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21.06.08 / Auf goldenem Boden / Nicht nur Kollekte: Evangelische Kirche in Münster setzt professionelle Spendenwerberin ein

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 25-08 vom 21. Juni 2008

Auf goldenem Boden
Nicht nur Kollekte: Evangelische Kirche in Münster setzt professionelle Spendenwerberin ein
von Marcus Mockler

Das ist neu: Der evangelische Kirchenkreis Münster hat für fünf Jahre eine hauptamtliche Spendenwerberin (Fundraiserin) angestellt. Pastorin Iris Beverung kümmert sich künftig darum, Unterstützer für die Arbeit der 24 Gemeinden im Kirchenkreis zu finden. Bemerkenswert ist diese Anstellung, weil es immer noch viele Landes- und Freikirchen gibt, die überhaupt keinen Vollzeit-Fundraiser haben – und hier wagt nun auf untergeordneter Ebene ein Kirchenkreis diesen ungewöhnlichen Schritt.

Bei der EKD dürfte man davon begeistert sein. Immerhin steht im zwei Jahre alten Impulspapier „Kirche der Freiheit“ der Leitung der evangelischen Volkskirche Deutschlands der Satz: „Die Einnahmen aus zusätzlich eingeworbenen Mitteln sollten im Jahre 2030 rund 20 Prozent aller Mittel der evangelischen Kirche ausmachen.“ Für eine Organisation, die sich in den vergangenen Jahrzehnten auf die kräftig sprudelnde Quelle der Kirchensteuern verlassen konnte, ist das eine visionäre Aussage. Und eine Aufgabe – an die sich allerdings viele Kirchen noch gar nicht herangemacht haben.

Der hauptamtliche Spendenwerber liegt also voll im Trend. Davon überzeugt ist auch Michael Urselmann, Professor für Sozialmanagement an der Fachhochschule Köln. „Das ist ein Beruf mit rosiger Zukunft“, sagt er. Doch komme er nicht für jeden Menschen in Frage. Zwei Eigenschaften müsse ein erfolgreicher Spendenwerber mitbringen: Kommunikationsfreude und unternehmerisches Denken. Das Erste sei entscheidend, um mit potentiellen Spendern aller Art in Kontakt zu kommen und glaubwürdig die eigene Arbeit vertreten zu können. Die unternehmerische Ader sei wichtig, um mit den erforderlichen Investitionen vernünftig umzugehen und bei der Spendenwerbung die richtigen Prioritäten zu setzen. Als Ausbildungsweg hat sich im deutschsprachigen Raum das berufsbegleitende Studium etabliert – etwa an der Fundraising-Akademie (Frankfurt a. M.), die vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik, dem Deutschen Fundraising-Verband und dem Deutschen Spendenrat getragen wird.

Die Ausbildung – sie dauert zwei Jahre und kostet rund 9000 Euro – ist also eine Investition für die Studierenden und die Anstellung eine Investition für die Kirche oder den Verband. Genau dieser Gedanke der Investition kommt laut Sozialmarketing-Experte Michael Urselmann bei den Organisationen zu kurz. „Erst schiebt man das Thema Fundraising auf die lange Bank, dann stellt man überstürzt jemanden ein und erwartet, daß für die investierten 50000 Euro innerhalb eines Jahres eine Million an Spenden zurückkommt“, karikiert Urselmann die Mentalität mancher Sozialwerke. Die Erfahrung zeige aber: Das Aufbauen von Beziehungen und Freundschaften zu Spendern ist eine langwierige Sache. Man rechne im Durchschnitt mit drei Jahren, bis die Investitionen gedeckt seien – danach bringe Fundraising Gewinn.

Der Spendenmarkt ist riesig. In Deutschland werden jährlich schätzungsweise vier bis fünf Milliarden Euro verschenkt. Und je eindrücklicher die Not und je höher die Erwartung, eine Gabe könne sie lindern, desto größer die Spendenbereitschaft. In diesem Punkt einzigartig war der weltweite Wille, nach der verheerenden Flutwelle in Ostasien Geld zu geben. Alleine in Deutschland sind in den Folgemonaten über 600 Millionen Euro gespendet worden.

Im Leben der Kirchengemeinden ist das Spenden nach dem Kalender organisiert. So profitiert das evangelische Hilfswerk „Brot für die Welt“ wesentlich davon, daß praktisch alle Weihnachtskollekten – die Zeit mit dem höchsten Gottesdienstbesuch – auf das Hilfskonto wandern.

An diesem Punkt ist aber zu erwarten, daß sich die Konkurrenzsituation in den kommenden Jahren verschärft. Denn wenn tatsächlich immer mehr Aufgaben der Gemeinden aus zusätzlichen freiwilligen Gaben der Mitglieder und Gäste vor Ort stammen müssen, wird die Einsicht sinken, Gelder aus den besten Spendensonntagen wegzugeben, statt sie in lokale Projekte zu stecken. Zumal die Erfahrung zeigt, daß Spenden für die Orgelrenovierung oder ein neues Kirchendach viele Menschen enger mit ihrer Gemeinde verbinden als ein Hilfsprojekt, für das überregional aktive Organisationen die Werbetrommel rühren.

Zentrale christliche Arbeitsaufträge wie Mission und Evangelisation sind andererseits potentiellen Spendern schwer „verkäuflich“. Das ist jedenfalls die Erfahrung von Hartmut Steeb, dem Generalsekretär der Deutschen Evangelischen Allianz, die rund 1,3 Millionen Evangelikale repräsentiert. Für soziale und diakonische Arbeit, etwa mit Kindern oder Behinderten, ließen sich leichter Spenderbeziehungen bis in Industriekreise hinein aufbauen als für Evangelisation und Mission. Viele Spender hätten sich auf weltanschauliche Neutralität festgelegt, weshalb missionarische Aktivitäten für sie nicht förderbar seien.

Als vertrauensfördernd betrachtet Steeb andererseits die strengen Spendengrundsätze von Evangelischer Allianz, der Arbeitsgemeinschaft Evangelikaler Missionen und des Rings missionarischer Jugendbewegungen. Dort wird etwa eine Beauftragung von Mitarbeitern auf der Basis von Provisionszahlungen abgelehnt. „Unsere Spender müssen nicht befürchten, daß ein bestimmter Prozentsatz ihrer Spende für die Einwerber ausgegeben wird.“

Ein weiteres Problem für viele evangelikale Organisationen dürfte es sein, daß sie in Spendenwerbung einen Widerspruch zum Glauben an einen Gott sehen, der für sie sorgt. Sogenannte Glaubenswerke verzichten deshalb auf jede Form direkter Spendenaufrufe. Andere appellieren in Rundbriefen durchaus an die Freigiebigkeit der Leser. Aber jemanden speziell für die Aufgabe einzustellen, Beziehungen aufzubauen, aus denen neue und mehr Spenden hervorgehen, und diesen Angestellten gleichzeitig ja auch wieder aus Spendengeldern zu bezahlen – dieser Gedanke widerstrebt vielen Evangelikalen.

Auch wenn hier bereits eine Trendwende einsetzt. Werke wie Bibel TV und der Evangeliums-Rundfunk setzen ganz selbstverständlich Spendenwerber ein.

Die Frage bleibt offen, ob die anderen Sozialwerke mit professionellem Fundraising in einigen Jahren zu spät kommen könnten, weil potentielle Spender bereits gebunden sind. Idea

Foto: Ohne sogenannte Fundraiser (hauptamtliche Spendenwerber) wäre der evangelische Kirchenkreis Münster arm dran.


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