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07.06.08 / Was tun gegen Jugendgewalt?

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 23-08 vom 07. Juni 2008

»Auf ein Wort«
Was tun gegen Jugendgewalt?
von Jörg Schönbohm

Wie die kürzlich in Berlin präsentierte Polizeiliche Kriminalstatistik ausweist, ist die polizeilich registrierte Kriminalität in Deutschland erneut rückläufig. Damit setzte sich auch 2007 ein erfreulicher Trend fort. Insgesamt gab es im vergangenen Jahr 0,3 Prozent weniger Straftaten als im Vorjahr. Damit ist unser Land wieder ein Stück sicherer für die Menschen geworden. Besonders erfreulich ist es, daß auch die Zahl der jugendlichen Tatverdächtigen um 0,4 Prozent zurückgegangen ist.

Eigentlich wäre das ein Grund zur Freude, wäre da nicht gleichzeitig ein bedenklicher Anstieg bei jugendlicher Gewaltkriminalität zu beobachten. Im Vergleich zum Vorjahr nahmen die Straftaten in diesem Bereich um 4,9 Prozent zu. Bereits die letzte Polizeistatistik hatte in diesem Bereich einen Anstieg festgestellt. Besonders auffällig ist zudem der Zuwachs an gefährlichen und schweren Körperverletzungen, die um 6,3 Prozent anwuchsen.

Es liegt auf der Hand, daß hier dringender Handlungsbedarf besteht. Schließlich hat nicht nur das Ausmaß der Straftaten zugenommen, sondern vor allem auch die Brutalität und Skrupellosigkeit der Taten. Die Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen ist in den vergangenen Jahren besorgniserregend angestiegen. Gleichzeitig sinkt bei vielen die Hemmschwelle. Dies muß uns ebenso nachdenklich stimmen, wie die Tatsache, daß auch der Anteil von jugendlichen Intensivtätern zugenommen hat, also jener, die bereits in jungen Jahren eine lange kriminelle Biographie aufweisen. 

Neben der Polizei ist vor allem die Justiz gefordert. Die jugendlichen Straftäter müssen so schnell wie möglich zur Verantwortung gezogen werden. Sie müssen erfahren, daß der Rechtsstaat begangenes Unrecht nicht einfach hinnimmt, sondern zügig durch Strafe sanktioniert. Kriminelles Verhalten darf nicht folgenlos bleiben. Die Jugendlichen müssen die Konsequenzen ihres Handelns spüren – und das möglichst zeitnah zur begangenen Tat.

Erfahrungen in der Jugendarbeit zeigen nämlich, daß gerade eine große zeitliche Distanz zwischen Tatzeitpunkt und der verhängten Sanktionsmaßnahme zu weiterem problematischen Verhalten führen kann. Der Rechtsstaat muß auf Verstöße konsequent und schnell reagieren können. Vordringliche Aufgabe der Politik sollte es daher sein, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen, die es den Gerichten ermöglichen, jugendlichen Straftätern zügig das Verfahren zu machen.

Letzten Endes sind solche Maßnahmen aber nicht viel mehr als eine bloße Bekämpfung der Symptome. Sie kommen naturgemäß erst dann zum Zug, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Eigentlich müßte bereits früher – nämlich bei der Erziehung – angesetzt werden. Das jedoch ist nicht Aufgabe von Polizei und Staatsanwaltschaft, das ist alleine Aufgabe der Eltern. Sie müssen stärker in die Pflicht genommen werden. Was in den Elternhäusern an Erziehung versäumt wird, kann nachträglich nicht mehr von der Polizei nachgeholt werden.

Auffällig ist, daß bei vielen Straftätern kein festes soziales Umfeld vorhanden ist. Zudem setzen Eltern ihren Kindern häufig keine Grenzen mehr. In vielen Familien gibt es keine klaren Normen, an denen sich die Kinder orientieren können. Wenn Erziehung aber inkonsequent oder sogar inkonsistent ist, dann ist für den Nachwuchs nicht mehr erkennbar, was richtig und was falsch ist, was er darf und was nicht. Ohne Schranken und Normen in der Erziehung sind spätere Konflikte programmiert. Wer als Kind nie gelernt hat, wie man sich sozial korrekt verhält, oder vielleicht sogar im eigenen Elternhaus Gewalt erfahren hat, der wird als Heranwachsender eher dazu neigen, Streitigkeiten ebenfalls mit Gewalt zu lösen.

Viele Eltern haben sich mittlerweile fast gänzlich von ihrer Erziehungsverantwortung verabschiedet. Fachleute sprechen sogar von einer „Erziehungsverweigerung“. Bisweilen ist es vielen Eltern gar nicht mehr klar, wer eigentlich tatsächlich für die Erziehung ihrer Kinder verantwortlich ist. Schließlich wird bei uns Erziehung zunehmend an Horte, Krippen und Schulen ausgelagert. Nicht selten sind die Erzieher dort aber mit ihrer Rolle als Ersatz-Eltern schlichtweg überfordert.

Kinder – und vor allem Klein- und Kleinstkinder – benötigen sichere Bindungen und feste Be-zugspersonen: Das können nur die Eltern bieten. Elterliche Zuwendung ist durch nichts zu ersetzen. Schließlich ist es gerade die emotionale Verbundenheit zwischen Eltern und Kindern, die ganz entscheidend für die Entwicklung von Mitgefühl und Verantwortungsbereitschaft verantwortlich ist. Eine externe Kinderbetreuung kann das in diesem Maße nicht erreichen. Krippe und Schule alleine können nicht für die Erziehung verantwortlich sein. Unsere Kinder brauchen weniger Hortverwahrung und dafür mehr Liebe und Fürsorge der Eltern.

Wenn Kindern eine liebevolle Erziehung zuteil wird, das heißt, wenn sie erfahren, was es bedeutet, wenn sie angenommen werden, wenn ihnen zugehört wird, wenn ihnen Zeit geschenkt wird, wenn ihnen Mut gemacht wird, wenn sie unterstützt und gefördert werden, aber auch wenn ihnen Grenzen aufgezeigt werden, dann ist das die beste Vorbeugung gegen Jugendgewalt.

Zeigen wir nicht nur auf die anderen; jeder von uns kann hierzu seinen Beitrag leisten – fangen wir damit an.

Foto: Gewaltbereit: Jugendliche brauchen Grenzen und Normen – und Eltern, die diese auch durchsetzen.


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