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01.03.08 / »Provinz im Frieden erobert« / Wie der Mensch in Deutschland die Natur kultivierte

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-08 vom 01. März 2008

»Provinz im Frieden erobert«
Wie der Mensch in Deutschland die Natur kultivierte

Wer als heutiger Zeitgenosse einen Blick auf das norddeutsche Tiefland des 18. Jahrhunderts mit seinen verwilderten Sumpf- und Moorlandschaften werfen könnte, dem käme diese Gegend gänzlich unbekannt vor. Seither sind riesige Feuchtgebiete trockengelegt worden, Wasserläufe begradigt, Auenwälder gerodet, Deiche gebaut und die dem Naß abgerungenen Flächen der landwirtschaftlichen Nutzung zugeführt worden. Mit den Eingriffen des Menschen in die Natur vor allem in Nord- und Nordwestdeutschland beschäftigt sich der britische Historiker David Blackbourn in seinem neuen, umfassenden Werk „Die Eroberung der Natur – Die Geschichte der deutschen Landschaft“. Er schildert eindrucksvoll, auf welche Weise und weshalb der Kampf des Menschen gegen das nasse Element seit dem 18. Jahrhundert auf verschiedenen Ebenen vorangetrieben wurde. Neuland wurde genutzt, um die Ernährung der wachsenden Bevölkerung zu sichern, und es galt, Hindernisse für den Verkehr zu beseitigen. Die jahrhundertealte Bedrohung durch das Hochwasser sollte die Bewohner der gefährdeten Gegenden nicht länger ängstigen.

Die genannten Maßnahmen dienten immer auch der Machtausübung der jeweils Herrschenden. Sie standen in Zusammenhang „mit dem Absolutismus im 18. Jahrhundert, mit Revolution und Nationalismus im 19., mit Nationalsozialismus, Kommunismus und Demokratie im 20. Jahrhundert und fast während der gesamten Zeit mit Krieg“. Da es um zivilisatorische Bemühungen ging, dachte man lange Zeit nicht an mögliche Folgewirkungen. Der Harvard-Professor schreibt darüber in den letzten Kapiteln seines Werkes ebenso kenntnisreich und anschaulich wie über die vorangegangene Entwick-lung seit rund 250 Jahren.

Die mit Anekdoten reich unterlegte Darstellung beginnt mit den „Korrektionen“ von Oder und Rhein. Das Oderbruch war um 1740 eine amphibische Landschaft, bestehend aus einem Netz aus Wasserläufen und mit Buschwerk bewachsenen Inseln, Morast und Tümpeln. „Es war ein Landstrich, über dem sich die Nebel drehten, der Aufenthaltsort zahlreicher Arten von Vögeln, Fischen und Säugetieren, wo ‚dicke Säulen‘ von Mücken ein Geräusch machten, als würden in der Ferne die Trommeln gerührt.“ Bereits die Deutschordensritter und die Zisterzienser begannen, die Sümpfe zu kultivieren. Nach 1500 setzten die Hohenzollern das Werk fort, unter dem Großen Kurfürsten mit holländischen Fachleuten. Friedrich II. schließlich unternahm es, die untere Oder hydrotechnisch umzuformen, das heißt, sie in ein neues Bett zu zwingen und gleichzeitig Neuland zu gewinnen. Wie überall in Deutschland wurden damals Bären und Wölfe ausgerottet, Abermillionen von Spatzen vernichtet. „Die Eroberung der Natur“ ist eine Parole aus der Zeit des Absolutismus, als Unternehmungen wie diese militärischen Operationen gleichgesetzt wurden. Beim Anblick des neuen Oderbruchs bemerkte der Preußenkönig: „Hier habe ich eine Provinz im Frieden erobert.“             Dagmar Jestrzemski

David Blackbourn: „Die Eroberung der Natur – Die Geschichte der deutschen Landschaft“, Deutsche Verlagsanstalt, München 2007, 592 Seiten, 39,95 Euro


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