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05.04.08 / Gemeinsam geht es besser / Wozu Geschwister wirklich gut sind / Das bleibt in der Familie (Folge 23)

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-08 vom 05. April 2008

Gemeinsam geht es besser
Wozu Geschwister wirklich gut sind / Das bleibt in der Familie (Folge 23)
von Klaus J. Groth

Flüchtig betrachtet, ist so ein Dasein als Einzelkind gar nicht mal so übel. Man muß nicht teilen, weder die geschenkte Tafel Schokolade noch die Liebe der Eltern. Man muß nicht befürchten, bei einer kleinen Schandtat verpetzt zu werden. Man muß nicht für andere das Kinderzimmer aufräumen. Man hat es insgesamt viel ruhiger. Aber: Man kann auch niemals in Augenblicken der Not damit drohen „Das sag ich meinem großen Bruder“ (oder der großen Schwester). So gesehen, heben sich bei flüchtiger Betrachtung die Vor- und Nachteile eines Einzelkindes nahezu auf. Wirklich entscheidend für das Verhältnis von Geschwistern untereinander sind aber andere Kriterien.

Zu den wichtigsten und dauerhaftesten Beziehungen gehören die Verbindungen zwischen Geschwistern. Ein Einzelkind wird niemals diese Erfahrung machen können. Mittlerweile ist das jedes vierte Kind in Deutschland. Das bedeutet nicht, daß in der Beziehung Schwester und Bruder immer eitel Sonnenschein herrscht. Geschwister können sich ebenso bedingungslos lieben wie hassen. Im Zweifelfall aber, wenn eine Bedrohung von außen kommt,  stehen scheinbar ewige Streithähne unverbrüchlich zusammen.

Die Hackordnung unter Geschwistern hängt davon ab, ob es zwischen Jungen oder Mädchen Zoff gibt. Dabei fällt der Streit um so heftiger aus, wenn er nur unter Jungen oder nur unter Mädchen ausgetragen wird. Aber auch Position oder Ansehen bei den Eltern kann für die Heftigkeit eines Streites von Bedeutung sein.

Einige grundlegende Erfahrungen machen alle Geschwister durch die jeweilige Reihenfolge, in der sie geboren werden. Die Ältesten sind anfangs mit den Eltern allein. Sie spüren und genießen das. Durch das zweite Kind werden sie in dieser Alleinstellung entthront. Das zweite Kind muß bei der Geburt des Dritten die Rolle des Kleinsten wieder abgeben und sich nun gegen zwei Seiten verteidigen. Das Jüngste aber bleibt immer das Nesthäkchen.

In einer der jüngsten Veröffentlichungen, basierend auf einer norwegischen Studie, wird festgestellt, daß die Erstgeborenen geistig flexibler sind als die nachfolgenden Geschwister. Und lernfähiger sind sie offenbar auch.

  Zu gleichem Schluß war bereits Francis Galton gelangt, ein Verwandter des Evolutionsforschers Charles Darwin. Galton hatte gegen Ende des 19. Jahrhunderts führende Männer auf ihre Rangfolge innerhalb der Geschwister überprüft und dabei festgestellt, daß sich unter ihnen weitaus mehr Erstgeborene befanden als der Zufall hätte erwarten lassen.

Eine ähnliche Untersuchung legte jüngst Vistage, ein Zusammenschluß von Führungskräften, vor. Danach waren 43 Prozent der Vorstandsvorsitzenden bedeutender Unternehmen Erstgeborene, 33 Prozent waren als Mittlere unter mehreren Geschwistern aufgewachsen, 23 Prozent hatten ihre Kindheit als Nesthäkchen verbracht.  

Die norwegischen Wissenschaftler gingen von einer sehr viel größeren Fallzahl und vor allem anonym vor. Sie überprüften die Daten von 240000 Rekruten, die bei der Musterung einen Intelligenztest absolviert hatten. Im Durchschnitt lag der IQ der Erstgeborenen geringfügig höher. Die Differenz war nicht groß, aber ausschlaggebend für eine erfolgreichere Bewältigung des Lebenswegs.

