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05.04.08 / Macht und Freundschaft / Eine Berliner Ausstellung würdigt den deutsch-russischen Kulturaustausch

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-08 vom 05. April 2008

Macht und Freundschaft
Eine Berliner Ausstellung würdigt den deutsch-russischen Kulturaustausch von 1800 bis 1860

Selten war der deutsch-russische Kulturaustausch so intensiv wie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das lag zum einen an den politischen Konstellationen in Europa, zum anderen aber auch an den verwandtschaftlichen Bindungen zwischen dem preußischen und dem russischen Herrscherhaus. Mit faszinierenden Kunstschätzen und kulturgeschichtlichen Zeugnissen beleuchtet eine Ausstellung in Berlin jetzt erstmals umfassend diese besonderen Beziehungen zwischen Preußen und Rußland.

Seit längerem hat die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) in Zusammenarbeit mit Partnern wie der Staatlichen Eremitage St. Petersburg und dem Staatlichen Museumsreservat Peterhof sowie weiteren sechs russischen und zahlreichen in- und ausländischen Leihgebern die Ausstellung „Macht und Freundschaft. Berlin – St. Petersburg 1800–1860“ vorbereitet, die noch bis zum 26. Mai im Martin-Gropius-Bau Berlin zu sehen ist.

Nach der wiederholten Konzentration auf Moskau wird der Blick nun auf jene Stadt gerichtet, die seit ihrer Gründung im Jahre 1703 als das „Fenster nach Europa“ galt und von 1712 bis 1917 die Hauptstadt des Russischen Reiches war.

Im Mittelpunkt der Ausstellung  stehen die gleichermaßen von politischem Kalkül wie von intensiven kulturellen Aktivitäten geprägten Beziehungen zwischen Preußen und Rußland. Die Napoleonischen Kriege und die in ihrem Ergebnis geschlossene „Heilige Allianz“ zwischen Rußland, Preußen und Österreich, aber auch die revolutionären Ereignisse von 1830 / 31 und 1848 verliehen ihnen eine gesamteuropäische Dimension.

Zwischen den Bündnispartnern im Kampf gegen Napoleon, Zar Alexander I., König Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise, entwickelte sich eine persönliche Freundschaft. Durch die 1817 erfolgte Eheschließung des russischen Großfürsten Nikolai Pawlowitsch und nachmaligen Zaren Nikolaus I. mit Prinzessin Charlotte von Preußen, nach ihrem Übertritt zum orthodoxen Glauben Alexandra Feodorowna und russische Zarin, gewann sie zusätzlich einen geradezu privaten, von Zuneigung und Sympathie getragenen Cha-rakter. Beide Ebenen, so ist in der Ausstellung zu erleben, bestimmten das kulturelle Klima in Berlin und St. Petersburg.

Besonderes Augenmerk gilt dem regen beiderseitigen künstlerisch-kulturellen Austausch, in den Architekten wie Wassily Stassow und Karl-Friedrich Schinkel, Intellektuelle wie Alexander von Humboldt und Wassily Shukowski, Maler wie Franz Krüger, Eduard Gaertner und Grigori Tschernetzow sowie Bildhauer wie Christian Daniel Rauch, Carl Friedrich Wichmann und Baron Peter (Pjotr) Clodt von Jürgensburg involviert waren. Der Ausbau der Kulturlandschaften und Sammlungen von Berlin und Potsdam, St. Petersburg und Umgebung weist bis heute viele Parallelen auf: In Potsdam wurde ein russisches Dorf, Alexandrowka, gebaut sowie eine russische Kirche; Berlin bekam seinen „Alexanderplatz“. Auf der anderen Seite ließ Nikolaus I. die berühmte Sommerresidenz Peterhof zu einer Kulturlandschaft nach Potsdamer Vorbild formen.

Der Baukomplex der Römischen Bäder in Sanssouci wurde zur Vorlage für den Zarinnenpavillon, und in Sanssouci wie in Peterhof wurden die gleichen Skulpturen aufgestellt.

Sichtbarstes Sinnbild preußisch-russischer Gemeinsamkeit waren die berühmten Petersburger Rossebändiger von Clodt, 1841 auf der Anitschkow-Brücke in St. Petersburg errichtet, deren Zwillinge 1844 vor das Berliner Stadtschloß gebracht wurden. Eigens für die Ausstellung wurden sie im Lichthof des Gropius-Baus aufgestellt. Sie stehen sonst etwas versteckt vor dem Gebäude des Berliner Kammergerichts in Berlin-Schöneberg.

Bildnerische Zeugnisse auf Leinwand, Papier und Porzellan sowie Requisiten von höfischen Ereignissen wie dem Fest „Lalla Rookh“ 1821 in Berlin und dem „Fest der weißen Rose“ 1829 in Potsdam und der Parade von Kalisch 1835, aber auch die Reisezeichnungen von Friedrich Wilhelm IV. lassen eine Epoche lebendig werden, die politisch konservativ und dennoch von Vorboten der Moderne berührt war. Dazu gehört die einsetzende Trennung von „öffentlich“ und „privat“. Sie manifestiert sich im Kontrast zwischen spätklassizistisch geprägten städtebaulichen Großprojekten einerseits und der biedermeierlich anmutenden Gestaltung der Wohnbereiche sowohl der Zaren- als auch der Königsfamilie, denen jeweils eigene Ausstellungsräume mit Architekturzeichnungen und Interieurdarstellungen gewidmet sind.

Beeindruckend ist auch die Gegenüberstellung monumentaler, ganzfiguriger Bildnisse der Romanows und idealisierter Bildnisbüsten der Hohenzollern, die einst von Rauch, Tieck und Simony ausgeführt wurden. Die offiziellen Porträts der Zarenfamilie wurden traditionsgemäß von ausländischen Künstlern ausgeführt. So ist auch Franz Krüger in diesem Zusammenhang zu erwähnen.

„Die Konzeption der Ausstellung“, so die Kuratorin Ada Raev, „setzt auf einen Wechsel von sparsam bestückten politisch-historischen Themenräumen mit solchen, die mit einer Fülle von Kunstwerken unterschiedlicher Gattungen den regen, von den beiden Herrscherfamilien geförderten und von bedeutenden Persönlichkeiten getragenen Kulturaustausch lebendig werden lassen.“

„Im Epilog der Ausstellung“, so Raev, „werden Persönliches und Politisches noch einmal zusammengeführt. Die von Malachithleuchtern flankierten gezeichneten Totenbildnisse von Nikolaus I. und Alexandra Fjodorowna bilden eine denkbar starken Kontrast zu den Fotografien aus dem Krimkrieg als auch zu den Bildnissen von Napoleon III., Alexander II. und Wilhelm I. Ihre Anordnung kündigt nicht nur den Beginn einer neuen Medien-Epoche, sondern auch eines neuen politischen Zeitalters an, in dem das Klima der deutsch-russischen Beziehungen rauher wurde.“

spsg / os

Die Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau ist mittwochs bis montags von 10 bis 20 Uhr geöffnet, Eintritt 8 / 6 Euro (inkl. Hörführer in deutscher, englischer, und russischer Sprache), Katalog erschienen im Verlag Koehler & Amelang, 336 Seiten, geb., 29,90 Euro, bis 26. Mai.

Foto: Franz Ludwig Catel: Abschied Alexanders I. von Rußland vom preußischen Königspaar am Grab Friedrichs des Großen in der Garnisonkirche in Potsdam am 4. November 1805 (Öl auf Leinwand, um 1805 / 06)


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