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17.11.07 / Schlachtfeld Jugendhilfe / In Halle läuft eine Kampagne gegen die Neuausrichtung der Jugendhilfe

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-07 vom 17. November 2007

Schlachtfeld Jugendhilfe
In Halle läuft eine Kampagne gegen die Neuausrichtung der Jugendhilfe
von Mariano Albrecht

Halle macht Schlagzeilen wie diese: „Heimkinder sollen in Problemfamilien abgeschoben werden.“ Es geht um die Konsolidierung des Haushaltes, in der Jugendhilfe soll gespart werden. Doch was passiert wirklich?

In den Heimen und Pflegeeinrichtungen der Stadt Halle werden zirka 340 Kinder und Jugendliche betreut, die aus problematischen familiären Verhältnissen in staatliche Obhut genommen werden mußten. Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados (SPD) und Jugendamtsleiter Lothar Rochau haben nun beschlossen, die Heime zu leeren und die Kinder und Jugendlichen aus deren Obhut vor die Tür zu setzen. Zurück in die Familien, in denen sie Vernachlässigung, Gewalt, Alkohol und Drogenmißbrauch ausgesetzt waren, heißt es.

Die Stadt hat angeblich kein Geld mehr für den Unterhalt der Einrichtungen, die weitgehend von freien Trägern der Jugendhilfe betrieben werden. Das Konzept für die Haushaltskonsolidierung im Sozialbereich wurde nicht etwa vom Jugendamt erarbeitet.

Dagmar Szabados, damals noch Sozialdezernentin, beauftragte bereits im Jahr 2005 die gemeinnützige START gGmbH, ein Beratungsunternehmen im Sozialbereich, mit der Erarbeitung eines Konzeptes und gab dafür viel Geld aus. In den Jahren 2005 und 2006 sollen 160000 Euro an START und den Geschäftsführer Klaus Roth geflossen sein. Zwei Millionen Euro sollten mit dem Konsolidierungskonzept bis zum Jahresende eingespart werden. Medien, freie Träger und Mitarbeiter der Jugendhilfe laufen Sturm gegen Szabados, Roth und den Leiter des Jugendamtes Lothar Rochau. Doch es geht nicht darum, Problemkinder auf die Straße zu setzen.

In einer dilettantisch formulierten Dienstanweisung forderte Rochau am 3. September seine Sozialarbeiter auf, bis zum 30. September alle Kinder und Jugendlichen in ihre Familien zurückzuführen. Ein nicht realisierbares Unterfangen, da die meisten Heimbewohner per richterlichem Beschluß in die Obhut der Einrichtungen gelangten. Das hätte Rochau wissen müssen. Absicht oder Taktik?

Sozialexperte Herwig Lempp von der Fachhochschule Merseburg kritisiert, daß kaum Jugendamtsmitarbeiter und freie Träger in die Entwicklung des Sparkonzeptes einbezogen wurden. Mitarbeiter des Jugendamtes berichten von der „Zerschlagung“ funktionierender Arbeitsstrukturen. Veränderungen können unangenehm sein.

Freie Träger sehen das Kindeswohl gefährdet und meinen die eigene Existenz. Immerhin geht es um einen geschätzten Etat von 18,5 Millionen Euro pro Jahr. Ein Heimplatz kostet monatlich 3000 Euro für jedes Kind.

Die START gGmbH und ihr Geschäftsführer Klaus Roth gingen mit markigen Begriffen von „Kompetenzteams“, „multiprofessionellen Teams“ und „Sozialräumen“ an die Aufgabe, alte Strukturen zu entflechten. Unter der „Prämisse der Installierung von geeigneten Hilfen für das Familiensystem und der Sicherung des Kindeswohls“ sollen zukünftig teure Heimplätze zur Ausnahme werden. Im Klartext heißt das, erklärt Klaus Roth, „es nach Möglichkeit gar nicht erst zur Heimeinweisung kommen zu lassen“. Sein Konzept basiert auf einer Begleitung von Problemfamilien durch Sozialarbeiter, nicht vom Schreibtisch aus, sondern vor Ort, zum Beispiel in Familienwohngruppen oder durch Hausbesuche von Sozialarbeitern. Doch warum stehen offenbar alle freien Träger und auch die Mitarbeiter des Jugendamtes gegen die Neuausrichtung?

Lothar Rochau rudert zurück, spricht von unglücklichen Formulierungen in seiner Dienstanweisung. Unglücklich war offensichtlich auch die Führung seines Amtes in der Vergangenheit, durch die das Heim für viele Jugendliche zur Endstation wurde. Für die Betreiber der Heime ein einträgliches Geschäft. Durch die Umstrukturierungen könnte ein Teil gesicherter Pfründe neu verteilt werden. Doch für notwendige Fälle soll es auch in Zukunft Heimplätze geben, versichert ein Sprecher der Stadt.

Unruhe auch durch ungeschicktes taktieren der Stadt. Das ruft Verprellte und Neider auf den Plan. Angeblich hat Szabados Roth im Rahmen der Anbahnung einer Städtepartnerschaft zu einer Reise nach China verholfen. In Wahrheit hatte man Roth gefragt, ob er als Sozialexperte auf Wunsch der Gastgeber mitfahren könnte, die Reisekosten hatte Roth selbst übernommen.


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