29.01.2022

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01.03.08 / Und wer sorgt für das Kind? / Zu viel Zeit in der Kinderkrippe / Das bleibt in der Familie (Folge 18)

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-08 vom 01. März 2008

Und wer sorgt für das Kind?
Zu viel Zeit in der Kinderkrippe / Das bleibt in der Familie (Folge 18)
von Klaus J. Groth

Angeblich werden wir immer schlauer. Das sogenannte Wissen der Menschheit verdoppelt sich  gegenwärtig locker alle fünf Jahre. Vor einem halben Jahrhundert benötigte es noch 50 Jahre zur Verdoppelung, und beim Wechsel vom 19. zum 20. Jahrhundert mußte sich die Wissenschaft noch 100 Jahre abmühen, um diesen Effekt zu erreichen. Also, wir müßten folglich schon ganz schön schlau sein! Nur seltsam, daß wir einige grundlegende Erfahrungen offenbar immer wieder neu machen müssen. Seltsam auch, daß ohne den Gütestempel einer wissenschaftlichen Bestätigung offenbar die elementarsten Erkenntnisse keine Gültigkeit haben (wobei gerne übersehen wird, daß gerade in den Geisteswissenschaften viele Kinder ihrer Zeit fleißig wirken). Gegenwärtig zum Beispiel bei der Frage, wo denn das Kleinkind nun besser aufgehoben sei – in der Krippe oder bei Mama?

Diese Frage einem Menschen gestellt, der noch nicht von dem Fünf-Jahres-Rhythmus des verdoppelten Wissens beeinflußt ist, würde wahrscheinlich einiges Unverständnis auslösen. In der ländlich geprägten afrikanischen Kultur bleiben Kinder während der ersten neun Monate nach ihrer Geburt selbstverständlich im permanenten Hautkontakt zur Mutter. Im Tragetuch auf den Rücken gebunden, sind sie immer und überall dabei. Der Alltag der Mutter ist der Alltag der Kinder. Dieser enge Kontakt, sagen die Mütter, mache die Kinder später ruhiger und ausgeglichener, sie seien dann einfach besser zu ertragen.

Diese Mütter benötigen für ihr Verhalten nicht das Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung. Kein Erziehungswissenschaftler muß ihnen sagen, was sie zu tun haben. Sie machen, was ihre Mütter machten und was deren Mütter machten – und sie machen das Richtige.

Die Erfahrung dieser Mütter deckt sich verblüffend mit wissenschaftlichen Untersuchungen. So fand der Londoner Professor der Psychologie Jay Belsky in einer Studie zur Kinderbetreuung in den USA heraus: Je länger Kinder in einer Kindertagesstätte betreut wurden, desto häufiger neigen sie später zu Aggressivität. Er warnt: „Wenn immer mehr, immer früher, immer mehr Zeit in Kindertagesstätten verbracht wird“, seien die Folgen unabsehbar.

Die deutsche Kinder- und Jugendpsychologin Christa Mewes hingegen benennt diese Gefahren: „In der früheren Sowjetunion konnte man sehen, daß 70 Jahre Krippenerziehung ein Volk zerstören. Nach sechs Wochen gingen die Frauen dort wieder in die Produktion, und wir haben dort so viele Alkoholiker wie nirgendwo sonst.“ Nun mag ja sein, daß diese Schlußfolgerung etwas großzügig gezogen ist, schließlich galten der Russe und sein Wodka schon vor der Oktoberrevolution als ein Pott und ein Deckel. Aber als Nadelstich ins schlechte Gewissen der Mütter wirkt dieser Bezug von der Krippe zum Alkoholismus allemal.

Das schlechte Gewissen, das ist das ewige Dilemma der Mütter. Gleich zweifach sind sie dem gegenwärtig ausgesetzt. Sie bekommen Druck aus gegensätzlichen Richtungen. Da ist die permanente Sorge der Mütter selbst, keine gute Mutter zu sein, nicht genügend für das Kind zu tun. Das Gewissen sagt: Du mußt ganz und allein für das Kind da sein, das Kind hat einen Anspruch darauf. Und da ist der Druck der Gesellschaft, die unablässig signalisiert: Nur Mutter sein genügt nicht, wer Anerkennung will, der muß arbeiten, nur in der Arbeit ist Selbstverwirklichung zu finden.