Ältere Geschwister haben größere Herausforderungen zu bestehen. Auch das wissen Eltern längst, und Psychologen haben eine Erklärung für dieses Phänomen gesucht. Die Sache ist im Grunde einfach, die Ursachen stammen noch aus der Zeit, als die größeren Geschwister ganz selbstverständlich auf die kleineren aufpassen mußten. Nahezu automatisch entwickeln ältere Geschwister einen Beschützerinstinkt. Nach einer Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung ist besonders in den ersten neun Monaten das positive Verhalten der älteren Geschwister gegenüber den Neugeborenen stark ausgeprägt.

Damit allerdings werden die jüngeren Geschwister in die Rolle der Schutzbefohlenen gedrängt – und das mögen die meist gar nicht. Der leichte Vorsprung, den die Erstgeborenen zu haben scheinen, verflüchtigt sich jedoch beim genaueren Hinsehen. Die Ältesten, egal ob Mädchen oder Junge, haben es keineswegs leichter. Sie haben vielmehr stärker um ihre Anerkennung zu kämpfen. Nachfolgende Geschwister werden meist mit sehr viel mehr Nachsicht und Verständnis von den Eltern behandelt. Worüber Mutter und Vater sich noch beim ersten Kind ärgern, darüber gehen sie beim folgenden gelassener hinweg. Zudem: Mütter neigen nun einmal dazu, das jüngste Kind zu bevorzugen.  Und auch die Erstgeborenen spüren das. Sie merken, daß sich die Positionen verschieben, daß ihre Rolle in Frage gestellt wird. Sie erleiden ihre ersten Verletzungen, ehe sie noch kapieren, warum sich die Welt um sie herum verändert, warum sie vom Mittelpunkt plötzlich ins Abseits gedrängt wurden.

Es ist aber nicht nur die Stellung im Leben, die durch die Reihenfolge der Geburt geprägt wird. Auch späteres Verhalten und Einstellungen werden vorbestimmt. Diese Ansicht vertrat bereits der Psychologe Alfred Adler in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Er bescheinigte Erstgeborenen, rechthaberisch und konservativ zu sein. Das mittlere Kind hingegen werde später von ausgeglichenem Temperament sein, frei und ungebunden. Und der Nachzügler, der übernehme die Rolle des Außenseiters.

Warum die jüngsten Geschwister als Erwachsene als Außenseiter gegen die Normen rebellieren, erklären Psychologen heute so: Sie haben sich schon frühzeitig gegen die fest gefügten Normen des Elternhauses durchsetzen müssen.

Das ist auch der Grund, warum unter Schwestern eine auffallende Rivalität zu herrschen scheint. Daraus wurde das hartnäckige Fehlurteil abgeleitet, wahre Freundschaft gebe es nur unter Männern, Frauen seien zu wirklicher Freundschaft nicht fähig. Vor allem Schwestern seien untereinander wie Feuer und Wasser. Konkurrenz und Eifersucht beherrschen die schwesterlichen Beziehungen. Und viele Geschwisterforscher kommen zu dem Schluß: Das Verhältnis von Schwestern besteht in erster Linie aus Machtgerangel und Rivalität.

Falsch, sagen andere Geschwisterforscher, wenig hat so dauerhaft Bestand, wie das Verhältnis von Geschwistern zueinander. Geschwisterbeziehungen sind dauerhafter als Eltern-Kind-Beziehungen. Während sich das Verhältnis zu den Eltern im Regelfall abschwächt, wird das zu den Geschwistern häufig – keinesfalls immer – intensiver. Bei einer Umfrage zu diesem Thema gaben von 100 Betroffenen 97 an, die Beziehung zu den Geschwistern habe eine besondere Sozialfunktion.

Ob das Verhältnis der Geschwister während der Kindheit eher harmonisch oder eher problematisch ist, das ist auch eine Frage des Geschlechts. Eine These der Geschwisterforschung besagt, daß das Kind am schwierigsten ist, mit dem sich das Geschlecht zum ersten Mal wiederholt. Also, ob ein Junge auf einen Jungen folgt oder ein Mädchen auf ein Mädchen. Automatisch suchen die Kinder etwas, was sie von dem anderen unterscheidet, was sie abhebt.      

Die Beziehung der Geschwister ist nicht nur die längste und prägendste, sondern auch diejenige, die den meisten Wandlungen unterliegt, die durch alle Lebensphasen mit uns wächst. Im frühen Erwachsenenalter, wenn sich jeder seine eigene Lebenswelt schafft, kann jeder den anderen ziehen lassen, ohne ihn aufzugeben. Geschwisterliebe bewährt sich auch in der Distanz.

In der nächsten Folge lesen Sie: Auf immer und ewig? Wenn die Liebe zerbricht – Die Scheidungswaisen

 

Familienmenschen (und andere)

Mareike Carrière (* 26. Juli 1954 in Hannover) spielte bereits als Kind mit ihren Brüdern Mathieu und Till Theater. Alles, was eine Beziehung zu einem vier Jahre älteren Bruder problematisch, aber auch glückhaft machen kann, hat sie mit ihren Bruder Mattieu (* 2. August 1950 in Hannover) erlebt. Die Schauspielerin berichtet darüber: „Als wir klein waren, haben wir uns gehaßt bis aufs Blut. Matthieu ist vier Jahre älter als ich und wollte damals natürlich mit kleinen Mädchen nichts zu tun haben.“ Dem Streit der frühen Jahre hat die Schauspielerin aber auch viel Gutes abgewinnen können. Mareike Carrière: „Ich habe dadurch zu kämpfen gelernt.“ Und mit den Jahren hat sich das Verhältnis der Geschwister sowieso grundsätzlich geändert: „Je älter wir wurden, desto besser wurde unsere Beziehung zueinander. In der Schulzeit haben wir uns zusammengetan, wenn’s mal schlechte Noten gab oder wenn zu Hause eine Strafe anstand – es ist da ein richtiger Zusammenhalt gegen die Erwachsenen entstanden.“ Ein Zusammenhalt, der sich mit den Jahren immer noch weiter gestärkt hat: „Heute würde ich für meinen Bruder mein letztes Hemd geben – jeder von uns hat ein tiefes Verständnis für den anderen, das nicht so leicht zu erschüttern ist.“

Bekannte Geschwisterpaare haben manchmal auch nach der Trennung vom Elternhaus noch ähnliche Lebenswege, andere schlagen unterschiedliche Laufbahnen ein, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun, bei genauerem Hinsehen jedoch die familiäre Verbindung erkennen lassen. Eine Auswahl:

Georg und Josef Ratzinger: In diesem Fall machte der Jüngere die bedeutendere Karriere, er wurde Papst. Beide Brüder wurden 1951 zu Priestern geweiht. Während es der Ältere mit einem ausgeprägtem Hang zur Musik zum Domkapellmeister brachte, vertiefte sich der Jüngere in theoretische Abhandlungen, wurde Professor, Bischof und Papst.

Uli und Hans Dieter Hoeness: Den Lebensweg der beiden bestimmte der Fußball. Uli Hoeness wurde Manager des FC Bayern, sein Bruder Hans Dieter Manager beim VfB Stuttgart.

Michael und Ralf Schumacher: Beide setzten sich hinter das Steuer in der Formel 1. Die größeren Erfolge aber mußte der sechs Jahre jüngere Ralf seinem Bruder Michael überlassen. Während Ralf auch privat die öffentlichen Auftritte liebt, lebt sein älterer Bruder privat eher zurückgezogen.

Ben und Meret Becker: Mit der Schauspielerei begannen beide schon in früher Jugend. Meret, die jüngere, trat zum ersten Mal als Fünfjährige in der Fernsehsendung „Rappelkiste“ auf. Während ihr großer Bruder Ben auch durch etliche Eskapaden allgemein bekannt wurde, arbeitete sie zielstrebig an ihrem Erfolg.

Hans-Jochen und Bernhard Vogel: Beide Brüder gingen in die Politik, Hans-Jochen (Jahrgang 1926) trat für die SPD an, Bernhard (Jahrgang 1932) trat für die CDU an. Hans-Jochen Vogel war Oberbürgermeister von München, Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau sowie Bundesminister der Justiz, Regierender Bürgermeister von Berlin und Bundesvorsitzender der SPD. Bernhard Vogel war Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz und des Freistaats Thüringen.

Otto und Konrad Schily: Nicht immer muß der Ältere der Konservative und der Jüngere der Rebellische sein. Bei den Schily-Brüdern ist es genau umgekehrt. Während Otto Schily seinen Weg als Strafverteidiger der RAF und  über die Grünen bis zum Innenminister (SPD) machte, wurde Konrad Schily Arzt und erst in späten Jahren Bundestagsabgeordneter der FDP.

Foto: Wer ist hier der Boss? Geschwister klären die Rangordnung oft schon beim Spiel.


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