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21.06.08 / Krisenherd Kaukasus / Islamische Untergrundregierung spaltet die nationale Unabhängigkeitsbewegung der Tschetschenen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 25-08 vom 21. Juni 2008

Krisenherd Kaukasus
Islamische Untergrundregierung spaltet die nationale Unabhängigkeitsbewegung der Tschetschenen
von Martin Schmidt

Im Kaukasus rumort es mal wieder kräftig. Insbesondere die abtrünnige georgische Provinz Abchasien steht seit Wochen am Rande eines Krieges. Experten der Vereinten Nationen bestätigten Ende Mai den Vorwurf aus Tiflis, der Abschuß eines unbemannten georgischen Aufklärungsflugzeuges über abchasischem Territorium am 20. April sei durch eine MiG-29 oder eine Su-27 russischer Blauhelmtruppen erfolgt. Das sezessionistische Abchasien verfügt über keines dieser Flugzeuge, die nach dem Abschuß der Drohne obendrein in Richtung Rußland abgedreht seien. So lauten jedenfalls die Uno-Angaben, die auf der Analyse von Radar- und Videoaufnahmen sowie Zeugenaussagen beruhen.

Auch im Nordkaukasus ist die Situation allenfalls auf den ersten Blick friedlich. Das gilt nicht zuletzt für das aus dem Blickfeld der sogenannten Weltöffentlichkeit verschwundene Tschetschenien. Die legitimen Präsidenten und die Feldkommandeure der in den 90ern für wenige Jahre eigenständigen „Republik Itschkerija“ konnten zwar von russischen Spezialtruppen reihenweise liquidiert und der offene Widerstand gebrochen werden, doch die Unabhängigkeitswünsche des kleinen Volkes sind damit keineswegs verschwunden. Die anti-russischen Kräfte haben angesichts ihrer militärischen Unterlegenheit nur die Strategie gewechselt. Statt auf offenen Kampf setzen sie nun auf die Infiltrierung der vom Kreml eingesetzten tschetschenischen Machtstrukturen einschließlich der offiziellen Truppen der Teilrepublik, in deren Reihen zahlreiche ehemalige Widerstandskämpfer stehen.

Der in London lebende Außenminister des freien Tschetschenien, Achmed Sakajew, lobte unlängst den einst so verhaßten Mos-kauer Statthalter Ramsan Kadyrow, der sich im Februar 2007 zum „Präsidenten“ küren ließ, und deutete die Möglichkeit einer Versöhnung an. „Dank Kadyrow und der tschetschenischen Miliz gibt es heute keine harten Säuberungen durch die russischen Truppen mehr, bei denen sonst immer Dutzende Menschen verschwanden“, sagte Sakajew. Der „Prozeß der Dekolonisierung“ Tschetscheniens sei bereits abgeschlossen, betonte er, auch wenn die Republik weder de jure noch de facto unabhängig sei. Der ebenso machtbesessene wie skrupellose Kadyrow untermauert seinen regionalen Führungsanspruch vor allem durch den Unterhalt einer mehrere tausend Mann starken Privatarmee. Außerdem stellte er wiederholt die unbeschränkte Gültigkeit der russischen Gesetze für die Teilrepublik in Frage, etwa wenn er die Freigabe des Waffenbesitzes und die Zulassung der Polygamie verlangte.

Auch russische Beobachter machen mit Blick auf den einst so fügsamen Helfershelfer einen schleichenden Prozeß der Loslösung aus. Nach Meinung Andrej Babizkis, eines Tschetschenien-Experten bei „Radio Swoboda“, errichtet Kadyrow abseits der formellen Loyalitätsbekundungen ein „geschlossenes, von außen nicht steuerbares politisches System, das gegen russische Einflußnahme immun ist“. Darüber hinaus steht der Tschetschenienkonflikt längst nicht mehr nur unter den alten Vorzeichen des Gegensatzes zwischen russischen Großmachtzielen einerseits und national-freiheitlichen kaukasischen Abwehrversuchen andererseits, sondern wird zunehmend von den Machtansprüchen des Islam überlagert. Im Herbst 2007 ist es zu einem in den Medien zu Unrecht kaum beachteten Bruch in der Untergrund-Regierung gekommen, als deren Oberhaupt Doku Umarew ein „kaukasisches Emirat“ ausrief und unter dem grünen Banner den Kampf gegen Rußland von der Frage der tschetschenischen Unabhängigkeit abkoppelte.

Die tiefgreifenden Folgen dieser Spaltung für den gesamten Nordkaukaus und darüber hinaus sind noch gar nicht absehbar und könnten zu neuartigen Frontstellungen führen. Selbst Zweck-bündnisse der nationalgesinnten kaukasischen Freiheitskämpfer mit den Russen gegen die Vorkämpfer einer universalistischen islamischen Weltherrschaft sind angesichts der neuen Gefahr nicht mehr gänzlich unrealistisch.

Foto: Grosny: Tschetschenische Anhänger feiern ihren Präsidenten Kadyrow.


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