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03.11.07 / Die Leiden eines Versagers / Alkoholiker bekommt sein Leben nicht in den Griff – Herrlich ironisch!

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 44-07 vom 03. November 2007

Die Leiden eines Versagers
Alkoholiker bekommt sein Leben nicht in den Griff – Herrlich ironisch!

Harry Driscoll hat einen Abschluß an einer Elite-Universität absolviert und könnte theoretisch als erfolgreicher junger Anwalt in der Kanzlei seines einflußreichen Vaters tätig sein. Theoretisch! Praktisch arbeitet er nämlich aufgrund seiner Liebe zu Büchern als schlecht bezahlter Assistent in einem Verlag. Seine Chancen auf Beförderung stehen gleich Null, er lebt in einem der schäbigsten Stadtteile New Yorks, trinkt

regelmäßig und leidet unter einem juckenden Hautausschlag, da er es sich nicht leisten kann, seine Anzüge regelmäßig in die Reinigung zu bringen.

Objektiv betrachtet würde man jetzt urteilen, daß Harry ziemlich arm dran ist, ein Frosch eben, den keiner küssen will. „Froschkönig“ so auch der Titel, den der 25jährige US-Autor Adam Davies für sein Roman-Debüt gewählt hat. Dieses läßt in den USA die Kassen klingeln und soll sogar verfilmt werden. Der Charme des Romans wird schnell offenbar. Denn der Anti-Held Harry hat dank seines unverbesserlichen Hangs zur Ironie immer wieder lichte Momente, die sein jämmerliches Dasein herrlich persiflieren.

Doch anstatt sich aufzuraffen und zusammenzureißen, harrt Harry lieber in seiner elendigen Situation aus, bedauert sich regelmäßig selbst und beneidet seinen Ex- Kommilitonen Mitchell Lowengrab, der es im Gegensatz zu ihm mittlerweile zu Geld und Ansehen gebracht hat.

„… weshalb kam es mir so vor, als hätten mich gewisse Gorillas nach allen Regeln der Kunst ausgetrickst? Weil es in seiner Wohnung Giacomettis gab und in meiner Fruchtfliegen. Weil ich jeden Tag 46 Blocks zur Arbeit laufe, sogar bei Regen, und er seine Limousine mit Klimaanlage nimmt?“

Das Paradoxe an Harrys Charakter ist, daß er zwar alle seine Fehler sieht und zur Kenntnis nimmt, jedoch nichts gegen sie unternimmt. Er fühlt, daß er seine verdrehte Kollegin Evie aufrichtig liebt und immer für sie da sein möchte, kann es ihr gegenüber jedoch, trotz ihres heftigen Wunsches, nicht zugeben und ist nebenbei ein notorischer Fremdgeher.

Harry ist sich durchaus der Tatsache bewußt, daß seine Faulheit ihn eines Tages seinen Job kosten wird, seinen Schlendrian bekommt er deswegen jedoch noch lange nicht in den Griff. Er weiß auch, daß er zuviel Alkohol trinkt: „Ich trinke mehr als die durchschnittliche Lektoratsdrohne. Es läßt sich unmöglich vermeiden. Als ich hier anfing, bevor sich all meine Erwartungen unerklärlicherweise in Luft auflösten, gab es das Problem überhaupt nicht. Doch heute trinke ich im Büro Alkohol, weil ich an meinem Arbeitsplatz das Gefühl habe, es herrsche Krieg zwischen ehrlicher dümmlicher Hoffnung und ständiger verzweifelter Wiederholung. Es ist so, als würde man jeden Tag mit demselben Lotterielos, einer Niete, zu derselben Annahmestelle kommen ...“

Harry bewegt sich auf einem sehr schmalen Grat über dem Abgrund und nur der leiseste Windhauch trennt ihn von einem Sturz in eben diesen. Und daß dieser Windhauch kommen wird, ist gewiß ...

Trockener Humor, tiefe Gefühle und ein unsäglich verkorkster Charakter zeichnen die Person Harry Driscoll und somit diese tragische Liebeskomödie aus.

Witz, Charme, Liebe, Leiden und eine kräftige Prise Ironie – was wünscht man sich mehr von einem wirklichen guten Roman? Einfach köstlich! A. Ney

Adam Davies: „Froschkönig“, Diogenes, Zürich 2007, geb., 384 Seiten, 19,90 Euro, Best.-Nr. 6428


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