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17.11.07 / Tragisch und auch gefährlich / Die Nase ist nicht nur zum Riechen da – Der Geruchssinn ist wichtiger als man glaubt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-07 vom 17. November 2007

Tragisch und auch gefährlich
Die Nase ist nicht nur zum Riechen da – Der Geruchssinn ist wichtiger als man glaubt
von R. Kappler

Regelmäßig sucht Deutschland „den“ Superstar, nichtahnend, daß die Nation schon längst mit Peter Grünberg und Gerhard Ertl über mindestens zwei echte Superstars verfügte. Vielleicht genügte der leider nur kurz aufgeflammte Medienrummel um die beiden deutschen Nobelpreisträger für Physik und Chemie 2007 ja, um deutlich zu machen, daß wahre Superstars an ihrem Nutzen für die Menschheit und nicht an ihren narzisstischen Selbstbedürfnissen zu messen sind. Und vielleicht machte die Nobel-Auszeichnung für Wissenschaftler deutlich, daß Grundlagenforschung nie und nimmer Forschung zum Selbstzweck ist, sondern in aller Regel – wenn auch manchmal erst nach Jahrzehnten – zu Lebensverbesserungen und gesellschaftlichen Veränderungen führt. Deshalb ist Grundlagenforschung von so immenser Bedeutung, auch wenn einzelne Forschungsprojekte beim Einzelnen eher ein Stirnrunzeln hervorrufen.

Wenn nachfolgend davon berichtet wird, daß Trese Leinders-Zufall, Professorin am Physiologischen Institut des Universitätsklinikums des Saarlandes, gemeinsam mit deutschen und amerikanischen Kollegen fünf Jahre lang brauchte, um herauszufinden, daß Mäuse eine spezielle Art von Riechzellen benutzen, um bestimmte Peptid-Hormone wahrzunehmen, die für die Regulation des Salzhaushaltes, und damit für die Flüssigkeitsbalance, im Körper wichtig sind, dann klingt das für den Normalbürger zunächst nicht sonderlich spannend. Wenn man ihm aber erzählt, daß der Geruchssinn nicht nur einer der kompliziertesten Sinne überhaupt, sondern enorm wichtig für die Suche von Nahrung und ihrer Qualitätsbeurteilung ist, daß Menschen für den Aufbau eines sozialen Umfeldes und bei der Partnerwahl die Nase gebrauchen, daß gutes Riechen feindselige Absichten verrät und Gefahren erkennen läßt, dann wird die Sache schon spannender.

Der Ausfall des Geruchssinnes ist für Betroffene tragisch: Wein schmeckt plötzlich wie Wasser und überhaupt werden unterschiedliche Geschmacksnuancen nicht mehr erkannt. Schlimmer noch, der Verlust des Riechens führt eventuell zum Arbeitsplatzverlust, weil Betroffene nicht mehr in der Lage sind, mögliche Gefahrenstoffe zu erkennen. Inzwischen gibt es auch Hinweise darauf, daß die Entwicklung verschiedener Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson mit dem Verlust des Geruchssinnes einhergehen, so daß Riechtests Aussagen zum Fortschreiten der Erkrankung zulassen.

Erst vor drei Jahren haben Richard Axel und Linda Buck den Medizin-Nobelpreis für die Enträtselung des Geruchssinnes erhalten. Was Prof. Leinders-Zufall vorwiegend mit ihrem Kollegen Steven Munger von der Universität in Maryland entdeckte, kann als „Nase in der Nase“, also als weiterführendes Riechsystem bezeichnet werden. Gemeint ist damit eine bestimmte Sorte von Riechzellen (GC-D Zellen) die nur in einem äußerst geringen Prozentsatz in der Riechschleimhaut vorhanden sind. Bislang war unbekannt, ob diese Zellen generell – zumindest bei Mäusen – vorhanden sind und auf welche Stoffe sie ansprachen. In langwierigen Untersuchungen haben die Forscher aus Homburg, München, Baltimore und Dallas entdeckt, daß GC-D Nervenzellen auf die Peptid-Hormone Uroguanylin und Guanylin ansprechen. „Genetisch veränderte Mäuse, denen die GC-D Proteine in den Zellen fehlten, waren quasi blind für diese Stoffe“, sagt Leinders-Zufall. Beide Peptid-Hormone finden sich im Urin.

„Urin“, so sagen die Forscher, „enthält eine reichhaltige Mischung an Stoffen, die Informationen über Geschlecht, genetische Ausstattung und Gesundheitszustand riechbar machen.“ So sind die beiden genannten Peptid-Hormone an der Regulation des Salz- und Wasserhaushaltes beteiligt. Die Forscher vermuten, daß über dieses Geruchssystem die Tiere merken, wann es Zeit zum Trinken oder zur Nahrungsaufnahme wird.

Ob Menschen über ein gleiches System verfügen ist bislang nicht geklärt. Wenn ja könnte dies zum Beispiel erklären, warum ältere und demente Menschen das Trinken vergessen und appetitloser sind. Im Verlaufe ihrer Forschung ist es den Wissenschaftlern gelungen, eine neue Fluoreszenztechnik zu entwickeln, mit deren Hilfe GC-D Neuronen angefärbt und sichtbar gemacht werden können. Das Vorhaben hat aber auch weitere grundlegende Fragen aufgeworfen. So diejenige, warum ein bestimmter Baustein eines Kanalproteins in der Membran der GC-D Zellen ansonsten nur noch in Sehzellen vorkommt.


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