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07.06.08 / Tibets Leidensgenossen / Auch die Uiguren sind eine in China unterdrückte Minderheit

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 23-08 vom 07. Juni 2008

Tibets Leidensgenossen
Auch die Uiguren sind eine in China unterdrückte Minderheit
von Albrecht Rothacher

Unter Chinas 1,3 Milliarden Einwohnern gehören zehn Prozent zu den nationalen „Minderheiten“, die nicht zur Titularnation der Han-Chinesen gehören. Viele von ihnen haben eine Bevölkerungszahl und ein ursprünglich geschlossenes Siedlungsgebiet, das sie in Europa zu einer mittelgroßen Staatsnation werden ließe. Dazu zählen die Zhuang (16 Millionen), die Manchus (zehn Millionen), die islamisch-chinesischen Hui (neun Millionen), die Uiguren (acht Millionen), die Miao Südchinas (7,5 Millionen), die Yi (6,5 Millionen), die Tujia (5,7 Millionen), die Mongolen der Inneren Mongolei (fünf Millionen) und nicht zuletzt die Tibeter (4,6 Millionen).

Allen ist gemeinsam, daß sie vom chinesischen Wirtschaftswunder links liegengelassen werden. Sie leben meist weiter in bitterer Armut und sind von chinesischsprachigen Verwaltungs- und Wirtschaftsberufen und von höherer Bildung, die die vertiefte Kenntnis der chinesischen Schriftsprache voraussetzen, ausgeschlossen. Offiziell sind die Minderheiten toleriert, sofern sie in der KP-Diktatur mitschwimmen und die ihnen zugedachte Rolle im Han-Nationalismus als putzige Volkstanzgruppen, Touristenattraktion und ethnische Restaurantbetreiber brav weiterspielen. Grundsätzlich aber stehen die Minderheitennationen im han-chinesischen Nationalstaat vor der Alternative zwischen Anpassung, ethnischer Selbstaufgabe und Akkulturation einerseits oder opfervollem Widerstand und Selbstbehauptung andererseits. Die Manchus und die in den Städten lebenden Inneren Mongolen haben den Weg der Selbstaufgabe gewählt. Denn nur die volle Teilhabe am chinesischen Bildungssystem bietet ihnen und ihren Kindern Beschäftigungschancen und ein individuelles Entkommen aus Armut, Unterentwicklung und Diskriminierung. Die buddhistischen Tibeter und die islamischen Uiguren, die eine eigenstaatliche Tradition, jahrhundertealte Nationalkulturen und einstmals geschlossene Siedlungsgebiete weit westlich des eigentlichen Chinas besitzen, leisten Widerstand gegen den großchinesischen Kolonialismus. Für ihren unbeugsamen Mut bezahlen sie einen hohen Preis.

Nördlich von Tibet schließt sich Xinjiang („Neue Grenze“) als zweite große Westprovinz des heutigen China an. Sie wird von den Wüsten Gobi und Taklamakan, den Oasen und den Karawanenwegen der alten Seidenstraße geprägt. Xinjiang wird von acht Millionen Uiguren und einer Million Kasachen bewohnt. Seitdem in den 90er Jahren die Siedlungsprogramme massiv einsetzten, siedeln hier auch zwölf Millionen Han-Chinesen. Ähnlich wie Tibet war Xinjiang jahrhundertelang unabhängig oder in einem nur losen Tributsverhältnis zum chinesischen Kaiser autonom gewesen. 1950 wurde die sowjetisch gelenkte „Republik Ost-Turkestan“ von der PLA „befreit“. Die alte Führung kam bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz in der Mandschurei ums Leben.

Xinjiang macht heute ein Sechstel des chinesischen Territoriums aus. Seine strategische und wirtschaftliche Bedeutung ist angesichts seiner reichen bislang kaum erschlossenen Vorkommen an Öl, Erdgas, Kupfer, Gold und Kohle unvergleichlich wichtiger als die des unwirtlichen tibetischen Hochlandes. Ursprünglich wurde die Han-chinesische Besiedlung Xinjiangs in den 50er Jahren durch Ketten von Arbeitslagern (laogai) vorangetrieben, in denen Millionen von politisch und sozial mißliebigen Zwangsarbeitern Staatsgüter, Bergwerke sowie den Kanal-, Straßen- und Eisenbahnbau betreiben mußten. Wie in Stalins Gulag wurden die meisten zu Tode gearbeitet.

Die alteingesessenen Uiguren und die chinesischen Neusiedler leben unverbundene Parallelexistenzen, die räumlich, beruflich, sozial, religiös und sprachlich streng geschieden sind. Die Uiguren wohnen in ihren traditionellen Lehmbauten in den abbruchbedrohten Altstädten und Oasensiedlungen als Obstbauern und Viehhirten oder als Handwerker und Händler auf den Basaren. Die Chinesen dagegen sind Soldaten, Polizisten oder Angestellte der Staatsbetriebe und wohnen in den Plattenbauten der Vorstädte. Uiguren werden von chinesischen Konzernen und vom Staat wegen mangelnder Kenntnisse der Schriftsprache nicht beschäftigt.

