15.08.2022

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
01.03.08 / Ost-Deutsch (55): Ober

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-08 vom 01. März 2008

Ost-Deutsch (55):
Ober
von Wolf Oschlies

Vor langen Jahren suchte die Gesellschaft für deutsche Sprache neue Anreden für Restaurantpersonal, die „Ober“ und „Fräulein“ ersetzen sollten. Daraus wurde nichts, speziell der „Ober“ hält sich eisern, zumal es die Grundform, den „Oberkellner“, als Ausbildungsberuf noch gibt. Und bei Tschechen ist der „Herr Ober“ als „pan vrchni“, also als Calque oder wörtliche Übertragung, uralt. Hingegen ist der tschechische „obr“ ein „Riese“: „Evropa nyni dosahla potencial hospodarskeho obra“, kommentierte der Tschechische Rundfunk die EU-Erweiterung von 2004: Europa hat nun das Potential eines ökonomischen Riesen.  

Bei Russen lebt der „Ober“ in manchen Titeln, die alle recht deutsch erscheinen: Oberbjurgermajster (-bürgermeister), Ober-oficer (-offizier), ober-lejtenant (-leutnant), Ober-prokuror (Oberstaatsanwalt) und schließlich „obermensch“ – die witzige Charakterisierung des (einstigen) Prestiges Putins bei Deutschen, die die Moskauer Presse prägte. Daneben gibt es bei Russen, Ukrainern und Weißrussen noch ein paar weitere „obermenschi“, die ich für eine eigene Darstellung zurückstelle. Eindeutiger ist in jedem Fall der „oberkaspar“ oder „oberkasperl“, als den viele Tschechen ihren Staatspräsidenten Vaclav Klaus ansehen.

In der russischen politischen Sprache machte die Presse schon vor Jahren den „oberton“ oder die „obertonalnoe odnoobrazie“ (obertonale Eintönigkeit) aus: Jemand sagt etwas, glaubt es selber nicht und gibt seine Zweifel durch Modulation der Stimme zu erkennen. Bei Polen spielte vor zwei Jahren, aus Anlaß der 60. Wiederkehr des Kriegsendes, der „Obergruppenführer“ eine gewisse Rolle. Analog zu diesem ernannte die kroatische „Feral Tribune“ Vojko Obersnel, den Bürgermeister von Rijeka, zum „Oberschnellbahnführer“ und den  deutschen Journalisten Ströhm, einen liebedienerischen Fürsprecher des kroatischen „Führers“ Franjo Tudjman, zum  „Oberströhmbahnführer“.

Besser gefiel mir zu Jahresbeginn 2007 der „obr“, den der Tschechische Rundfunk zur deutschen Präsidentschaft in EU und G8 vorstellte: „Nemecko se povazovalo za hospodarskeho obra, ale poltickeho trpaslika“ (Deutschland galt als wirtschaftlicher Riese, aber politischer Zwerg), was nun nach Ansicht der Weltpresse anders sei.


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren