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29.03.08 / Die Trauer der Dinge / Eigenwillige Perspektive

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 13-08 vom 29. März 2008

Die Trauer der Dinge
Eigenwillige Perspektive

Ohne Zweifel stand die 40jährige Autorin Fatou Diome bei ihrem zweiten Roman unter Zugzwang. Nachdem der erste Roman der in Straßburg lebenden Senegalesin ein großer Welterfolg war, konnte der zweite einfach nur daneben mickrig erscheinen. Also entschied sich die Literaturwissenschaftlerin für eine ungewöhnliche Perspektive, so daß zumindest ein Vergleich mit ihrem Debüt „Im Bauch des Ozeans“ über afrikanische Auswanderer und ihre Hoffnungen gar nicht erst naheliegt. Und so fand auch „Ketala“, so der Titel des neuesten Werkes, seine Anhänger. Sie lobten die kreative Erzählperspektive und den Humor der Autorin. „Fatou Diome beseelt die Dinge“, lobte die  französische Zeitung „Le Figaro“.

Auf jeden Fall ist es schwierig, wenn man Gegenstände sprechen läßt. Hier laviert Fatou Diome zwischen tiefsinniger Symbolik und einfach nur albernen Kinderbuchspäßen hin und her. Und manchmal nervt der Streit der Haushaltsgegenstände, Möbel und Kleidungsstücke, welche die verstorbene Hauptfigur Memoria zurück-gelassen hat.

„Wen aber kümmert die Trauer der Dinge, wenn jemand stirbt?“ Die eingangs gestellte Frage verspricht eine wehmütige Nacherzählung von Memorias Leben. Wer war die Frau, der ein lilafarbene Schal, die Perlenkette und das übrigens zickige Taschentuch gehörten? Und genau das ist der Aspekt, der so manchem das Lesen der an sich bewegenden Geschichte Memorias verleidet. Zickige Taschentücker, redselige Perlenketten, beleidigte Sofas und anzügliche Büsten sind definitiv Geschmackssache. Wer sich nicht darauf einlassen möchte oder kann, daß Dinge sich streiten und behaupten, sie hätten den engsten Kontakt zu der Verstorbenen gehabt, der sollte die Finger von Fatou Diomes „Ketala“ lassen.

Wer sich durch das Geplänkel durcharbeitet oder gar Freude daran findet, der trifft auf ein melancholisch stimmendes Schicksal einer jungen Afrikanerin, die als gute Schülerin auf ein selbstbestimmtes Leben mit eigenem Beruf hoffte, von ihrem wirtschaftlich aufstrebenden Vater jedoch aus seiner Sicht mit einer guten Partie verheiratet wird. Zwar ahnt ihre Mutter schnell, daß die scheinbar gute Partie nicht das verspricht, was sie erhofft haben, doch für den schönen Schein verrät sie die Zukunft ihrer Tochter. Die Ehe plätschert ereignislos vor sich hin, bis die unbedarfte junge Frau hinter das Geheimnis ihres Mannes Makhou kommt. Europa soll den beiden helfen, die Kluft zwischen ihnen zu überwinden. Doch in Straßburg, wo Makhou den Schein nicht mehr wahren muß, wird die Kluft zwischen den beiden noch größer. Memoria versinkt im Unglück, kränkelt und erst als sie Makhou verläßt, findet sie für kurze Zeit zu sich selber. Allerdings nur kurz, denn wovon soll sie leben? Ohne erlernten Beruf bleibt ihr nur der Weg vieler ungebildeter, alleinstehender, aber schöner Frauen. Sie selbst bezeichnet sich allerdings als Bordsteinpsychologin. Vom Glück noch weiter entfernt als zuvor erkrankt Memoria schwer.           Bel

Fatou Diome: „Ketala“, Diogenes, Zürich 2007, geb., 253 Seiten, 18,90 Euro


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