur Zeit deutlich rückläufig. 1990 heirateten noch 516388 Paare in Deutschland, im vergangenen Jahr waren es 373696, etwa ein Drittel weniger. Ruhiger müssen die Zeiten auf dem Standesamt trotzdem nicht geworden sein – man hat schließlich Alternativen.

Mama und Papa, selbstverständlich verheiratet, das macht diese Form des Zusammenlebens in der traditionellen Familie für manchen Zeitgenossen bereits verdächtig. Sie wird als „antiquiert“ oder als „Auslaufmodell“ abgestempelt, in der angeblich die persönliche Freiheit geopfert werde. Niemals fand der Ehefeind Oscar Wilde mehr Zustimmung als heute. „Ehe“, hatte er behauptet, „ist gegenseitige Freiheitsberaubung im gegenseitigen Einvernehmen.“

Doch das „Auslaufmodell“ ist trotzdem beliebter, als die eifrigen Fürsprecher neuer Formen des Zusammenlebens wahrhaben wollen. Die traditionelle Kernfamilie ist noch immer die Wunschfamilie für 90 Prozent der jungen Menschen.

Ein bis zwei Kinder wünschen sich die Paare, wenn sie sich das Ja-Wort geben. Im Durchschnitt bleibt es dann aber bei 1,34 Kindern. Der Wechsel der Zeiten ist auch an der traditionellen Familie nicht ohne Spuren vorübergegangen. Die Eheschließung bedeutet für die Frau nicht mehr, bedingungslos die Rolle als Hausfrau und Mutter zu übernehmen, während der Vater für das Auskommen der Familie zu sorgen hat. Viele Mütter suchen sich einen Halbtagsjob oder gehen in den Beruf zurück, sobald die Kinder in den Kindergarten kommen. Theoretisch wuchs den Männern ebenfalls eine neue Aufgabe zu. Durch ihren Anspruch auf Erziehungsurlaub, oder, wie es seit einiger Zeit heißt, Elternurlaub, könnten sie aktiv die Betreuung der Kinder übernehmen. Allerdings machen bisher lediglich zwei Prozent der Männer von dieser  Möglichkeit Gebrauch. Seit der Reform des Bundeserziehungsgeldgesetzes 2001 haben Männer zudem einen Anspruch auf Teilzeitarbeit. Es sind auch schon vereinzelte Männer gesichtet worden, die diesen Anspruch in Anspruch nahmen. Der Karriere ist das allerdings selten förderlich, nur spricht niemand darüber. Jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. Grundsätzlich aber gilt: Keine Familienform ist rechtlich so gut abgesichert wie die traditionelle Familie.

Ein-Eltern-Familie. „Alleinerziehend“, bis vor wenigen Jahren gab es noch nicht einmal diesen Begriff. Mittlerweile kämpfen sich sieben Prozent der Deutschen solo durch diese Lebenssituation. Der Gesetzgeber hat darauf reagiert und die „Zwei-Personen-Familie“ rechtlich anerkannt. Vor allem Frauen mit Kind sind betroffen. Eine freiwillige Entscheidung für die Einelternfamilie ist die absolute Ausnahme. Entweder die Eltern lebten niemals zusammen, sie gingen auseinander, als das Baby kam oder sie ließen sich scheiden. Nach einer Studie des Bamberger Staatsinstituts für Familienforschung gehört ein Drittel der Alleinerziehenden zu dieser Gruppe. Am häufigsten hatten die Paare eine Liebesbeziehung, die in die Brüche ging, als sich das Baby ankündigte. In den anderen Fällen kam es zur Trennung, weil das Paar der Belastung durch ein Baby nicht mehr gewachsen war. Sehr viel seltener ist die Entscheidung aus freien Stücken, das Kind alleine großzuziehen. Die Lifestyle-Solo-Mütter sind meist zwischen 30 und 40 Jahre alt, haben einen akademischen Beruf und sich nach einer Krise in ihrer Beziehung zum Partner entschlossen, alleine die Zukunft ihres Kindes zu gestalten. Schließlich sind da noch die raren Exemplare der alleinerziehenden Väter. Bei Untersuchungen schneiden diese Väter übrigens besonders vorteilhaft ab. Sie gelten als außerordentlich fürsorglich. Sie haben sich bewußt für eine andere Lebensform entschieden und leben sie konsequent. Trotzdem: In jedem Fall ist diese Situation mit enormen Belastungen verbunden. Bereits die Fürsorge für das Kind ohne die Unterstützung eines Partners verlangt viel Kraft, psychisch und körperlich. Bleibt der erziehende Elternteil weiter im Beruf, ist jeder Tag neu zu organisieren zwischen den Erfordernissen der Arbeit und denen des Kindes, zwischen Job, Haushalt, Krippe und Tagesmutter. 100prozentig allein stemmt das nur jede Dritte der Alleinerziehenden. Zwei Drittel nehmen die Unterstützung von Oma oder Opa in Anspruch, läßt sich von der eigenen Mutter helfen oder vom leiblichen Vater (oder Mutter), gelegentlich auch von einem neuen Partner.

