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01.03.08 / Siegel ohne Gewähr / Das Spendensiegel für Hilfsorganisationen ist nicht mehr als Imagepflege

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-08 vom 01. März 2008

Siegel ohne Gewähr
Das Spendensiegel für Hilfsorganisationen ist nicht mehr als Imagepflege
von Mariano Albrecht

Zwischen drei und fünf Milliarden Euro spenden Bundesbürger jährlich für wohltätige Zwecke, doch allzuoft versickert ein Großteil des Geldes in aufgeblasenen Verwaltungen, im schlimmsten Fall in dunklen Kanälen dubioser Organisationen. Über 2000 überregional tätige Organisationen buhlen um die Gunst der Spender. Doch wie soll man echte Hilfsorganisationen von schwarzen Schafen unterscheiden?

Nachdem die Affäre um das Kinderhilfswerk Unicef bekannt wurde, hat nun das Deutsche Institut für soziale Fragen (DZI) der Organisation das Spendensiegel entzogen. Grund genug, sich die Frage zu stellen, warum das DZI erst jetzt reagierte. Ist das Siegel nicht eine Garantie für einen sauberen Umgang mit den Spendengeldern?

Offenbar nicht. Das Hauptaugenmerk wird vom DZI auf das Verhältnis von Verwaltungsaufwand und dem Geldfluß in die verschiedenen Hilfsprojekte gerichtet. Bis zu 35 Prozent Verwaltungskosten aus dem gesamten Spendenaufkommen gelten als seriös, das Kinderhilfswerk lag mit 30 Prozent Verwaltungsaufwand im Rahmen. Trotzdem wurde Unicef das Spendensiegel nun entzogen.

Eine gesetzliche Pflicht zur Offenlegung und Prüfung einer Spendenorganisation gibt es nicht, die Prüfung ist freiwillig und muß auf Initiative der Organisation beantragt werden. Außer dem DZI, einer Stiftung des Berliner Senats, dem Familienministerium, dem Deutschen Industrie und Handelskammertag, dem Städtetag und der freien Wohlfahrtspflege, vergibt auch die Evangelische Allianz ein Spendensiegel. Die Prüfkriterien sind ähnlich.

Obwohl das Spendensiegel keinerlei rechtliche Bedeutung hat, sind renommierte Organisationen um das Gütezeichen bemüht. Viele kleine Initiativen verzichten jedoch auf eine Prüfung, ein Grund sind die Kosten. Was sich große Hilfsorganisationen für die Imagepflege gern leisten, ist für finanzschwächere Hilfsprojekte schlicht zu teuer. 1500 Euro kostet ein Erstantrag, jede weitere Prüfung schlägt mit 500 Euro zu Buche und ab einem jährlichen Spendenaufkommen von 50000 Euro werden noch einmal 0,035 Prozent des jährlichen Spendenaufkommens fällig. Dieses Geld müssen die Helfer aus der Spendenkasse zahlen. Auch bei einer Obergrenze von 10000 Euro nicht gerade wenig.

Grundvoraussetzung ist das Einreichen des letzten Jahresberichtes, der von einem unabhängigen Wirtschaftsprüfer erstellt werden muß. Nach einem eigenen Schlüssel wird dann die sparsame Mittelverwendung, das Verhältnis von Personalkosten, Ausgaben für Werbung, die Sachlichkeit der Werbung und die Überwachung der Leitungsgremien und die Einhaltung der steuerrechtlichen Vorschriften überprüft. Die Zahlung von erfolgsabhängigen Provisionen für Spendenwerber verstößt gegen die Vergaberichtlinien. Werden jedoch zum Beispiel Provisionszahlungen an professionelle Spendensammler oder zu hohe Beraterhonorare nicht angegeben oder in anderen Posten versteckt, ist der Prüfapparat wirkungslos. Unicef hatte zum Beispiel über Jahre freiberufliche Spendenwerber, sogenannte Fundraiser, erfolgsabhängig bezahlt, darüber aber keine Auskunft erteilt. So wurde das Spendensiegel regelmäßig an Unicef vergeben. Auch das Kinderhilfswerk zahlte dafür jährlich den Höchstbetrag von 10000 Euro an das DZI. Ob 10000 Euro für die Durchsicht einer bereits durch Wirtschaftsprüfer erstellten Bilanz unter das Kriterium „sparsame Mittelverwendung“ fällt, ist Ansichtssache, daß jedoch der Gesetzgeber durch die Delegierung des Spendengesetzes an die Bundesländer zu einer Erosion der Prüfinstrumente beiträgt, ist unverständlich. Nach Angaben des DZI werden rund 30 Prozent der Anträge für das Spendensiegel abgelehnt, zehn Prozent der Auskünfte zu Organisationen ohne Spendensiegel enthalten negative Wertungen. Doch wann kann ein erteiltes Gütesiegel entzogen werden?

Beim DZI sieht man den Entzug des Spendensiegels für Unicef fast mitleidig, auch DZI-Chef Burkhard Wilke gibt zu, daß so große Organisationen wie Unicef kaum ohne Spendenwerber auskommen können.

Nur einmal, 1994, wurde ebenfalls ein Spendensiegel entzogen. Damals mußte der deutsche Ableger von Care das Siegel wegen Ungereimtheiten in der Administration zurückgeben.


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