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21.06.08 / Die andere Zerstörung / Ausstellung in Berlin zeigt Hitlers gigantische Pläne zur Umgestaltung der Hauptstadt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 25-08 vom 21. Juni 2008

Die andere Zerstörung
Ausstellung in Berlin zeigt Hitlers gigantische Pläne zur Umgestaltung der Hauptstadt
von Michael Böhm

Die alliierten Bomber halten sich nur bedingt an Ihre Planungen“, sagte Adolf Hitler frotzelnd nach einem Luftangriff auf Berlin zu Albert Speer. Dieser Satz ist verbürgt, er steht im „Spandauer Tagebuch“ des einstigen „Reichsarchitekten“ und er unterstreicht die monströsen Pläne des „Führers“, die Hauptstadt des künftigen Weltreiches komplett umzugestalten. Auch nach dem Gestaltungswillen der Nationalsozialisten sollte ein gutes Stück des alten Berlin in Trümmer fallen – wenngleich nur durch die Abrißbirne.

So das Alsenviertel unweit des Reichstags, dort, wo sich heute das Bundeskanzleramt befindet: In der Kaiserzeit war es eines der beliebtesten Wohnquartiere der Stadt, im Berlin des III. Reichs die Baustelle für die „Große Halle“: Dieses monumentale Kongreßgebäude hätte die Peterskirche in Rom zweimal überragt und im Grundriß 22 Fußballfeldern Platz gegeben, seine kupferne Kuppel wäre mit einem Durchmesser von 250 Metern mit Abstand die größte der Welt gewesen – ein gewaltiger, „grüner Berg“ inmitten der Reichshauptstadt.

Diese nie verwirklichte Gigantomanie dokumentiert in Berlin die Ausstellung „Mythos Germania“, veranstaltet vom Verein „Berliner Unterwelten e. V.“, zu sehen im Pavillon neben dem Denkmal für die ermordeten Juden Europas.

Anhand von Fotografien und Dokumenten sowie einem Filmmodell aus der Produktion „Der Untergang“ erfährt der Besucher, daß die Planungen der Nationalsozialisten auch eine 120 Meter breite Prachtstraße, quer durch die Berliner Innenstadt vorsahen, besäumt mit gigantischen Prachtbauten – vom S-Bahnhof Wedding im Norden bis auf die Höhe des heutigen Bahnhofs Südkreuz; er erfährt, daß auch für einen kolossalen Triumphbogen in Kreuzberg von 170 Metern Höhe ganze Wohnviertel abgerissen werden sollten und daß der Krieg all diese gewaltigen Bauvorhaben genauso beförderte, wie er sie verhinderte. So wurden die am 1. Mai 1940 begonnenen Arbeiten für die „Große Halle“ wegen Materialmangels knapp zwei Jahre später eingestellt. Sie hinterließen eine 30 Meter tiefe Fundamentgrube – im Mai 1945 war sie mit Wasser vollgelaufen und bildete für die heranrückenden Polen und Russen das letzte Hindernis vor dem Reichstag.

Indessen bringt die Ausstellung kaum Neues zu Tage, sie trägt nur grob zusammen, was über die „Architektur des Untergangs“ bislang gesagt, geschrieben oder gefilmt worden ist.

Umso mehr vermißt man eine tiefere Auseinandersetzung mit der Baukunst des III. Reichs. Wohl unterstreichen die Texte ihren Rückgriff auf den Klassizismus. Die der römischen Antike entlehnten Gebäude sollten Ehrfurcht vor der nationalsozialistischen Idee vermitteln.

Daß man sich aber in den 1920er und 1930er Jahre überall auf der Welt wieder an solch antikisierenden Formen orientierte – darüber erfährt man kein Wort. Tatsächlich wäre es interessant gewesen, die Bauten des nationalsozialistischen Neoklassizismus mit seinen Pendants aus der demokratischen, faschistischen oder kommunistischen Welt zu konfrontieren: etwa mit der „National Gallery of Art“ in Washington oder dem „Palais de Chaillot“ in Paris, dem „Foro Italico“ in Rom oder auch dem „Haus der Sowjets“ im damaligen Leningrad.

Unschwer hätte der Betrachter die stilistischen Parallelen erkennen können, wenngleich die Absichten dieser Architektur zuweilen andere waren: Denn während in Italien oder Rußland derselbe totalitäre Hang wie in Deutschland vorherrschte, das Individuum psychologisch erdrücken zu wollen und hierdurch die Bedeutung der gleichgeschalteten Masse zu unterstreichen, setzten die Architekten aus den Demokratien auf die individuell erhebende Wirkung des Neoklassizismus: Dort versuchte man im Rück­griff auf die Antike den durch Weltkrieg und Wirtschaftskrise verunsicherten Menschen wieder moralischen Halt zu geben.

Nur in einem war die Architektur des III. Reichs also einzigartig: Des Führers Baumeister übertrieben die an sich schon gewaltigen Maßstäbe des Neoklassizismus. „Der Stil war nicht das entscheidende Element, sondern die Größe“, notierte Albert Speer hierzu in seinen Erinnerungen. Das Verdienst der Schau besteht insofern weniger darin, die, wie es heißt, „sozialen und politischen Hintergründe der nationalsozialistischen Bauvorhaben zusammenzuführen“, sondern im Versuch, diesem Kapitel deutscher Geschichte überhaupt einen dauerhaften Ort zu geben. Denn wie die Veranstalter hoffen, soll die ausschließlich aus privaten Mitteln finanzierte Ausstellung ab Dezember 2008 dauerhaft zu sehen sein.

Foto: Sollte bis 1950 vollendet sein: Hitlers Kongreßhalle in Berlin mit 140000 Plätzen


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