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29.03.08 / »Selbstkritik ist unentbehrlich« / Zu viele wichtige Themen werden in Deutschland und Europa nur einseitig diskutiert

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-08 vom 29. März 2008

»Selbstkritik ist unentbehrlich«
Zu viele wichtige Themen werden in Deutschland und Europa nur einseitig diskutiert
von Lienhard Schmidt

Wenn ein paar Dutzend „Dumpfbacken“ mit Nagelstiefeln einfältige Parolen brüllend durch die Straßen deutscher Provinzstädtchen ziehen, vermitteln Schlagzeilen der Massenmedien den Eindruck, hier drohe unserer freiheitlichen Demokratie über kurz oder lang eine Machtergreifung brauner Couleur. Parteiverbotsdiskussionen haben Hochkonjunktur. Wenn die Dumpfbacken der anderen totalitären Richtung, der im Tarnkappenwechsel besser geübten neo- oder altkommunistischen Heilslehren schon in aller Öffentlichkeit einen Systemwechsel propagieren, der eine Aushöhlung, wenn nicht Außerkraftsetzung des Grundgesetzes zur Folge hätte, hält sich die mediale Aufregung in Grenzen. Westerwelles Deklaration vom Leuchtturm der Freiheit ist von den sich staatstragend nennenden Volksparteien nicht zur Bildung eines Bündnisses gegen den linken Rand, oder besser gegen den Totalitarismus in jeder Form genutzt worden. Möglicherweise haben die im politischen Raum dominierenden Praktiken der Ausgrenzung Andersdenkender, die sich dem meist flachen Populismus und Realitätsferne huldigenden stimmungsgeladenen „mainstream“ nicht anpassen, einem einheitlichen und energischen Agieren gegen die erkennbaren und sehr ernst zu nehmenden Ansätze zu neuer, weltbeglückender Einparteienherrschaft im Wege gestanden.

Politische Korrektheit tat nicht nur der in unserer Verfassung verbürgten Meinungsfreiheit schon mehrfach Abbruch, sie fügte auch dem allgemein so gepriesenen Pluralismus Schaden zu. Offener Disput, Diskurs, lebendige Demokratie durch faktenorientierte, möglichst ideologiefreie Diskussion hat schon Seltenheitswert. So ist der in der Fachwelt durchaus umstrittene Klimaschutzbericht der Vereinten Nationen und seine Umsetzung in EU-Politik und deren Übererfüllung (um offenbar jeden Preis) durch Deutschland alles andere als eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema, welchen Anteil menschliches Verhalten im Vergleich zu naturbedingten und kosmischen Einflüssen auf unser Klima nun wirklich hat. Die bei aller Würdigung sinnvollen Umweltschutzes in EU und unserem Lande auf Klimahysterie gründende Gängelung der Wirtschaft und der Energieverbraucher  läuft immer stärker auf Planwirtschaft hinaus. Diese ist, wie die Erfahrungen des vorigen Jahrhunderts überzeugend bewiesen haben, der teuerste und ineffizienteste Weg, Waren und Dienstleistungen von hoher Qualität zu produzieren. Hier rächt sich die ausgebliebene Auseinandersetzung der nicht-kommunistischen Parteien mit der Fehlkonstruktion der marxistischen Ideologie, die das Scheitern des real existierenden Sozialismus zur Folge hatte. Dieses sich Vorbeidrücken an der geistigen Auseinandersetzung mit dem Marxismus / Kommunismus als einem ungeeigneten Modell zur Volksbeglückung erklärt zumindest zum Teil die Wahlerfolge der „Linken“ bei den Wahlen in Bremen, Hessen, Niedersachsen und auch Hamburg.

Der Leserbrief „Es fehlt an Urteilsvermögen“ in der PAZ (Nr. 8) zeigt sehr treffend die Gründe für das offensichtlich fehlende Urteilsvermögen der Wähler.

Medien zeigen nicht die Wirklichkeit, in den Schulen lernt das Volk nicht zu denken, Tabus und Ausgrenzung stehen der Erziehung, Rückgrat zu entwickeln, im Wege.

Der berühmte französische Publizist Jean-Francois Revel schrieb 1984 in seinem Warnruf „So enden die Demokratien“ unter anderem: „Die Selbstkritik ist eine unentbehrliche Triebfeder der demokratischen Zivilisation und ein Grund für ihre Überlegenheit über jede andere. Die oft kaum oder gar nicht gerechtfertigte systematische Selbstverurteilung dagegen ist eine Quelle der Schwäche gegenüber einer Macht; die sich selber von allen Gewissensskrupeln freihält … Einer Zivilisation tagtäglich einreden, sie sei nur verteidigenswert, wenn sie es fertigbringe, die Inkarnation vollkommener Gerechtigkeit zu werden, heißt, sie aufzufordern, abzusterben oder sich unterjochen zu lassen.“

Wie viel Zeit wird der deutsche „Michel“ wie der politisch naive Deutsche in der Weimarer Republik im „Simplizissimus“ und anderen zeitkritischen Blättern oft genannt wurde, wohl heute brauchen, um sich zum mündigen Bürger zu mausern und den politischen Dünnbrettbohrern Paroli zu bieten?


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