Dieser permanente gesellschaftliche Druck zeigt schon lange seine Wirkung. Als die Universität Rostock vor neun Jahren in einer umfassenden Studie nach den Zukunftsperspektiven junger Mädchen fragte, da sagten gerade mal zwei Prozent der Mädchen, sie könnten sich ein ausgefülltes Leben mit Küche und Kind vorstellen. 85 Prozent gaben an, erst im Beruf Fuß fassen und dann eventuell Mutter werden zu wollen.

Der Psychologe Wolfgang Bergmann, Autor etlicher Bücher über kindliche Entwicklungen, beklagt: „Viele junge Frauen sind heute einer gesellschaftlichen Propaganda, einem Imagedruck ausgesetzt und verstecken deshalb ihre tieferen Gefühle, weil sie glauben, dem Muttersein nicht nachgeben zu dürfen.“ 

Mehr als die Hälfte aller Mütter von Kleinkindern ist heute berufstätig. Weil sie sich selbst dafür entschieden haben oder aber, weil ein Einkommen für die Familie nicht ausreicht.

Bevor das Kind kommt, scheint die Entscheidung einfach zu sein, der Beruf hat Priorität. Doch was so klar und logisch wirkte – weil es ja alle so machen – das ändert sich schlagartig, ist das Kind erst einmal da. Eine Pastorin, die alleinstehende Mütter betreut, faßt ihre Erfahrungen so zusammen: „Der Druck, der auf den erwerbstätigen Müttern lastet, ist enorm. Frauen glauben, alles 100prozentig machen zu müssen, Partnerschaft, Beruf und Kind. Da ist vor allem die Sorge, daß das Kind nicht zu seinem Recht kommt.“

Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn die Mehrzahl der Mütter es vorziehen würde, bei dem Kind zu bleiben statt zur Arbeit zu gehen. Im Auftrag des Familiennetzwerkes nahm das Meinungsforschungsinstitut Ipsos eine Befragung vor, bei der unterstellt wurde, die Eltern hätten die Wahl zwischen einem Krippenplatz und einem steuerfreien Zuschuß von etwa 1000 Euro im Monat. Unter der Voraussetzung, daß später eine problemlose

Rückkehr in den Beruf möglich sei, entschieden sich 70 Prozent der Mütter mit Kindern unter drei Jahren für eine häusliche Unterbrechung der Berufstätigkeit von drei bis sieben Jahren.

Nach Angaben des Bundesfamilienministeriums, das allerdings  keine 1000 Euro steuerfrei locker in Aussicht stellt, wollen 94 Prozent der Mütter im ersten Jahr zu Hause bleiben.

Dann aber, davon geht Ministerin Ursula von der Leyen aus, drängen die Mütter mit Macht wieder zurück in den Beruf. Zwei Drittel der Eltern, so die ministerielle Lesart, suchen für ihr zweijähriges Kind einen Krippenplatz. Und weil davon noch lange nicht ausreichend vorhanden sind – allenfalls für 13 Prozent der Zweijährigen – sollen bis 2013 insgesamt 750000 neue Krippenplätze geschaffen werden.

Die Angebote sollen vom zweiten Lebensjahr an gelten. Für jene sieben Prozent der Eltern, die ihr Baby bereits vor dem ersten Geburtstag in einer Krippe abgeben möchten, findet sich allenfalls einen Platz in privatwirtschaftlichen Baby-Sammelstellen.

Schließlich ist diese Erkenntnis schon mehr als 100 Jahre alt: Während des ersten Jahres gehören Mutter und Säugling unbedingt zusammen. In dieser Zeit prägt sich über die Mutter das Ich-Gefühl des Kindes aus. Es gewinnt an Sicherheit. Je kürzer diese Zeit bemessen ist, desto weniger sicher wird es später durchs Leben gehen. Die Beziehung zwischen Mutter und Kind, bereits vor der Geburt geprägt, muß im ersten Jahr nach der Geburt ihre Fortsetzung finden. Die Stimme der Mutter, die Bewegung ihres Körpers, später der Blickkontakt, alles das ist für die Entwicklung des Babys absolut erforderlich. Die afrikanischen Mütter, über die zu Beginn dieses Textes geschrieben wurde, sie wissen das, auch ganz ohne wissenschaftliche Begleitung.

Auch nach dem ersten Geburtstag geben durchaus nicht alle Experten, die sich mit der frühkindlichen Entwicklung befassen, grünes Licht Richtung Krippe. Die Hamburger Analytikerin Ann Kathrin Scheerer ist der Ansicht, daß Kinder in den ersten drei Lebensjahren „unbedingt“ auf die Mutter angewiesen seien, denn in dieser Zeit entstehe das Urvertrauen, in dieser Zeit seien „exklusive Beziehungen“ unerläßlich.

