21.01.2022

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
16.02.08 / Mein Liebesverhältnis mit »Gina« / Die Erlebnisse eines Nachprüfers der Bundesluftwaffe mit der Fiat G 91

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 07-08 vom 16. Februar 2008

Mein Liebesverhältnis mit »Gina«
Die Erlebnisse eines Nachprüfers der Bundesluftwaffe mit der Fiat G 91
von Dieter Schultz

Mir ist die, wie sie später liebevoll genannt wurde, „Gina“ erst im Herbst 1962 über den Weg geflogen, obwohl sie schon als taktisches Erdkampfflugzeug mit der Bezeichnung G 91 R 3 oder als Trainerversion G 91 T 3 1958 zur Auslieferung an die Luftwaffe kam. Dieser Flieger hatte die damaligen Nato-Anforderungen als leichtes Kampfflugzeug erfüllt und auch die Erwartungen übertroffen.

Bei den Piloten hatte sie einen guten Ruf wegen ihres Handlings, ihrer fliegerischen Eigenschaften, ihren Rundungen, deswegen auch die liebevolle Bezeichnung „Gina“ in Anspielung auf Gina Lollobrigida.

Natürlich besaß sie nicht die heutige Hightech – kein Display auf der Frontscheibe und vieles mehr.

Da wurden wie in alten Zeiten mit dem Fettstift Zeichen an der Innenseite der Kabine gesetzt, um den bestmöglichsten Abschuß einer Rakete zu ermöglichen oder mit der Bordkanone Treffer ins Ziel zu setzen.

Aufgrund der Niederdruckreifen und des Fahrwerkes konnte die „Gina“ auf einer Grasnarbenpiste ebenso landen wie auch starten. An diesem Flieger war noch die Anschlußtechnik unserer Messerschmitt Me 262 enthalten, viele manuelle Vorgänge, viel Kraft für den Piloten. Einige hydraulische Unterstützung gab es schon, wobei der Hydraulikdruck mittels Pumpen vom Triebwerk erzeugt wurde.

Die Fiat G 91 hatte nur ein Triebwerk, wie zu der damaligen Zeit andere Waffensysteme auch.

Wenn die Turbine sich drehte und genügend Schub erzeugt wurde, war alles in Butter, wehe wenn nicht, dann ging alles ganzschnell nach unten, dabei sind einige der Kameraden ums Leben gekommen.

In der Technik wurde sorgfältig gearbeitet und unsere Piloten mit ihrem fliegerischen Können haben dazu geführt, daß es bei vergleichsweise wenigen Abstürzen geblieben ist!

Der Martin-Baker-Schleudersitz hat bei Notsituationen fast immer gut funktioniert.

Ich kam 1962 nach der Grundausbildung zum LeKG (leichtes Kampfgeschwader) 43 später JG (Jagdgeschwader) 72, um gleich weiterzureisen nach Erding, wo ich die „Gina“ kennen- und liebenlernte. Speziell der Triebwerk-Sektor hatte es mir angetan. Fortan habe ich nur an die Strahlturbine Bristol-Siddeley Orpheus 803 gedacht!

Leider konnte man an diesem Triebwerk nicht viel machen, außer Sichtkontrollen von vorn in den Verdichter bis hinten an die Turbinenschaufeln. Der häufigste Schaden war der Vogelschlag. Wenn dann so ein Piepmatz, meist waren es Möwen, in den Ansaugschacht gelangte, gab es einen Strömungsabriß und die Leistung fiel ab, das Flugzeug war manövervierunfähig. Jetzt war das Können des Piloten gefragt!

Das Triebwerk wurde angelassen mittels einer Kartusche, hier brannte nach der Zündung eine hochexplosive Masse ab, der Gasdruck trieb die Turbine an und die wieder den Rotor vom Triebwerk!

Manchmal ist die Anlaßturbine abgerissen und durch die gepanzerte Verkleidung und weiter durch die Flugzeugverkleidung geschossen. Es passierte Gott sei Dank nicht so oft.

Das Gefährlichste beim Anlassen war der Ansaugschacht. Ist der Wart oder Mechaniker zu dicht an diesen Gefahrenbereich gekommen, konnte er von der Saugströmung angesaugt werden. Es gab Verletzte, aber durch immer größere Vorsichtsmaßnahmen wurde das Personal geschützt.

Als Nachprüfer durfte ich auch mehrmals mit der Fiat G 91 T 3 mitfliegen. Dieses war ein Bonbon besonderer Art und entschädigte für alle sonstigen Strapazen, die man während der Dienstzeit hatte. Ein bißchen schmerzlich war es dann doch, als die „Gina“ ausgemustert und in Einzelteile zerlegt der Schrottpresse zugeführt wurde! Einen Leistungsgriff – Powerhebel genannt – konnte ich noch als Souvenir ergattern!

Nun freute ich mich auf den „Alpha Jet“ mit den Snecma-Larzac-Triebwerken, hier konnte man Triebwerker, Techniker sein. Jedes Modul konnte ausgewechselt werden und nach einem aufwendigen Prüflauf wieder in den Flugbetrieb übergeben werden. Insofern war der „Alpha Jet“ ein schöner Trost für den Verlust von „Gina“.

Foto: Fiat G 91 des JaboG (Jagdbombergeschwaders) 33: Vor 50 Jahren, am 20. Februar 1958 nahm die erste Vorserienmaschine der „Gina“ die Erprobung auf.


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren