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12.01.08 / In der Planungsfalle / Warum der Kinderwunsch immer weiter verschoben wird / Das bleibt in der Familie (Folge 11)

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 02-08 vom 12. Januar 2008

In der Planungsfalle
Warum der Kinderwunsch immer weiter verschoben wird / Das bleibt in der Familie (Folge 11)
von Klaus J. Groth

Es passiert kaum noch einfach so. Und wenn es doch passiert, ist die Not meist groß. Weil das Baby nicht geplant war, weil es für die eigene Lebensplanung viel zu früh erwartet wird, weil sich einer bestimmt um einen Teil seines Lebens betrogen fühlt.

Es ist ja nicht so, daß sich junge Frauen keine Kinder mehr wünschen. Nur ein bißchen Zeit wollen sie sich lassen, erst einmal das eigene Leben organisieren oder genießen – am besten beides. Das Kind kann kommen, wenn es an der Zeit ist.

Weil aber der rechte Zeitpunkt so unglaublich schwer zu definieren ist, finden sich immer neue Gründe, ihn noch ein wenig hinaus zu schieben. Die Folgen sind in den Vorbereitungskursen für Schwangere zu sehen: Kaum eine der Frauen ist jünger als 35 Jahre. Und falls sich doch einmal eine 19jährige in ihre Mitte verirrt, darf sie allgemeiner Anteilnahme sicher sein, verbunden mit der besorgten Frage, wie denn das habe passieren können …

Zu derartiger Anteilnahme besteht häufig genug aller Anlaß. Denn die meist nicht viel älteren Väter hatten sich die nächsten Jahre auch anders gedacht als mit einem plärrenden Balg am Hals. Sie machten sich bald aus dem Staub. Und steht die junge Frau mit dem Baby erst einmal alleine da, darf sie gewiß sein, es auch für längere Zeit zu bleiben.

Eine alleinerziehende Frau von 20 Jahren machte diese Erfahrung: „Wenn ich einen Mann kennenlerne, werde ich als erstes gefragt, was ich mache. Wenn ich dann sage, daß ich Mama bin, sind die meisten gleich wieder weg.“

Reife Frauen, die ihr erstes Kind erwarteten, bezeichnete der Medizinerjargon als „Alte Erstgebärdende“. Heute ist solch eine Einstufung überflüssig, denn unter gut ausgebildeten Frauen wurde sie zum Regelfall. Eine Anekdote, wie sie die Literaturkritikerin Iris Radisch in ihrem Buch „Die Schule der Frauen – Wie wir die Familie neu erfinden“ schildert, muß man sich nicht ausdenken, sie entspricht den Gegebenheiten:

„Ein Restaurant in Hamburg. Ein Mädchen, acht Jahre, das mit seinen Eltern dort ißt, lernt ein gleichaltriges Mädchen kennen. Die beiden verstehen sich blendend. Nur schade, daß das eine Mädchen im Rheinland wohnt. Die Hamburgerin gibt der Rheinländerin eine Telefonnummer, sagt: ‚Wenn du das nächste Mal mit deinen Großeltern in Hamburg bist, kannst du dich ja melden.’ Die Rheinländerin sagt: ‚Das sind meine Eltern.‘“

Es gibt viele Gründe, warum sich junge Frauen mit dem Kinderkriegen Zeit lassen. Als einen macht Radisch den „großen Wohlstand“ aus, in dem die jetzige Generation der Eltern aufgewachsen ist. Junge Frauen – und junge Männer sowieso – warten erstmal ab, Zeit, Kinder in  die Welt zu setzen, sei immer noch. Erst einmal es im Beruf zu etwas bringen, das Studium abschließen, verschiedene Beziehungen prüfen oder sich ordentlich austoben und die Freiheit auskosten. Alles ist möglich, warum also sollte man sich Fesseln anlegen? Alles zu seiner Zeit, die Kinder können warten.

Der Haken an der Sache ist nur: Es gibt so viele Möglichkeiten und immer neue, eine attraktiver als die andere. Und verlockender als Windeln wechseln und plärrende Schreihälse zu beruhigen sind sie allemal. Bis es für viele zu spät ist und die Natur Grenzen setzt, jenseits derer der Kinderwunsch, wenn er denn einmal kommen sollte, ein Wunsch bleiben muß.

Doch daran denkt man nicht, wenn man 19 Jahre alt ist, da glaubt man noch, über alle Zeit der Welt zu verfügen. Gefragt, ob sie sich Kinder wünsche, antwortete eine 19jährige Studentin: „Um uns eine sorglose Zukunft aufbauen zu können, wünsche ich mir und meinem Freund eine interessante Ausbildung und im Anschluß einen gut bezahlten abwechslungsreichen Job.

Sehr wichtig ist mir auch eine schöne Wohnung, Zeit für die Beziehung, Freunde, Familie und mich selbst. Der Rest kann sich Zeit lassen. Für uns heißt es Einbauküche und Reisen statt Sohn oder Tochter. Falls irgendwann doch die biologische Uhr tickt, würde ich erwarten, daß mein Mann, genauso wie ich, die ersten Monate Elternurlaub nimmt, aber danach gibt’s Kindergärten oder Tagesmütter, klar, ich würde dann weiterarbeiten. Erst mal wünsche ich mir, daß wir unsere verbleibende Jugend genießen.“

Klingt das unbescheiden? Oder ist die Priorität der Einbauküche vor dem Kinderwunsch nicht genau das, was alle Freundinnen so oder ähnlich auch denken? Junge Menschen haben heute eine Freiheit zur Entscheidung wie niemals zuvor.

