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01.03.08 / Jede Minute zählt / Schlaganfall: Im Notfall auf Einweisung in eine Spezialklinik drängen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 09-08 vom 01. März 2008

Jede Minute zählt
Schlaganfall: Im Notfall auf Einweisung in eine Spezialklinik drängen
von Haiko Prengel

Das Tückische am Schlaganfall ist, daß man ihn am Anfang oft nicht bemerkt. Ein Blutgefäß im Gehirn ist verstopft, dadurch werden bestimmte Areale des Organs nicht mehr mit Sauerstoff versorgt. Ein neurologischer Notfall, der auch Hirninfarkt genannt wird. Doch anders als beim Infarkt im Herz, wo der Gefäßverschluß meist mit heftigen Brustschmerzen einhergeht, tun Schlaganfälle nicht weh. „Das Gewebe im Gehirn ist zwar hochkomplex, hat aber keine Schmerzrezeptoren“, sagt  Rüdiger von Kummer, Leiter der Neuroradiologie am Uniklinikum Dresden und Beirat der Stiftung Deutsche Schlaganfall Hilfe.

Der Patient merkt mitunter nur, daß ihm plötzlich das Bein eingeschlafen ist. Wer denkt da schon an einen Schlaganfall? Doch gerade Lähmungserscheinungen gehören zu seinen häufigsten Symptomen.

Bestimmte Hirnbereiche sind ausgefallen, deshalb gehorcht der Körper nicht mehr. Der Betroffene kann Arme oder Beine nicht mehr bewegen, hat Seh- und Sprachstörungen. Oft hängt ein Mundwinkel herab, Speichel fließt aus. „Bei solchen Symptomen sollte man sofort den Notarzt rufen“, betont von Kummer. Denn je mehr Zeit nach einem Schlaganfall verstreicht, desto mehr Hirngewebe wird unwiederbringlich zerstört.

„Jede Minute zählt“, betont auch die Deutsche Schlaganfall Hilfe in ihren Aufklärungskampagnen. Noch immer seien die Symptome vielen Menschen in Deutschland unbekannt. Sie wüßten nicht, wie sie sich im Notfall verhalten sollen, beklagt die Stiftung.

Die Hilflosigkeit hat fatale Folgen. Von den 200000 Menschen, die jedes Jahr in Deutschland einen Schlaganfall erleiden, sterben 20 Prozent innerhalb von vier Wochen und fast noch einmal so viele innerhalb eines Jahres.

Damit ist der Schlaganfall die dritthäufigste Todesursache im Land.

Viele Patienten bleiben trotz Rehabilitationsmaßnahmen wie Physiotherapie und Logopädie behindert – ihr Gehirn kann sich nicht mehr von dem schweren Trauma erholen.

Wird ein Schlaganfall frühzeitig diagnostiziert und behandelt, sind die Chancen gut, daß keine Folgeschäden eintreten.

„Therapiemittel Nummer eins ist die sogenannte Thrombolyse – ein Medikament, das Blutgerinnsel auflösen kann“, sagt Martin Grond, Chefarzt der Neurologie am Kreiskrankenhaus Siegen und Vorsitzender der Deutschen Schlaganfall Gesellschaft. Die Lyse hat die Schlaganfalltherapie vor einigen Jahren revolutioniert, Voraussetzung für ihren Erfolg ist allerdings, daß die blockierten Hirnareale jenseits des Blutpfropfens noch funktionieren: „Wenn diese Bereiche wegen langen Sauerstoffmangels schon abgestorben sind, bringt auch die Lyse nichts mehr“, betont Grond.

Darüber hinaus muß gewährleistet sein, daß der Schlaganfall auch tatsächlich durch ein verstopftes Blutgefäß ausgelöst wurde. Das ist laut Grond in 80 Prozent der Fälle so, aber es gibt Ausnahmen: Bei jedem fünften Schlaganfall ist ein Gefäß im Gehirn geplatzt. „Hoher Blutdruck kann zu einem solchen Leck führen. Das austretende Blut zerschießt dann das umliegende Gewebe regelrecht“, erläutert der Neurologe.

Optimale Erstversorgung bieten sogenannte Stroke Units, Spezialstationen nach skandinavischem und britischem Vorbild, die es mittlerweile flächendeckend im ganzen Bundesgebiet gibt. Dort kann per Computertomographie (CT) rasch geklärt werden, ob ein Blutgerinnsel oder eine Hirnblutung den Schlaganfall ausgelöst hat.

Parallel werden die Laborwerte analysiert. Auf dieser Basis können die Ärzte schnell entscheiden, ob eine Lyse oder andere Maßnahmen notwendig sind.

„Diese wertvolle Zeit geht verloren, wenn der Schlaganfallpatient erst einmal zum Hausarzt geht oder ins nächste Dorfkrankenhaus eingeliefert wird, wo nicht einmal ein CT-Gerät steht“, sagt Neuroradiologe von Kummer. Er rät deshalb, bei Verdacht auf einen Schlaganfall nicht nur sofort den Notarzt zu rufen, sondern das Rettungsteam darüber hinaus zu bitten, direkt in eine Klinik mit Stroke Unit zu fahren. „Notfalls muß man sich selbst einweisen“, betont der Mediziner.

Am sinnvollsten sei allerdings, es erst gar nicht zu einem solchen Notfall kommen zu lassen. Denn der Schlaganfall hängt von einer Menge von Risikofaktoren ab, die man größtenteils selbst beeinflussen kann. Übergewicht, Bluthochdruck und Mangel an Bewegung gehören dazu sowie Alkoholkonsum und Rauchen. „Wer auf solche Laster verzichtet, tut viel dafür, niemals in eine Stroke Unit eingewiesen werden zu müssen“, sagt von Kummer.

Foto: Verdacht auf Schlaganfall? Auf dem schnellsten Weg in ein Spezialkrankenhaus


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