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07.06.08 / Kaiserschnitt – ja oder nein / »Natürliche Ungewißheit oder planbare Gewißheit«

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 23-08 vom 07. Juni 2008

Kaiserschnitt – ja oder nein
»Natürliche Ungewißheit oder planbare Gewißheit«
von Rosemarie Kappler

Das Geschäft mit dem Aberglauben ist der Hauptgrund dafür, daß in Indien die Geburt per Kaiserschnitt zur Normalität geworden ist. Immer mehr Frauen erkundigen sich bei Astrologen nach dem Zeitpunkt möglichst günstig stehender Sterne. Keine Mutter will, daß ihr Kind in schlechten Zeiten zur Welt kommt. Die Ärzte freut das, denn mit dem Kaiserschnitt läßt sich mehr Geld verdienen als mit der normalen Geburt. Und so werden in Metropolen wie Neu Delhi inzwischen acht von zehn Kindern mit der Methode geboren, die ursprünglich Notfällen vorbehalten sein sollte. Auch in Deutschland nimmt die Zahl der Kaiserschnitte seit über zehn Jahren wieder deutlich zu.

„Die Kaiserschnittrate ist heute zehnmal so hoch wie vor 70 Jahren“, sagt der Leiter der Geburtshilfe am Universitätsklinikum Münster, Privatdozent Dr. Walter Klockenbusch. Als Gründe nennt er die Tatsache, daß Frauen heute immer später schwanger werden, vermehrt Probleme im Zusammenhang mit Übergewicht auftauchen und es im Vergleich zu früheren Jahren immer mehr Frühgeburten und Mehrlingsschwangerschaften gibt. In hochtechnisierten Krankenhäusern mit ausgefeiltem Geburtsmanagement liegt die Häufigkeit bereits bei 30 Prozent.

Die Hälfte der Eingriffe wird durch Komplikationen während der Geburt erforderlich. Die restlichen Kaiserschnitte sind geplant, doch nur ein Teil davon aus medizinischen Gründen. Immer mehr Mütter entscheiden sich gegen eine natürliche Geburt aus Angst vor den damit verbundenen Schmerzen und aus Angst vor einer möglichen Beckenbodenschädigung, die im schlimmsten Fall zu Inkontinenz und sexuellen Störungen führen kann. „Dabei gibt es keine Situation, in der wir nichts gegen Schmerzen tun können. Unsere Patientinnen sind den Schmerzen nie ausgeliefert“, beruhigt Klockenbusch. Außerdem würden die Kinder unter der Geburt ständig überwacht. „Sollte Gefahr drohen, können wir das Kind innerhalb von Minuten auf die Welt holen.“ Neben der Angst gibt es aber auch noch andere Gründe, die werdende Mütter von einer natürlichen Geburt abhalten. Da ist zum einen das Vorbild durch prominente Frauen, die kurze Zeit nach der Geburt ohne jegliche Spur quälender Anstrengung im Gesicht in die Kameras lächeln. Da ist aber auch die Medizin selbst, die mit dem „Wunschkaiserschnitt“ eine gewisse Planbarkeit verspricht, was dem Denken und Empfinden des modernen Menschen entgegenkommt, der sein Leben in möglichst vielen Bereichen geklärt und kontrolliert wissen möchte. Hinsichtlich der Risiken, das zeigte vor Jahren die sogenannte Torontostudie, gibt es keinen Unterschied zwischen natürlicher Geburt und Kaiserschnitt. Dennoch gibt Klockenbusch der natürlichen Geburt den Vorzug. „Das Gefühl, eine Geburt aus eigener Kraft gemeistert zu haben, macht Frauen unbeschreiblich glücklich und zufrieden“, so seine Erfahrung. Die Vorteile für die Kinder selbst seien noch nicht bewiesen, es gäbe aber Hinweise, daß Neugeborene nach einer normalen Geburt weniger Anpassungsstörungen, insbesondere weniger Atemprobleme, hätten. Diese Aussagen stehen im Widerspruch zu dem, was Gynäkologen wie der Züricher Pierre Villars seit Jahren behaupten, nämlich, daß der Erfolg eines Kaiserschnitts praktisch vom Arzt ga-rantiert werden könne, während die normale Geburt von den Launen der Natur abhänge. Villars: „Die Schwangere muß sich also zwischen der natürlichen Ungewißheit und der planbaren Gewißheit entscheiden.“ Diese Suggestion hat offenbar gewirkt und den Trend zur Kaiserschnittgeburt begünstigt. Dabei wird aber verkannt, daß die Geburt nicht die Mutter allein betrifft, denn genauso wichtig ist es, daß auch das Kind seinen Geburtstermin selber festlegen kann. Der Kölner Psychologe Hermann Josef Berk geht noch einen Schritt weiter: „Die Geburt ist eine Gemeinschaftsleistung von Mutter und Kind, die nicht ohne Not betäubt werden sollte.“ Und auch Klockenbusch unterstreicht: „Eine Geburt ist schließlich ein natürlicher Prozeß und keine Krankheit.“ Letztlich aber trifft jede Mutter außerhalb einer Notfallsituation ihre eigene Entscheidung. Wichtig ist dann, daß das gesamte Umfeld von Verwandten, Freunden, Bekannten und Geburtshelfern diese Entscheidung respektiert statt kritisiert.


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