Das klingt verführerisch gut, ist aber zugleich eine Belastung. Denn je größer die Wahlfreiheit ist, desto weniger Fixpunkte gibt es, die bei der Orientierung helfen. Die Entscheidung aber muß getroffen werden. „Aus dem Entscheidenkönnen wird die Pflicht zur bewußten Entscheidung“, schreibt die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim. Sie sieht in ihrem Buch „Die Kinderfrage“ die nachwachsende Elterngeneration in einer „Planungsfalle“.

Ähnlich sieht das Iris Radisch: „Man hat schon das Gefühl, daß die jüngeren Leute nicht so einfach etwas ausprobieren. Nichts bleibt dem Zufall überlassen, weil sie glauben, sie sind es sich und anderen schuldig, die Kontrolle zu behalten.“

Und die amerikanische Soziologin Ruth Hubbard äußert sich zu dem gleichen Thema mit der Feststellung: „Es stehen immer mehr Entscheidungsmöglichkeiten zur Verfügung – und nur allzu schnell verwandeln sich diese Möglichkeiten in den Zwang, sich für die gesellschaftlich akzeptierte Version zu entscheiden.“

Der Wunsch, sobald als möglich Mutter zu werden, gehört gesellschaftlich nicht dazu, egal ob ledig oder verheiratet. „Unehelich“ ist kein Makel mehr. Der Fehler ist der frühe Zeitpunkt. Frühe Mutterschaft wird als Panne stigmatisiert, junge Mütter bekommen von den älteren Müttern im gemeinsamen Säuglingskurs häufig den Zweifel zu spüren, ob sie denn wirklich in der Lage seien, die Dinge auf die Reihe zu kriegen. Wenn jemand schon nicht aufpaßt und einen solchen verhängnisvollen Planungsfehler macht …

Aber wie gesagt, es passiert  kaum noch einfach so.

 

Familienmenschen

Iris Radisch (* 2 Juli 1959 in Berlin) wurde einem breiteren Publikum durch ihre Teilnahme an der Sendung „Das literarische Quartet“ im ZDF bekannt. Leser der „Zeit“ kannten die Literaturkritikerin bereits länger. Seit 1990 schreibt sie für „Die Zeit“. Im allgemeinen ist diese Berufswahl nicht unbedingt motivierend für grundlegende Gedanken über die Rollenverteilung in der Partnerschaft. Doch Iris Radisch, die mit dem „FAZ“-Redakteur Eberhard Rathgeb verheiratet ist, ist zugleich Mutter von drei Töchtern. Sie kennt den permanenten Zwiespalt zwischen Hinwendung zur eigenen Familie und den Erfordernissen einer anspruchvollen Aufgabe im Beruf. Aus diesen Erfahrungen resultiert ihr Buch „Die Schule der Frauen“. Wie wir die Familie neu erfinden.“ Eine ihrer Kernthesen: Familie ist nicht allein Sache der Frau, die Männer müssen ihren Anteil an der Familienarbeit übernehmen: „Gleichberechtigung ist nicht nur in der Partnerschaft, sondern auch in der Verantwortung für die Kinder.“ Iris Radisch arbeitet Teilzeit und lebt in einer Art Pendelbeziehung: „Das kann ich niemandem empfehlen, das ist viel zu kräftezehrend. Ich bin durch die Doppelbelastung an meine Grenzen gekommen.“ Ihr Buch hat sie ihren Töchtern gewidmet, denen sie „ganz tolle Männer“ wünscht. Und das seien sie nur, wenn sie tolle Väter seien.

Cherie Blair (* 23. September 1954, in Bury / Manchester) bewegte mit ihren Schwangerschaften die Gemüter in Großbritannien. Die Frau des ehemaligen Premiers Tony Blair hat die Nöte und das Glück einer späten Schwangerschaft erfahren. Im Jahr 2000 kam sie mit 45 Jahren zum  vierten Mal zu Mutterfreuden. Der Nachwuchs war nach drei Kindern im Alter von zwölf bis 16 nicht mehr geplant gewesen. Sohn Leo, wie der Sprößling später genannt wurde, brachte eine Menge Leben in die Downing Street – und Tony Blair eine Menge Sympathiepunkte in der Bevölkerung. Trotz Komplikationen verlief die Schwangerschaft gut. Leo Blair ist das erste Kind seit 150 Jahren, das geboren wurde, während der Vater als Premierminister amtierte. Zwei Jahre später wurde Cherie Blair mit 47 Jahren erneut schwanger. Es sollte ein Mädchen werden. Doch dann erlitt Cherie Bair eine Fehlgeburt.

Sandra Maischberger (* 25. August 1966 in München) war 40 Jahre alt, als sie zum ersten Mal Mutterfreuden entgegenblickte. Die Journalistin und TV-Moderatorin erklärte später, es sei nicht die Karriere gewesen, die sie so lange den Kinderwunsch habe hinauszögern lassen: Sie habe erst reisen und unabhängig sein wollen. In einem Interview mit der Illustrierten „Bunte“ verriet sie: „Es war schlicht und ergreifend so, daß ich leben wollte. Ich wollte reisen, ich wollte unabhängig sein. Aber der Gedanke, Kinder zu haben, war von Anfang an da.“


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