Wenn letzterer sich denn findet. Alleinerziehende Frauen haben es schwerer als Frauen ohne Anhang, einen Freund oder Mann zu finden. Bei steigenden Scheidungsraten wächst allerdings die Aussicht, doch noch einen Partner ins Nest zu locken.

Der Spagat zwischen der Betreuung des Kindes und der Notwendigkeit, das Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen, ist für viele nicht zu schaffen. 31,5 Prozent der alleinerziehenden Frauen zeigen psychische oder psychosomatische Auffälligkeiten auf Grund der enormen Belastung, das ist der doppelte Wert, der bei Müttern in festen Beziehungen festgestellt wurde. Vor allem klagen besonders junge Mütter – häufig ohne Schulabschluß – und Frauen mit finanziellen Problemen über den nicht zu bewältigenden Streß. 30 Prozent der Alleinerziehenden gelten als arm. Entweder zahlt der Vater des Kindes nicht oder die Betreuung des Kindes erfordert so viel Zeit, daß an eine Berufstätigkeit nicht zu denken ist. Doch auch bei der größten Anstrengung, das Unmögliche möglich zu machen, ist diese Situation vielfach gleichbedeutend mit sozialem Abstieg. Der ehemalige Partner hat sich aus dem Staub gemacht und zahlt nicht einmal den Regelunterhalt. Letzter Ausweg ist dann vielfach der Gang zum Sozialamt, jedenfalls, solange das Kind noch klein ist. Ist das Auskommen allerdings gesichert, kommen die alleinstehenden Mütter mit ihrer Situation ganz gut zurecht. Dann unterscheidet sich ihre Seelenlage kaum oder nur wenig von den Müttern, die eine komplette Familie zur Seite haben.

In der nächsten Folge lesen Sie: Flickwerk als Zukunftsmodell? / Von Patchwork- und Großfamilien

 

