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01.03.08 / Irrationaler Widerstand / Eigentlich müßte Serbien froh sein, die ruinöse Provinz Kosovo los zu sein

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-08 vom 01. März 2008

Irrationaler Widerstand
Eigentlich müßte Serbien froh sein, die ruinöse Provinz Kosovo los zu sein
von Wolf Oschlies

Serbien hat sich nach 1974 – nach der neuen Verfassung Jugoslawiens, die dem Kosovo faktisch einen Republik-Status gab – politisch nicht mehr um seine Südprovinz gekümmert, nach 1980 seine Investitionen dort eingestellt und nach 1990 das Kosovo auch demographisch abgeschrieben. Keinem einzigen der über 500000 serbischen Flüchtlinge aus Bosnien und Kroatien wurde das Kosovo als neue Heimat angewiesen.

Lange hat Belgrad solche Bilanzen verschwiegen, erst der absehbare Verlust des Kosovo brachte diesen ins serbische Bewußtsein zurück. Im März 2007 breiteten hochkarätige Fachleute vor dem „Forum für eine Nationalstrategie“ ihre Gedanken über den Wert des Kosovo für Serbien aus. Slobodan Kljakic, Wirtschaftsexperte der Tageszeitung „Politika“, rechnete die immensen Reichtümer des Kosovo an Bodenschätzen vor, die Serbien und Jugoslawien trotz beachtlichen Aufwands – „Dutzende Milliarden Dollar seit 1960 durch den Fonds für unterentwickelte Gebiete“ – nicht annähernd zu nutzen vermochten. 

Jetzt ist das Kosovo unabhängig, bleibt aber das Armenhaus Europas: Sein Bruttoinlandsprodukt ist mit 1500 Dollar pro Kopf und Jahr das niedrigste, seine Arbeitslosigkeit mit 70 Prozent die höchste im europäischen Rahmen.

Wer im Kosovo einen Job hat, verdient etwa 150 Euro im Monat, aber 1,3 Millionen Kosovaren müssen nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds mit täglich 92 Cent auskommen. Jahrelang waren internationale Hilfen und Überweisungen von Auslands-Kosovaren die wichtigsten Einnahmequellen, aber weil die um zwei Drittel zurückgingen, muß bereits im Juni 2008 eine internationale Geberkonferenz neue Mittel auftreiben, die das unabhängige Kosovo vor dem Staatsbankrott bewahren sollen.

Das Kosovo ist ein Klotz am Bein eines jeden, der für es Verantwortung trägt. Die UN-Verwaltung hat seit 1999 Dutzende Euro-Milliarden ins Kosovo gepumpt, die EU wird damit fortfahren, wenn sie demnächst für das Kosovo zuständig sein wird. Serbien sollte froh sein, dieses Faß ohne Boden los zu sein, aber es reagiert mit teils berechtigtem Ärger, teils mit selbstschädigender Verblendung auf den Verlust des Kosovo. Am Rande der friedlichen Belgrader Protestdemonstration vom 21. Februar zündeten Rowdies die US-Botschaft in Belgrad an und plünderten Geschäfte, die amerikanische Waren anboten.

Weitaus vernünftiger ist es, die realen Verluste zu bilanzieren, die Serbien durch die erzwungene Abtrennung des Kosovo erleidet. Diese Aufgabe, die noch kein Staatsamt wagte, unternahmen kürzlich die Redakteure des unabhängigen Senders B92, wobei sie zu erhellenden Resultaten kamen. Im Kosovo liegen die fünftgrößten Kohlevorräte der Welt, nämlich 14,7 Milliarden Tonnen. Die kosovarischen Vorkommen an Blei, Zink und anderen „strategischen Metallen“ werden auf 51 Millionen Tonnen geschätzt, was nach Berechnungen der Weltbank einen Wert von mindestens 13,5 Milliarden Euro darstellt.

Serbien besitzt im Kosovo 1358 Betriebe, die von der UN-Übergangsverwaltung „privatisiert“ werden (laut UN-Resolution 1244 dürfen sie nur „verwaltet“ werden), wobei die serbischen Eigentümer zwar für die Schulden der Betriebe haften, von den Privatisierungserlösen aber keinen Cent sehen. Das gilt insbesondere für die 248 Betriebe der Serbischen Elektrowirtschaft, Telekom, Eisenbahn und Forstverwaltung, die Milliarden wert sind, in den letzten Jahren im Kosovo aber Hunderte Millionen Euro Verluste einfuhren. Der serbische Staatsbesitz an Landwirtschafts- und Forstböden, Bauland, Gebäuden etc. ist 220 Millionen Euro wert, das von vertriebenen oder geflüchteten Serben zurückgelassene Eigentum „mindestens vier Milliarden Euro“.

Das ist der „buchhalterische“ Wert des Kosovo für Serbien. Daneben weist die Region einen Unwert auf, den Präsident Putin am 22. Februar auf dem Treffen der Führer der elf postsowjetischen GUS-Staaten erwähnte: Die Unabhängigkeit des Kosovo „kann ohne Zweifel eine Reihe unvorhergesehener Folgen provozieren“. Der russische Noch-Präsident wußte, warum und zu wem er das sagte. In Moskau waren auch die Staatschefs von Georgien, Moldawien, und Aserbajdschan anwesend, die es seit 1992 daheim mit vier Sezessionsgebieten zu tun haben:

1. Transnistrien im Osten Moldawiens: 4163 km² Fläche, 555000 Einwohner, darunter 32 Prozent Moldawier (Rumänen) und 30 Prozent Russen. Hauptstadt: Tiraspol.

2. Abachasien an der Schwarzmeerküste Georgiens, 8700 km² Fläche, 340000 Einwohner (2001, nach UN-Schätzung nur 200000), davon 54 Prozent Abchasen, Hauptstadt Suchum.

3. Süd-Ossetien im nördlichen Bergland Georgiens, 3900 km², 80000 Einwohner (2005), davon 66 Prozent Osseten, Hauptstadt Zchinval.

4. Nagorni Karabach inmitten Aserbajdschans, 4400 km² Fläche, 192000 Einwohner, davon 76 Prozent Armenier, Hauptstadt Stepanakerk.

Diese vier „Staaten“ haben in den frühen 1990er Jahren in blutigen Sezessionskriegen, bei denen sie von Rußland massiv unterstützt wurden, ihre „Unabhängigkeit“ erkämpft, sind international aber nie anerkannt worden. Vor einigen Jahren haben sie sich in einer „Gesellschaft für Demokratie und Völkerrecht“ zusammengeschlossen, die Moskau ständig in den Ohren lag, ihnen mittels Anerkennung zu internationaler Reputation zu verhelfen. Ihre größte Hoffnung richteten sie dabei auf das Kosovo, nach dessen Beispiel sie die eigene Unabhängigkeit zu erringen trachteten. Dem scheint Putin zuzustimmen, wenn er wiederholt die „Universalität des Kosovo-Prinzips“ einforderte.

Wenn Rußland es jetzt noch gelingt, das Kosovo-Problem wieder in die Vereinten Nationen zurück-zubringen, dann könnte kosovarischer Unabhängigkeits-Spuk bald vorüber sein.  

Foto: Wutentbrannt: Serben demonstrieren gegen die Unabhängigkeitserklärung des Kosovo.


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