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17.11.07 / Was Kameradschaft vermag / Der Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte 1944

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-07 vom 17. November 2007

Was Kameradschaft vermag
Der Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte 1944

Mehr als 60 Jahre sind seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen. Es ist bemerkenswert, wie wenige ernst zu nehmende Erlebnisberichte deutscher Soldaten in diesen Jahrzehnten erschienen sind, ganz im Gegensatz etwa zu der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg.

In diesem Jahr ist eines der wenigen Bücher auf den Markt gekommen, die sich von politischer Färbung ebenso fernhalten wie von Sensationshascherei. Es basiert im wesentlichen auf Aufzeichnungen des Autors, die er wenige Wochen nach den Ereignissen, als sie noch frisch in der Erinnerung waren, niedergeschrieben hat.

Claus Neuber, damals 20jähriger Leutnant im schlesischen Artillerieregiment 18, gehörte mit seiner Division zu einer der vier Armeen, die im Sommer 1944 die Heeresgruppe Mitte in Weißrußland bildeten. Die deutsche Führung erwartete die sowjetische Sommeroffensive im Südabschnitt und hatte Kräfte von der Heeresgruppe Mitte dorthin abgezogen. Eine folgenschwere Fehlentscheidung. Die Rote Armee konzentrierte im Mittelabschnitt 23 Armeen mit 85 Divisionen (insgesamt 2,5 Millionen Mann) mit 6000 Panzern und Sturmgeschützen, 45000 Geschützen und Granatwerfern, 6000 Flugzeugen. Ihnen standen auf deutscher Seite nur 48 Divisionen inklusive Reserve- und Sicherungsdivisionen mit 450000 Mann gegenüber. Die deutsche Luftwaffe war in dieser Gegend mit gerade einmal 45 Jagdflugzeugen praktisch nicht vorhanden.

Am 22. Juni 1944 brach der sowjetische Großangriff an sechs auseinander liegenden Stellen los. Innerhalb weniger Wochen war die deutsche Front zerschlagen. Die Wehrmacht verlor 250000 Mann an Toten und Vermißten. 90000 gerieten in Gefangenschaft. Zur deutschen Niederlage trugen auch 240000 straff geführte sowjetische Partisanen im deutschen Hinterland bei. Die sowjetische Kampfesweise war mörderisch.

Nach der Zerschlagung der deutschen Front bemühten sich Versprengte, Tod oder sowjetischer Gefangenschaft zu entkommen. Einer von ihnen war der Autor des neuen Buches „Marsch aus dem Untergang“, Claus Neuber, für die der Begriff des „Rückkämpfers“ geprägt wurde. Von den Sowjets gejagt, versuchten sie, deren Anzahl auf 10000 bis 15000 geschätzt wurde, sich zu den immer weiter nach Westen zurückgedrängten deutschen Linien durchzuschlagen. Bis zum Ende der sowjetischen Offensive gelang das nur 80 Offizieren sowie etwa 800 Unteroffizieren und Mannschaftsteilen. Der Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte kostete doppelt so vielen deutschen Soldaten das Leben als die Katastrophe von Stalingrad, eine Tatsache, die bis heute nicht ins Bewußtsein der deutschen Öffentlichkeit gedrungen ist.

Neuber berichtet vom Rückzug seiner zerschlagenen Einheit. Er gerät in sowjetische Gefangenschaft, bricht aber nach wenigen Tagen aus und macht sich gemeinsam mit dem 18jährigen Gefreiten Georg Maag auf den Weg nach Westen in der Hoffnung, die deutschen Linien zu erreichen. Sie überstehen kaum vorstellbare Strapazen, drohen immer wieder, gefaßt zu werden, können entsetzliche Greueltaten der siegreichen Sowjets beobachten, doch gelingt es ihnen immer wieder zu entwischen. In Litauen finden sie Unterstützung von der litauischen Bevölkerung, von deren Hilfsbereitschaft Neuber dankbar berichtet. Kurz vor der ostpreußischen Grenze stehen sie vor den deutschen Linien. Da verlieren sich die beiden Kameraden aus den Augen. Georg Maag wird nie wieder gefunden. Neuber gelangt mit unglaublichem Glück durch die sowjetischen Stellungen und kann überglücklich in den deutschen Graben springen.

Das Buch berührt einen überaus stark. Er erzählt in sachlichem Ton, was zäher Überlebenswille und gute Kameradschaft vermögen, wenn eine gehörige Portion Glück hinzukommt.

Der Autor wird nach einigen Wochen der Erholung im Westen eingesetzt, wo er in amerikanische Gefangenschaft gerät. Nach der Entlassung studiert er Pharmazie, geht zur Bundeswehr und wird 1984 als Leiter des Dezernats für die Personalführung der Sanitätsoffiziere im Personalamt der Bundeswehr in den Ruhestand entlassen.      Hans-Joachim von Leesen

Claus Neuber: „Marsch aus dem Untergang – Erlebnisbericht eines Rückkämpfers vom Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte im Sommer 1944 in Weißrußland“, Stegen 2007, 368 Seiten, 19,90 Euro, Best.-Nr. 6444


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