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05.04.08 / Des Lebens müde / Nachdenklich stimmend: Junger Mann zieht sich ins Seniorenheim zurück

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 14-08 vom 05. April 2008

Des Lebens müde
Nachdenklich stimmend: Junger Mann zieht sich ins Seniorenheim zurück

Kinder werden zu Teenagern, Teenager zu Erwachsenen, die dann irgendwann heiraten, ein Haus bauen und wiederum Kinder in die Welt setzen, ehe sie alt werden und irgendwann das Zeitliche segnen. So und nicht anders sieht Antoine das Leben von uns Menschen und kauft sich aus diesem Grunde bereits im Alter von 18 Jahren mit dem von seinen Eltern für ihn angelegten Geld einen Grabplatz.

Mit 35 meint er, bereits alle wichtigen Stadien des Lebens durchlaufen zu haben, und verläßt Frau und Kinder, um ein kleines Apartment im Seniorenheim „Glück im Winkel“ zu beziehen.

Im ersten Moment mag der Leser ein Buch solchen Inhalts für eher negativ halten, doch wirkt es im Gegenteil sogar positiv aufs Gemüt. Der subtile Humor des Autors Laurent Graff und seine blumigen Ausführungen entlocken dem Leser gelegentlich ein Schmunzeln.

So zum Beispiel als das Seniorenheim einen Busausflug in den Tierpark unternimmt und Graff lebhaft das Treiben der Rentner beschreibt, als alle noch mal von der Heimleitung zum „Pipi-machen“ aufgefordert werden.

„Die Betreuerin verkündet mit lauter Stimme, daß wir vorsichtshalber erst eine Pipi-Pause einlegen, bevor wir in den Wildpark hineinfahren. Hektisches Aussteigen, wo sind die Tiere? Nichts in Sicht, der Weg ist frei, schnell, nutzen wir die Gelegenheit zum Pipi-machen. Vor den Türen zu den Toiletten herrscht Gedränge, man ist auf der Lauer, immer noch kein Tier im Anmarsch, man wartet, bis man an der Reihe ist, je mehr man daran denkt, desto ärger muß man, jetzt aber schnell, schnell, die Tür geht auf, wir sind dran. Man hat sich geirrt, ist bei den Männern gelandet, man muß in die Hocke gehen, aber es gibt nichts, um sich festzuhalten, die Tiger warten schon, die Nashörner scharren mit den Füßen, man macht Pipi im Stehen. Man hat den Zwickel von der Strumpfhose und die Schuhe vollgespritzt, das Toilettenpapier fehlt, die Giraffen kommen, der Bus wird gleich ohne einen abfahren, man zieht die Unterhose hoch, uff!, sie sind noch da. Man steigt wieder in den Bus.“

Von lustig bis traurig, von melancholisch bis fröhlich sind in diesem Buch sämtliche Emotionen vertreten.

„Die glücklichen Tage“ ist ein Roman, der dank Graffs realistischer Beschreibungen von Antoines Alltag im Seniorenheim, den Marotten und alzheimerbedingten Verfehlungen der Bewohner einerseits nachdenklich stimmt und andererseits den Leser zu schätzen lehrt, wie gut der Mensch es hat, solange er gesund und fit genug ist, selbst über sein Leben zu bestimmen und Entscheidungen zu treffen.

Bleibt nur die Frage, ob auch Antoine dies in seiner Zeit im „Glück im Winkel“ begreifen wird.                 A. Ney

Laurent Graff: „Die glücklichen Tage“, BLT Verlagsgruppe Lübbe, broschiert, 100 Seiten, 7,95 Euro


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