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12.01.08 / Stalins großer Bluff / Einheit für Neutralität – War das sowjetische Angebot 1952 ernst gemeint?

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 02-08 vom 12. Januar 2008

Stalins großer Bluff
Einheit für Neutralität – War das sowjetische Angebot 1952 ernst gemeint?

Der Klappentext von „Stalins großer Bluff“ endet mit einem Paukenschlag, wie er in historischen Abhandlungen selten anzutreffen ist: „Der jahrzehntelange Streit um die Stalin-Note ist mit der vorliegenden Dokumentation entschieden.“

Die älteren Leser erinnern sich und die meisten jüngeren haben davon gehört, daß mitten in die Westintegration und Wiederaufrüstung der Bundesrepublik Deutschland 1952 eine Stalinnote platzte, die die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten auf der Grundlage freier Wahlen in Aussicht stellte, vorausgesetzt alle Beteiligten stimmen der immerwährenden Neutralität Deutschlands zu.

Adenauer und die Westmächte lehnten umgehend ab. Aber starke politische Kräfte in der Bundesrepublik zeigten sich begeistert, forderten zumindest, man müsse die Ernsthaftigkeit des Angebotes ausloten. Dann wisse man sicher, ob Stalin nur geblufft habe, um den Integrationsprozeß zu stören. 

Doch es kam zu keinerlei ernsthaften Verhandlungen, weil die Verantwortlichen des Westens aus Sicherheitsgründen auf das Angebot auch dann nicht hätten eingehen dürfen, wenn es ernst gemeint gewesen wäre. Denn die Annahme hätte bedeutet, daß die US-Armee, die westliche Weltmacht, praktisch aus Mitteleuropa verbannt gewesen wäre und Europa gegen einen Angriff der Roten Armee nicht hätte verteidigt werden können.

Die akademische Frage nach den wahren Absichten Stalins war damit aber nicht vom Tisch. Nun scheint sie auf Dauer beantwortet. Die Öffnung der russisch / sowjetischen Archive hat reinen Tisch geschaffen. 

Ruggenthaler bietet 141 bislang unbekannte Dokumente des sowjetischen Außenministers Molotow. In seiner knapp 40 Seiten langen Einführung schildert er zunächst den die Stalin-Note betreffenden Historikerstreit. Es folgt die Entstehungsgeschichte der Stalin-Note. Die Absicht Stalins wird dokumentiert, den westdeutschen Neutralisten Schützenhilfe zu leisten, nachdem es als sicher galt, daß der Westen auf das Angebot nicht eingehen werde. In mehreren der Dokumente werden Namen und Organisationen genannt, die als fünfte Kolonne Stalins agierten: „Wirth, Heinemann, Niemöller u. a. Die Kommunistische Partei ging eine engere Verbindung mit vielen unteren sozialdemokratischen Organisationen ein …“ Da die Wiedervereinigung nicht beabsichtigt war, hatten auch die obersten SED-Funktionäre ihre Finger im Spiel. Schon dies allein verrät die wahre Zielsetzung, denn ein Mann wie Walter Ulbricht wäre nie bereit gewesen, auf seine eigene Entmachtung hinzuarbeiten.

Die Dokumentation und der Begleittext überzeugen. Sie stellen für den anspruchsvollen zeitgeschichtlich Interessierten eine wahre Fundgrube dar.       Konrad Löw

Peter Ruggenthaler (Hrsg.): „Stalins großer Bluff – Die Geschichte der Stalin-Note in Dokumenten der sowjetischen Führung“, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte Bd. 95, München 2007, 256 Seiten, 24,80 Euro, Best.-Nr. 6500


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