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07.06.08 / Konkurrenzdenken in der Partnerschaft / Hilfreich ist es, die Gefühle zu besprechen und klare Absprachen zu treffen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 23-08 vom 07. Juni 2008

Konkurrenzdenken in der Partnerschaft
Hilfreich ist es, die Gefühle zu besprechen und klare Absprachen zu treffen
von Anja Schäfers

In vielen Beziehungen sind beide Partner berufstätig. Wenn beide ehrgeizig sind oder sich beruflich verwirklichen wollen, sind sie nicht selten auch Rivalen. Dafür muß das Paar nicht mal in einer Firma arbeiten oder in derselben Branche tätig sein. „Der Konflikt zeigt sich meist unterschwellig“, sagt Diplompsychologe Thomas Zimmermann. Dann wird etwa einer der beiden mißmutig, wenn der andere abends von seinem Tag im Job berichtet. Oder er kann sich über einen geschäftlichen Erfolg des Liebsten nicht wirklich freuen.

„Konkurrenzdenken entsteht dadurch, daß wir uns mit anderen Menschen vergleichen“, sagt Zimmermann. Dies sei ein ganz natürlicher Impuls, der dabei helfe, sich von anderen abzugrenzen und eine eigene Identität zu finden. Dabei entstünden jedoch auch Sehnsüchte oder Gefühle wie Neid, die sich an ganz verschiedenen Faktoren festmachen könnten. „Ich wäre bei meinem Chef auch gern so angesehen wie sie“ beispielsweise oder „Ich arbeite härter als er, aber verdiene viel weniger“.

Wer sich oft benachteiligt fühle oder den beruflichen Erfolg des Partners eher mißgünstig sehe, sollte sich nach seinen eigenen Stärken und Schwächen fragen. Vielleicht entdeckt man dabei Defizite in seinen beruflichen Qualifikationen und kümmert sich um eine Weiterbildung. Oder man bemerkt, daß man seine Fähigkeiten in seinem Job nicht voll entfalten kann und sucht sich eine neue Tätigkeit. „Je zufriedener man mit seiner eigenen Entwicklung ist, desto eher kann man sich mit dem Partner freuen“, berichtet der Diplompsychologe.

Ganz wichtig sei aber, daß man nicht nur über berufliche Dinge nachdenke. „Vielleicht bewegt mich eine Karriere gar nicht so sehr und ich möchte eigentlich in ganz anderen Bereichen meines Lebens aktiv werden“, sagt Zimmermann. Dazu könnte gehören, sich mehr Zeit für die Familie zu nehmen oder einem Hobby nachzugehen, das man aus geschäftlichen Gründen vernachlässigt habe.

„Oft kann man mit sich Frieden schließen, wenn man sich auf seine inneren Werte besinnt“, sagt Friedhelm Schwiderski, Vorsitzender des Arbeitskreises Paar- und Psychotherapie und Paartherapeut in Hamburg.

Anerkennen sollte man zum Beispiel, daß man in der Partnerschaft zuverlässig und berechenbar sei oder gut mit den Kindern umgehen könne. Zusätzlich sollten sich auch beide als Paar überlegen, wieso man sich ineinander verliebt habe und was einen an dem anderen heute fasziniere.

Einige Probleme werden von außen an das Paar herangetragen. Denn Themen wie Arbeit und Erwerbslosigkeit oder Karriere und Kindererziehung werden in unserer Gesellschaft auf eine bestimmte Weise bewertet. „Auch Gleichberechtigung ist noch ein junges Pflänzchen“, sagt Schwiderski. Der Mann einer erfolgreicheren Frau bekäme deshalb nicht selten kränkende Kommentare zu hören. Manche Frauen wiederum verstecken berufliche Erfolge, um ihren Partner nicht zu verletzen. Für das Paar sei daher hilfreich, wenn es offen über seine Gefühle, etwa erlittene Demütigungen oder heimliche Rücksichtnahmen, reden würde. Hierbei würden häufig auch biografische Einzelheiten zur Sprache kommen. „Wenn ein Partner bei einem bestimmten aktuellen Thema empfindlich reagiert, schwingen dabei oft frühere Kränkungen mit“, erläutert der Paartherapeut. Wer sich zum Beispiel von einem Lehrer immer wieder den Spruch „Aus dir wird später ohnehin nichts“ hat anhören müssen, läßt sich unter Umständen als Erwachsener in beruflichen Dingen extrem verunsichern. Andere leiden vielleicht darunter, daß sie bei ihren Schwiegereltern nicht angesehen sind.

Auch auf der ganz konkreten Ebene müsse jedes Paar über sein berufliches Engagement reden. „Dies gilt besonders bei Veränderungen“, sagt Schwiderski. Wenn jemand zum Beispiel einen Chefposten annehmen wolle, sollten beide zusammen überlegen, welche Freiräume für die Partnerschaft bleiben würden.

Es ist wichtig, daß beide Partner auf ihre Kosten kommen. Möchte jemand zum Beispiel ein Abendstudium aufnehmen, wird er sich für einen längeren Zeitraum nicht mehr so stark im Haushalt oder in der Kindererziehung engagieren können. „Sein Partner sollte sich überlegen, was er während oder nach dieser Zeit als Ausgleich haben möchte“, sagt der Therapeut. Möglicherweise könne eine Haushaltshilfe oder ein Babysitter Entlastung bringen. Oder das Paar vereinbart, daß nach dem Studium des einen der andere ein ähnlich zeitaufwendiges Ziel verfolgen dürfe.

„Langfristige Abmachungen sollte man schriftlich festhalten“, empfiehlt Schwiderski. Denn meist wüßten beide schon nach einem halben Jahr nicht mehr, was sie vereinbart hätten. „Letztlich sollten die Partner aber immer wieder für Veränderungen offen sein“, sagt Thomas Zimmermann. Ein Paar mit Beruf und Kindern müsse meist jede Woche neu verhandeln, wer an welchen Tagen den Nachwuchs von der Kita abholt oder den Einkauf erledigt. Dadurch könnten die Lasten gerecht verteilt und Freiräume für die Partnerschaft gefunden werden.


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