15.04.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
07.06.08 / Ost-Deutsch (69): Wechsel

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 23-08 vom 07. Juni 2008

Ost-Deutsch (69):
Wechsel
von Wolf Oschlies

Jesus ging in den Tempel … und die Tische der Wechsler stieß er um“, heißt es im Markus-Evangelium. Ein biblischer Beleg für ein Wort aus dem althochdeutschen Stamm „wehsal“, was ursprünglich „weichen, Platz machen“ bedeutete, bald aber auch für „Waren und Geld tauschen“ verwendet wurde. Und jeder Wechsel der Sprachverwendung wurde von einigen unserer Nachbarn mitgemacht, am treuesten von Tschechen. Die gingen als Junge schon in den 1920er Jahren „na veksl“ (auf Wechsel), nämlich auf einen Schüleraustausch, Deutsche in tschechische, Tschechen in deutsche Familien. Inzwischen gibt es Schüleraustausch ganz offiziell, wobei junge Tschechen sich wundern, wie ihre deutschen Klassenkameraden entscheiden können, „jestli se chce dal ucit latinu, nebo vekslovat na francouzstinu“ (ob sie weiter Latein lernen wollen oder zu Französisch wechseln).

Eindeutiger ist der russische „veksel’“, der in neuen marktwirtschaftlichen Lehrbüchern als „schriftliche Verpflichtung, jemandem in einer bestimmten Frist eine bestimmte Geldsumme zu zahlen“, definiert wird oder als schriftliche Verpflichtung generell. Den im Juni 2003 zwischen Rumänien und Rußland geschlossenen Grundlagenvertrag kommentierten russische Blätter so: „Veksel’ budet oplatschen“ (der Wechsel wird ausgezahlt). Oder auch nicht: Ende März 2008 wurde in Moskau ein Millionenbetrüger zu sieben Jahren Haft verknackt, der Gläubigern Wechsel wegnahm und sie beruhigte: „Vekselja ja vernu – eto pervoaprel’skaja schutka“ (Die Wechsel gebe ich zurück – das ist nur ein Aprilscherz).

Tschechen und Slowaken verbinden mit „veksl“ Erinnerungen an jüngere Vergangenheit. Im Kommunismus bedeutete „vekslovat“ (wechseln), Devisengeschäfte mit westlichen Touristen zu machen. Das war verboten und nicht ungefährlich, weswegen ein geschickter „vekslák“ im hohen Ansehen stand. Auch die Konkurrenz war hart, denn „v centru Prahy veksluji nasi lide a cizinci“ (im Zentrums Prags wechseln unsere Leute und Ausländer). Dieses Zentrum war der Wenzelsplatz, tschechisch Vaclavske namesti oder im Prager Jargon einfach „Vaclavak“. Dann kamen immer mehr Touristen, aus dem „Vaclavak“ wurde der „Vekslavak“ oder deutsch „Vekslplatz“.


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren