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21.06.08 / Grüne Lebenslügen / Wie Ökostromanbieter die Kunden täuschen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 25-08 vom 21. Juni 2008

Grüne Lebenslügen
Wie Ökostromanbieter die Kunden täuschen
von Mariano Albrecht

Wer bisher glaubte, sein Umweltgewissen durch die Versorgung seines Haushaltes mit Ökostrom beruhigen zu können, ist nun der gelackmeierte. Die Ökostrombranche verschweigt ihren Kunden so einiges über die Herkunft der angeblich 100prozentig grünen Energie. Der Fall Lichtblick offenbart nur einen kleinen Einblick in das Netzwerk aus Halbwahrheiten, Lügen und unlauteren Werbeversprechen der Ökostromindustrie. Ein Blick auf den grünen Strommarkt enthüllt Erstaunliches.

Das Hamburger Unternehmen Lichtblick hatte seinen Kunden jahrelang angeblich 100prozentig „grünen Strom“ aus ausschließlich erneuerbaren Energien verkauft.

Nun kommt heraus, daß Lichtblick an der Leipziger Energiebörse, European Energy Exchange, anonym zusätzlich sogenannten „grauen Strom“ dazugekauft hatte. So wird Energie bezeichnet, deren Erzeugung nicht gekennzeichnet ist, also auch aus Kernkraftwerken oder Kohlekraftwerken stammen kann.

Zwar soll der dazugekaufte Anteil an Elektroenergie nur zirka 0,5 Prozent ausgemacht haben, doch Lichtblick wie auch andere Größen im Ökostrommarkt lassen keine Gelegenheit aus, gegen Bau und Betrieb herkömmlicher Kohle-, Erdgas- und Atomkraftwerke zu poltern und für ihre „100prozentig“ grüne Energie zu werben. Lichtblick bringt den Stein ins Rollen, auch Greenpeace soll „schmutzigen“ Strom an seine Verbraucher liefern.

Die Umweltschützer dementieren dies, man kaufe keinen Strom an der Börse. Doch wo produzieren  all die Ökostromversorger ihre Energie? Ist eine sichere Versorgung zu 100 Prozent aus natürlichen Energiequellen wie Wind, Sonne, Wasser oder Biogas möglich?

Die Antwort gibt Greenpeace in einer Presseerklärung: „Wenn während der Fußball-EM viele unserer Kunden abends beim Public Viewing (Fan-Meile) sind, liefern wir während der 90 Minuten mehr Ökostrom ins Netz, als tatsächlich verbraucht wird. Anschließend kommen die Leute auf einen Schlag nach Hause, wodurch in dem Moment der Verbrauch vermutlich über den Prognosewert steigen wird. Auf längere Sicht gleichen sich solche Schwankungen aber mehr oder weniger aus.“ Diese Schwankungen werden systembedingt vom örtlichen Netzbetreiber ausgeglichen“, heißt es. Daß der Netzbetreiber dabei auch Atomstrom für Greenpeace liefern könnte, bleibt unkommentiert. Erbsenzählerei oder Kundentäuschung?

Aus einem „Monitoring der Belieferung von Endkunden mit sauberem Strom durch die Greenpeace energy e.G.“ von 2006 geht hervor, daß die Umweltschützer bis zu maximal 50 Prozent Strom aus Kraftwärmekopplungsanlagen beziehen. Doch diese arbeiten mit Erdgas und werden unter anderem von den Stadtwerken Schwäbisch Hall betrieben. Erdgas ist zwar umweltfreundlicher als Kohle, doch zu den erneuerbaren Energien wie Wind, Wasser und Sonne, mit der so gern geworben wird, zählt es nicht. 100 Prozent Öko?

Zu einer Erklärung war Greenpeace vorsichtshalber nicht bereit. Tröstlich ist, daß in Kraftwärmekopplungsanlagen neben Strom auch Fernwärme erzeugt wird, der Wirkungsgrad ist somit höher als der von herkömmlichen Anlagen.

Apropos Stadtwerke Schwäbisch Hall, das links-grüne „Netzwerk Regenbogen“ preist die Schwaben als „empfehlenswerten Ökostromanbieter“ an. Die Öko-Schwaben sind so grün, daß sie unter anderem an der Trianel Power-Projektgesellschaft Kohlekraftwerk mbH und der Trianel European Energy Trading GmbH beteiligt sind. Die Trianel-Gruppe wurde 1999 von den Stadtwerken Aachen AG und der „N.V. Nutsbedrijven Maastricht“ gemeinsam mit der ASEAG Energie GmbH, Herzogenrath, und den Niederrheinwerken Viersen GmbH gegründet und handelt an der Leipziger Energiebörse im Intraday- und Strom-Auktionsmarkt, ist im Derivatehandel aktiv und kauft und verkauft Strom und Erdgas auf dem „grauen Markt“. So grün kann Ökostrom sein.

Greenpeace-Geschäftsführer Robert Werner regt sich auf der Internetseite des „Netzwerk Regenbogen“ dann noch über die Umetikettierung von Atom- und Kohlestrom mit Hilfe des Handels mit RECS-Umweltzertifikaten auf. So kann zum Beispiel Strom aus dem AKW Krümmel eingekauft, dieser für 0,05 Cent mit einem Zertifikat eines norwegischen Wasserkraftwerks als Öko-Strom etikettiert und mit saftigem Aufschlag wieder verkauft werden. Etikettenschwindel im großen Maßstab.

Während sich die Ökostrombranche derzeit gegenseitig anschwärzt, scheint die Tatsache, daß grüner Strom zwar eine sinnvolle Ergänzung zur konventionellen Energiegewinnung sein kann, jedoch ohne ein funktionierendes Netz aus herkömmlichen Kohle-, Gas- oder Atomkraftwerken keine kontinuierliche Energieversorgung gewährleisten kann, für die Beteiligten keiner Erwähnung wert.

Foto: Beim Strom-Mix gemogelt: Auch Ökostromanbieter können auf konventionelle Energieerzeugung nicht 100prozentig verzichten.


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