Familienmenschen

Maria Freifrau von Welser (*26. Juni 1946 in München), Fernsehjournalistin, Direktorin des Landesfunkhauses Hamburg. Veröffentlichte Gespräche mit Ursula von der Leyen als Buch mit dem Titel „Wir müssen unser Land für die Frauen verändern“. Einem breiten Publikum wurde sie bekannt als Moderatorin des ZDF-Frauenjournals „Mona Lisa“. 25 Jahre war sie auf dem Bildschirm präsent, aber das Privatleben mit ihren beiden Söhnen Florian (39) und Luitpold (35) hat sie aus der Öffentlichkeit herausgehalten. „Es gibt kein Bild von mir und meinen Kindern“, sagt die 61jährige bei entsprechenden Anfragen. Über zehn Jahre mußte Maria von Welser als alleinerziehende Mutter zurechtkommen. Bei zahlreichen Reiseterminen war das ein schwieriges Unterfangen: „Immer, wenn ich niemanden hatte für die Kinder, habe ich sie mitgenommen.“ Bevor der Durchbruch in der Karriere kam, war das Geld häufig knapp: Für die Ganztagschule ihrer Kinder nahm sie einen Kredit auf, Markenkleidung für die Kinder war nicht drin. Für jede Woche setzte sie ein kleines  Budget fest, das dann – „für uns alle drei“ ausgegeben wurde. Dieser Versuch, trotz intensiver Reisetätigkeit eine enge Verbindung zu erhalten, wurde geprägt durch Erfahrungen aus der eigenen Kindheit: „Meine Mutter hat mir gesagt und mir vermittelt, daß sie mich liebt, was schön ist zu wissen. Ansonsten war sie sehr abwesend. Natürlich habe ich sie vermißt, aber ich habe überhaupt nicht darüber nachgedacht, daß eine Mutter etwas anderes macht als arbeiten zu gehen.“ Allerdings betont sie dabei, daß sie eine Unterscheidung der Arbeit im Haus und außerhalb des Hauses für falsch hält: „Ich mag es nicht, wenn jemand sagt, draußen ist jemand berufstätig, und zu Hause tut man nichts. Auch der Arbeitsplatz zu Hause, also die Leitung eines ökotrophologischen Unternehmens mit Kindern, Haushalt, Kochen, Waschen, den Mann versorgen, das ist eine unglaubliche Herausforderung. Ich sage da lieber, ein tätiges Leben führen.“  

Sharon Stone (*10. März 1958 in Meadville, Pennsylvania, USA), Filmschauspielerin. Bekannt machte sie der Erotikthriller „Basic Instinct“. Eine Wiederholung dieses Erfolges gelang nicht. Ihre Ehe mit dem Journalisten Phil Bronstein hielt sechs Jahre. Während der Ehe adoptierte sie den Jungen Roan Joseph (*2000). Nach der Scheidung 2004 adoptierte sie ihr zweites Kind, der Junge heißt Laird Vonne Stone (*2005). Im Juni 2006 schließlich adoptierte sie einen dritten Jungen, Quinn. Sie hat sich – nach gegenwärtigem Stand – für die Rolle der alleinerziehenden Mutter entschieden. Über die drei adoptierten Kinder sagt sie: „Meine Jungs geben mir viel Kraft. Sie sind mein Lebensmittelpunkt. Durch sie habe ich erkannt, daß es Wichtigeres im Leben gibt als das Streben nach Erfolg und Karriere.“

Ernst Barlach (*2. Januar 1870 in Wedel,†24. Oktober 1938 in Rostock), Bildhauer, Schriftsteller und Zeichner. Nach einer schweren Schaffenskrise reiste er mit seinem Bruder Nikolaus durch Rußland. Die Eindrücke dieser Reise gaben ihm neuen Schaffens- und Lebensmut. Die Folge aus Ersterem war eine Reihe neuer Skulpturen, aus Zweitem eine Liaison in Berlin-Moabit. Rosa Schwab wurde Mutter des (wie der Bruder) Nikolaus genannten Sohnes. Doch die Verbindung stand unter keinem guten Stern. Das Paar trennte sich. Nach einem Rechtsstreit wurde Barlach das Sorgerecht zugesprochen. Auf diese Weise wurde Ernst Barlach zum alleinerziehenden Vater. Seit 1910 lebte Barlach in Güstrow (Mecklenburg), wo er sich nach seinen Bedürfnissen ein Atelier und Wohnhaus am Inselsee bauen ließ. Zu seinen bekanntesten Werken gehört das Ehrenmal für die Gefallenen „Der Schwebende“ im Güstrower Dom (1927). Von den Nationalsozialisten wurden Barlachs Werke als entartet aus dem öffentlichen Bild entfernt.   K. G.

Foto: Alleinerziehend: Die 18jährige Jessica spielt mit ihrem 14 Monate alten Sohn Maximilian.


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