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07.06.08 / Die Entdeckung des Sparens / Immobilienkrise und explodierende Öl-Preise verändern die US-Gesellschaft

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 23-08 vom 07. Juni 2008

Die Entdeckung des Sparens
Immobilienkrise und explodierende Öl-Preise verändern die US-Gesellschaft
von Liselotte Millauer

Kürzlich hier in Los Angeles, inmitten der vertrauten Fernsehabend-Nachrichten von Bandenkriegen, Morden, Polizei-Verfolgungsjagden, kleinen Erdbeben und gewaltigen Feuern nebst der Propaganda-Schlacht um die demokratische Präsidentschafts-Kandidatur riß ein Bericht die Zuschauer aus ihrer Lethargie: Ratschläge, wie man trotz Geldknappheit und steigender Preise durch geschickte Einkäufe für seine Familie sorgen könne.

Keine Tips für das stets erwartete  „Big One“, keine empfohlenen Hamsterkäufe wegen eines drohenden Überfalls feindlicher Mächte, nein, in Amerika, dem Land, wo in den Augen der Welt wie all der illegalen und anderen Einwanderer seit je Milch und Honig flossen, im Land von „Hamburger“ und Coca-Cola, gibt es plötzlich so etwas Unsägliches wie Sorgen um das täglich Brot.

Natürlich ist noch keine Hungersnot ausgebrochen. Aber Tatsache ist, daß nach offizieller Voraussage des US-Landwirtschaftsministeriums die Preise für Nahrungsmittel in diesem Jahr allgemein um fünf Prozent, der höchste Anstieg seit 1990, ansteigen werden, wo sie nicht bereits angestiegen sind.

Im einzelnen: Milchprodukte kosten bereits 13,5 Prozent mehr als im letztem Jahr, Brot und Backprodukte um acht Prozent, Reis wird nicht nur teurer, sondern auch knapp. Eier, Fett und Öle aller Art sollen ganz erheblich teurer werden. Ebenfalls beträchtlich klettern die Ausgaben für Fleisch, Fisch und Huhn, da die Futterpreise, vor allem wegen der weltweiten Kornknappheit, gigantisch angestiegen sind.

Wenn man nun noch die größte Sorge der Auto-Nation Amerika,  die hochschnellenden Benzinkosten, in Rechnung stellt sowie den zusammengebrochenen Immobilienmarkt (Hauptursache für den rapiden Niedergang der US-Wirtschaft), dann wird die Sorge von Uncle Sams Normalverbraucher verständlich.

„Sparen“ heißt die neuste Parole für die amerikanischen Haushalte. Und da die Amerikaner patent und realistisch sind, schalten sie schnell um. Weniger Reisen, weniger Restaurant-Besuche, weniger Kleidung. So kommt nun auch die amerikanische Wegwerf-Gesellschaft zur Besinnung.

Dies schlägt sich jedoch, wie beim Häusermarkt, krisenhaft auf die Wirtschaft nieder, die ohnehin unter den hochschnellenden Ölpreisen leidet. Soeben haben landesweite Verkaufsketten wie „Target“ und „Home Depot“ erhebliche Gewinnverluste angemeldet, woraufhin der Dow Jones, das Aktion-Barometer der Wallstreet, am 20. Mai um fast 200 Punkte fiel. „Inflations-Furcht senkt Aktien“, titelte die „L. A. Times“ vom 21. Mai.

„Der plötzliche Spar-Trend ist ein ganz schöner Unterschied zu früheren Zeiten“, sagt Pamela Munro aus dem Heer ungenügend beschäftigter Schauspieler in Hollywood, die mit jedem Cent rechnen muß. „Da galt es als unfein, über Geld zu reden und die Bezeichnung ,Pfennigfuchser‘ kam einer Beleidigung gleich.“ Es wurde erwartet, daß man Geld ausgibt, nicht daß man darüber Worte verliert.

Nicht so heute. Plötzlich ist der „Pennypincher“ trendy. Jeder achtet plötzlich auf die Preise. Die Leute strömen in die Billig-Stores wie die „99er“, wo man nahezu alles für Haushalt und Ernährung inklusive Obst und Gemüse und sogar Bier und Wein findet und wo kein Teil mehr als 99 Cents kostet.