Der Gottesdienst der Moscheen wird unter allen möglichen Vorwänden eingeschränkt, ebenso wie die Gebetsrufe des Muezzin. Häufig werden sie bei Stadterneuerungen nach chinesischem Muster abgerissen.

Der nationale Widerstand der Uiguren wurde von Anfang an kriminalisiert und soll mit Brachialgewalt gebrochen werden. Unruhen beginnen meist spontan als Ausbruch des Volkszorns nach brutalen Übergriffen der Volkspolizei gegenüber Schwangeren (um Zwangsabtreibungen durchzuführen), Kindern, Jugendlichen, Geistlichen und Honoratioren bei den allnächtlichen Razzien. Dann versucht eine Menschenmenge die Polizeireviere zu stürmen und die Gefangenen zu befreien. Einige Stunden später kommt dann der Gegenschlag mit einem massiven Militäreinsatz, oft mit Panzern und Kampfhubschraubern gegen die Zivilbevölkerung. Hunderte von Toten auf Seiten der Aufständischen und tausende von Verhaftungen sind die Folge. Sie erwartet ausnahmslos Folter und jahrelange Lagerhaft, Dutzende öffentlicher Hinrichtungen oder spurloses Verschwinden angeblicher Rädelsführer. Fast täglich werden in Xinjiang ein bis drei Hinrichtungen bekanntgegeben. Meist sind die Delikte politisch: Separatismus, Bandenbildung, Sabotage und Terrorismus. Nur sehr selten werden einmal Chinesen wegen krimineller Untaten zum Tode verurteilt.

Der Präsident der Ostturkmenistan Stiftung in Ankara, Mehmet Riza Bekim, ein pensionierter türkischer General uigurischer Herkunft, meint zur chinesischen Repressionspolitik: „China weiß genau, was die Welt haßt. Sie versuchen die Uiguren als Kämpfer für den Islam darzustellen. Doch der islamistische Fundamentalismus hat nichts mit dem Kampf der Uiguren zu tun. Die Uiguren wollen einen demokratischen laizistischen Staat.“

Das uigurische Exil leidet unter dem Fehlen eines unbestrittenen charismatischen Führers wie des Dalai Lama für die Tibeter, der internationale Aufmerksamkeit und Anerkennung bewirkt.

 

Zeitzeugen

Konfuzius – Der Philosoph Kofuzius (um 551–479 v. Chr., eigentlich: Kong Tse, „Meister Kong“) ist der wohl berühmteste Chinese. Sein Ideal des Menschen, der durch Bildung zum „Edlen“, zum moralisch einwandfreien Menschen wird, der in Harmonie mit der Welt lebt, prägt den chinesischen Wertekanon bis heute. Konfuzius war auch Politiker, nämlich Justizminister des Herzogtums Lu.

 

Ying Zheng – Der Herzog des Landes Quin (259–210 v. Chr.) einte 221 v. Chr. die „streitenden Reiche“ zum Kaiserreich, das in den europäischen Sprachen seither von „Quin“ abgeleitete Namen wie „China“ trägt. Quin schuf mit großer Brutalität einen Einheitsstaat mit beeindruckender Infrastruktur und einer Haupstadt mit damals fast unvorstellbaren 200000 Einwohnern.

 

Pu Yi – Der letzte der chinesischen Kaiser, Aisin Gioro Pu Yi (1906–1967), hatte ein trauriges Schicksal: Als Kleinkind 1908 auf den Thron gesetzt, nahm ihm die Revolution von 1911 die Kaisermacht. 1924 floh er zu den Japanern, die ihn 1934 zum „Kaiser von Mandschukuo“ machten. 1945 geriet er in sowjetische Gefangenschaft, 1950 bis 1959 verbrachte er in einem rotchinesischen „Umerziehungslager“. 1967 starb Pu Yi, seelisch gebrochen von der 1966 einsetzenden Kulturrevolution.

 

Mao Zedong – Der Hilfsbibliothekar Mao (1893–1976) war neben Lenin und Stalin eine der großen kommunistischen Ikonen. Seit 1949 an der Macht, überzog er sein Land mit massenmörderischen Kampagnen, die geschätzten 76 Millionen Menschen das Leben kosteten, darunter die „Kampagne gegen Rechts“ (1957), der „Große Sprung nach vorn“ (1958–1962) und die „Kulturrevolution“ (1966–1976).

 

Tschiang Kai-schek – Tschiang (1887–1975) übernahm nach dem Tode von Sun Yat-sen 1925 die Führung der republikanischen chinesischen Regierungspartei Kuomintang. Nach der Niederlage im Kampf gegen Maos Kommunisten führte er ab 1949 auf Taiwan die „Republik China“ weiter, die bis 1971, auch als Mitglied des UN-Sicherheitsrats, als offizielles China anerkannt war. Seitdem geriet Taiwan mehr und mehr in die diplomatische Isolation.


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