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01.03.08 / Trennung in Hochzeitsnacht / Britischer Star-Autor Ian McEwan über verhängnisvolle, verletzende Worte

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-08 vom 01. März 2008

Trennung in Hochzeitsnacht
Britischer Star-Autor Ian McEwan über verhängnisvolle, verletzende Worte

Fast jede Veröffentlichung des britischen Gegenwartsliteraten Ian McEwan wird von den Feuilletons weltweit gefeiert. Seine Sprache sei so intensiv und bildkräftig, seine elegant gebauten Geschichten so meisterhaft, loben die Kritiker. Bei der inzwischen oscarprämierten Verfilmung seines größten Roman-Erfolges „Abbitte“ wurde ein großes Staraufgebot aufgefahren, allen voran die Britin Keira Knightley als weibliche Hauptfigur. Nun ist sein neuester Roman auf dem deutschen Buchmarkt: „Am Strand“.

Das kleine, aber feine Werk spielt 1962 im prüden England. „Sie waren jung, gebildet und in ihrer Hochzeitsnacht beide noch unerfahren, auch lebten sie in einer Zeit, in der Gespräche über sexuelle Probleme schlicht unmöglich waren.“ Edward und Florence sind beide Anfang 20 und wollen ihre erste gemeinsame Nacht in der Hochzeitssuite eines georgianischen Landhaushotels verbringen. Trotz einer einjährigen Verlobungszeit gab es bisher nur keusche Küsse, was Florence allerdings nicht weiter stört, da sie Angst vor der Hochzeitsnacht hat.

Während Ian McEwan das in seiner Hochzeitssuite speisende Paar samt ihrer sehr unterschiedlichen Gedanken beschreibt, streut er immer wieder längere Abschnitte mit Informationen aus ihrer Vergangenheit ein. Florence stammt aus einem wohlsituierten Elternhaus und hat sich voll und ganz ihrer Musik verschrieben. Edward hat sein Geschichtsstudium erfolgreich beendet und strebt eine Universitätslaufbahn an. Eigentlich steht dem Paar eine rosige Zukunft bevor, doch in dieser Nacht geschieht etwas, das sie auseinandertreibt.

„Der Dämon, den er vorhin, als er fürchtete, die Geduld zu verlieren, noch im Zaum gehalten hatte. Welch eine Verlockung, ihm nachzugeben, jetzt wo er allein war, ihn toben zu lassen. Seine Selbstachtung verlangte danach. Und was war schlimm daran? Besser, ihn zu lassen, noch während er hier stand, halb nackt inmitten der Trümmer seiner Hochzeitsnacht.“ Da Edward nicht aufgeben will, folgt er seiner aufgebrachten Braut an den Strand. Doch dort wird alles noch schlimmer: Von der Last des Versagens, Scham und Schuld belastet beschimpft er sie als Miststück, und auch sie verletzt ihn in seiner Ehre. Da keiner von beiden über seinen Schatten springt, packt sie ihre Sachen und fährt für immer zurück zu ihren Eltern.

McEwans „Am Strand“ stimmt nachdenklich, zumal er das weitere, von Einsamkeit geprägte Leben des sofort geschiedenen Paares schildert. Beide sahen sich nie wieder, fanden nie wieder das Glück ihrer gemeinsamen Tage, das sie mit ein paar Worten der Versöhnung hätten halten können.    Bel

Ian McEwan: „Am Strand“, Diogenes, Zürich 2007, geb., 205 Seiten, 18,90 Euro


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