Während unter Experten und Ideologen der Krieg der Argumente andauert, könnte fraglich sein, ob Krippen einmal so flächendeckend vorhanden sein werden wie es die Kindergärten bereits sind. 89 Prozent der Drei- und Fünfjährigen in Deutschland werden, mittlerweile in Tagesstätten oder in Tagespflege betreut. 2006 waren es noch zwei Prozent weniger gewesen. Diese Zahlen veröffentlichte jüngst das Statistische Bundesamt.

Augenblicklich erweist sich der gesellschaftliche Druck stärker als das schlechte Gewissen der Mütter: Nach einer Umfrage des „Spiegels“ glauben 60 Prozent der Deutschen, ein Krippenplatz sei nützlich – für das Kind. Nur noch knapp ein Drittel ist überzeugt, die frühe Trennung von der Mutter schade dem Kind.

In der nächsten Folge lesen Sie: Sind die „neuen Väter“ wirklich neu? – Ohne Oma läuft nichts mehr – Werbung für Kinder

 

Familienmenschen (und andere)

Ursula von der Leyen (* 8. Ok-tober 1958 in Brüssel) hat mit ihrem Vorschlag, die Krippenplätze in sehr erheblichem Maße auszubauen, die Familienpolitik in der CDU erheblich aufgewirbelt. Seit 1990 Mitglied der CDU, leitete die Tochter des ehemaligen Ministerpräsidenten von Niedersachsen Ernst Albrecht die CDU-Kommission „Eltern, Kind, Beruf“. 2005 wurde sie zur Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend berufen. In diesem Amt führte Ursula von der Leyen das Elterngeld ein und schaffte zugleich das Erziehungsgeld ab. Heftige Kontroversen löste ihre Forderung nach einem massiven Ausbau der Krippenplätze aus. Die Diskussion dauert an. In Fragen der Familie hat die Ärztin Ursula von der Leyen ausreichend praktische Erfahrungen. Sie wuchs mit fünf Brüdern auf. Verheiratet mit dem Medizin-Professor und Unternehmer Heiko von der Leyen, ist die Ministerin Mutter von sieben Kindern. Als sie den Vorschlag machte, minderjährige Testkäufer einsetzen zu wollen, um Verstöße gegen das Jugendschutzgesetz aufzudecken, mußte sie sich fragen lassen, ob sie auch eines ihrer Kinder dafür einsetzen würde.

Walter Mixa (* 25. April 1941 in Königshütte, Oberschlesien) ist ein Mann, der das offene Wort nicht scheut. Damit bezog der Bischof von Augsburg und katholische Militärbischof bereits mehrfach Position wider den Zeitgeist. Doch keine seiner Kritiken fand eine derart breite öffentliche Beachtung wie sein Vorwurf, wer mit staatlicher Förderung Mütter dazu verleite, ihre Kinder bereits kurz nach der Geburt in staatliche Obhut zu geben, degradiere die Frau zur „Gebärmaschine“. Bischof Mixa löste mit dieser Kritik an den Plänen Ursula von der Leyens zu Beginn des Jahres 2007 eine heftige Kontroverse aus. Mixa hatte es als einen „gesellschaftspolitischen Skandal“ bezeichnet, wenn das Familienministerium zur Finanzierung neuer Kinderbetreuungseinrichtungen andere Familienleistungen kürze: „Die Familienpolitik von Frau von der Leyen dient nicht in erster Linie dem Kindeswohl oder der Stärkung der Familie, sondern ist vorrangig darauf ausgerichtet, junge Frauen als Arbeitskräfte-Reserve für die Industrie zu rekrutieren.“ Ein derartiges Vorhaben mißachte alle wissenschaftlichen Erkenntnisse über die besondere Mutter-Kind-Beziehung in den ersten Lebensjahren und  erinnere in beklemmender Weise an die Ideologie der staatlichen Fremdbetreuung von Kindern in der untergegangenen DDR. Das Thema der Dissertation, mit der Walter Mixa an der Universität Augsburg zum Doktor der Theologie promovierte, lautete: „Das Werden der Person durch Glaube, Hoffnung und Liebe nach Martin Deutinger“. Familienfragen sind ihm keineswegs fremd. Er arbeitete in der Unterkommission für Frauenfragen und in der Deutschen Bischofskonferenz in der Kommission für Ehe und Familie.

Foto: Unter fremder Aufsicht: Schon Wickelkinder verbringen ganze Tage in der Kinderkrippe.


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