Immer mehr Hausfrauen (und auch Männer) studieren täglich die Website www.Thriftyfun.com, um Tips auszutauschen und zu empfangen, wie man am besten sparen kann. Wo man am besten einkauft, welche Supermärkte für welche Dinge wöchentlich am preiswertesten sind. Wie man zu Spar-Coupons kommt. Und welche Lunch- und Dinner-Menüs man schmackhaft auf Vorrat kochen und  einfrieren kann.

Diese Websites werden immer mehr zu einem Wirtschaftsfaktor. Allein im März hat Thriftyfun vier Millionen Leser gehabt. Auch andere Websites wie www.allrecipes.com und www.hillbillyhousewife.com haben nach einem Bericht der „L. A. Times“ ihre Leserschaft in den letzten drei Monaten verdoppelt und verdreifacht.

Andrea Garza, die eine Familie von fünf Personen für 75 Dollar die Woche ernähren muß, folgt den Ratschlägen von hillbillyhousewife und www.thefamilyhomestead.com, Nahrungsmittel selbst herzustellen. „Ich zahle doch nicht vier Dollar für ein Brot, wenn ich es für 30 Cent selber backen kann“, sagt sie in der „Times“. Sie macht auch Tortillas, Marmelade, Sirup und sogar Seife nach den Website-Rezepten. Aus Trockenmilch zaubert sie Yoghurt, Creamcheese und Butter. Für Eier hat sie fünf Hühner im Garten. Das „Selbst ist die Hausfrau“-Prinzip ist – weit mehr als der Not gehorchend – zu einem Hobby geworden. Und der Familie schmeckt es.

Ein ähnlicher Trend zum „Do it yourself“ ist im Restaurant-Business zu bemerken. www.allrecipes.com gibt Ratschläge, wie man ausländische Gerichte zu Hause anfertigen kann. Seit Januar ist der Benutzer-Anteil um 107 Prozent gestiegen. Die Nachfrage nach chinesischen Rezepten schoß innerhalb von zwei Monaten um 200 Prozent in die Höhe. Auch das Interesse an indischen Rezepten verdoppelte sich. Die Vizepräsidentin der Website, Lesmee Williams, weiß warum: „Die Leute haben begonnen, ein Restaurant-Erlebnis zu Hause zu kreieren.“ Für die Amerikaner, die so lange gewohnt waren, alles fraglos zu bekommen, was sie brauchten, ist es vielleicht ganz lehrreich, einmal preisbewußt zu leben.

Doch wie sieht die Wirtschaftslage nun wirklich aus? Egal, wie man sich praktisch arrangiert – die bewußte wie unbewußte Angst vor einer Wirtschaftskrise, vor Rezession wie gar vor Inflation ist weit verbreitet. Und nach acht Jahren Bush-Regierung ist das, zusätzlich zu dem größten Problem, der bisher ungelösten Krankenversichungs-Situation, nicht gerade ein günstiger Aspekt im Wahljahr für die Republikaner. Es wird daher versucht, die Lage als ernst, aber nicht hoffnungslos darzustellen.

Das private sogenannte „Conference Board“, eine Gesellschaft von Finanz-Fachleuten, hat nach ihren Recherchen herausgefunden, daß die Wirtschaft zwar schwach ist, aber nicht in eine Rezession gleitet. Es sei sogar ein kleiner Anstieg zu bemerken.

Der Hauptgrund: Der Kreditmarkt könnte sich langsam erholen. In dieser Woche wurde ein wichtiger Vorschlag von Demokraten wie Republikanern im Senat unterbreitet, wonach den zirka 500000 Hausbesitzern, die in Gefahr sind, ihren Besitz zu verlieren, neue und günstige Finanzierungen angeboten werden, die von der Regierung gedeckt sind. Da die Häuser-Krise ganze Gemeinden landesweit, vor allem auch in Kalifornien, in Bedrängnis gebracht und sich wie ein rotes Tuch über die gesamte Wirtschaft gebreitet hat, gilt dieser Vorschlag als ein offenbar guter Weg aus der Krise. Ob er in Washington durchgeht und die erhoffte Wirkung hat, bleibt genauso abzuwarten wie die Antwort auf die zur Zeit spannendste Frage in den USA: Wer wird der nächste Präsident?

Foto: Nicht mehr hemmungsloser Konsum: Spar-Ratgeber liegen in den USA im Trend.


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