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07.06.08 / Liebe als Wahn / Atmosphärischer Roman

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 23-08 vom 07. Juni 2008

Liebe als Wahn
Atmosphärischer Roman

Scheinbar hat der Knaus Verlag mit seiner Wiederentdeckung der russischstämmigen Pariser Autorin eine gute Einnahmequelle entdeckt, denn mit der Neuauflage des 1940 erstmals veröffentlichten Romans „Die Hunde und die Wölfe“ hat der Verlag bereits das dritte Werk der in Auschwitz verstorbenen Jüdin herausgebracht.

Auch dieser Roman hat seinen Charme und die mitreißende Stimmung aus Untergang und Lebensmut, die der Autorin so eigen ist. Schon zu Beginn bindet Némirov-sky den Leser durch die von ihr erzeugte Atmosphäre an sich. Der Roman beginnt in einer Stadt in der Ukraine, in der der jüdische Händler Israel Sinner jeden Tag aufs neue hinauszieht, um den Lebensunterhalt für sich und seine Tochter Ada zu verdienen. Als der Witwer die Frau und die Kinder seines verstorbenen Bruders bei sich aufnimmt, erfährt Ada von ihrer Tante Rhaissa, daß die Familie zu dicht am Armenviertel der Juden wohne und mehr in die Oberstadt zu den vermögenden Menschen gehöre, da sie was Besseres seien als die anderen. Immer wieder schwirren Gerüchte über Pogrome durch die Stadt, doch als es dann soweit ist, ist die Familie unvorbereitet. Ada und ihr Cousin Ben werden in einer Abstellkammer versteckt und müssen im Dunkeln ausharren, während von draußen hereindringende Geräusche von Zerstörung und Mord künden. In einem stillen Augenblick läßt Rhaissa die Kinder aus ihrem Versteck und fordert sie auf, in die Oberstadt zu flüchten. Dort, bei reichen Verwandten, versuchen die Kinder, Hilfe zu bekommen. Verstaubt und verängstigt, wie sie sind, werden sie jedoch nicht mit offenen Armen empfangen, nur widerwillig gewährt man ihnen Unterschlupf. Trotzdem wird dieser unfreiwillige Verwandtenbesuch von nun an Adas Leben bestimmen, denn hier sieht die Achtjährige erstmals den fast gleichaltrigen Harry Sinner, in den sie sich sofort verliebt.

Irène Némirovsky schildert Adas Passion, die jedoch stark an einen Wahn erinnert. Selbst Jahre später, in Paris, nutzt die junge Frau jede Möglichkeit, um das Haus ihres inzwischen ebenfalls in der Stadt lebenden Verwandten zu beobachten. Scheu, wie die talentierte Malerin jedoch ist, traut sie sich nicht, direkt Kontakt aufzunehmen. Erst als er auf ein von ihr ausgestelltes Gemälde aufmerksam wird, finden die beiden zueinander. Doch beide sind inzwischen verheiratet und Cousin Ben, Adas Ehemann, hat verständlicherweise keine Gnade mit dem Liebespaar. Nur Ada kann mit einem Opfer aus Liebe noch den von Ben verursachten finanziellen Ruin Harrys aufhalten: Sie tut es und steht am Ende sogar glücklicher da als zuvor, wenn auch ohne Geliebten.             R. Bellano

Irène Némirovsky: „Die Hunde und die Wölfe“, Knaus, München 2007, geb., 253 Seiten, 17,95 Euro


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