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21.06.08 / Deckname »Bolek« / Lech Walesa: Volksheld oder Spitzel des polnischen Geheimdienstes?

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 25-08 vom 21. Juni 2008

Deckname »Bolek«
Lech Walesa: Volksheld oder Spitzel des polnischen Geheimdienstes?
von Wolf Oschlies

Wer es unterläßt, kommunistische Geheim- und Terrordienste angemessen zu beurteilen und zu verurteilen, der muß mit üblen Langzeitfolgen leben: Mit jedem Jahr nach dem Zerfall des Kommunismus werden die alten „Schlapphüte“ frecher, preisen sich als „patriotische Beschützer“ und inszenieren Verleumdungen gegen ihre Bezwinger, als seien sie wie vordem „Schwert und Schild der Partei“. Die deutschen Erfahrungen mit solchen „Seilschaften“ sind signifikant, dabei nur ein Kinderspiel im Vergleich zu der Tragikgroteske, die derzeit Polen erschüttert.

Ende Mai hatte die Radiosendung „Tagessignale“ einen prominenten Gast: Lech Walesa, 1980 Führer der regimefeindlichen Gewerkschaft „Solidarnosc“, der zeitweilig jeder vierte Pole angehörte, 1983 Friedensnobelpreisträger, 1990 bis 1995 Staatspräsident Polens und bis heute dessen bester Repräsentant in der Welt. Gegen diesen untadligen Kämpfer verfaßten Slawomir Cenckiewicz und Piotr Gontarczyk vom „Institut Nationales Gedächtnis“ (IPN), polnisches Pendant der deutschen Birthler-Behörde, ein Buch, das Walesa als ehemaligen Agenten des polnischen „Sicherheitsdienstes“ (SB) entlarven soll. Unter dem Tarnnamen „Bolek“ soll Walesa jahrelang für die polnische Stasi gespitzelt haben – er, dem General Jaruzelski, 1981 Zerstörer der „Solidarnosc“, noch im Mai 2005 in einer Fernsehsendung bestätigte, er habe wie kein anderer zum Sturz des Regimes beigetragen. Dasselbe IPN, das ihn heute so denunzieren läßt, hatte ihm 2002 den „Status eines vom Regime Geschädigten“ zuerkannt.

Das IPN-Buch soll in diesen Junitagen erscheinen, was Walesa, zu dem die Autoren nie Kontakt suchten, gelassen hinnimmt. „Ich versichere ganz Polen und der Welt, daß ich niemals SB-Agent war“, sagte er im Mai und prophezeite dem IPN eine satte Niederlage: „Die liefern sich selber dem Gericht aus und werden ihr Buch einstampfen müssen. Ich lasse sie bis zum Ende spielen und decke dann meine Karten auf“. Kein Zweifel: Walesa wird nach dieser Affäre so dastehen wie am 13. Dezember 2006, als der polnische Sejm des 25. Jahrestages von Jaruzelskis „Kriegszustand“ und dessen 56 Todesopfern gedachte und den anwesenden Walesa mit langanhaltendem und dankbarem Beifall feierte. Die Frage ist doch nicht, ob Walesa jemals Zuträger kommunistischer Menschenjäger war. Dieser Verdacht ist so kindisch wie der angebliche Agentenname „Bolek“, der wohl der in den 1960er Jahren berühmten Trickfilmserie „Lolek und Bolek“ entstammt. Wie aber konnte diese für Polen so abträgliche Debatte überhaupt aufkommen? Dahinter stecken Walesas Erzfeinde Jaroslaw und Lech Kaczynski, Ex-Premier und Noch-Präsident Polens, die er so oft und drastisch als „Idioten“, „Hurensöhne“, „Dummschwätzer“ etc. beschimpft hatte. Lech Kaczynski bekundete unlängst, er habe „Walesa von Anfang an nicht ausstehen“ können und sich auch dem „Kult“ um diesen verweigert. Walesa konterte, die Zwillingsbrüder hätten eingangs der 1990er Jahre Führungspositionen im Sicherheitsapparat Polens innegehabt und ihn zur Überwachung politischer Gegner mißbraucht. Falls die Kaczynskis mit ihrem Treiben gegen Walesa eigene Schandtaten kaschieren wollen, dann hatten sie bislang wenig Erfolg. Bereits im September 2002 war Lech Kaczynski von einem Danziger Gericht wegen Verleumdung Walesas zu einer hohen Geldstrafe verurteilt worden.

Noch letzten Februar mußte sich Walesa in den USA einer Herzoperation unterziehen, aber seine Energie ist ungebrochen. Ende 2007 forderte er eine Untersuchungskommission seines „Falles“ und jüngst kündigte er an, Präsident Kaczynski gerichtlich zu verklagen. Sich selber hat er nichts vorzuwerfen: „Ich habe die SB besiegt“, sagte er im Mai, „nicht sie mich. Unterschrieben habe ich bei ihr nur Quittungen, daß ich nach Haftstrafen meine Zivilsachen ausgehändigt bekam“. Er, seine Freunde und sein „Lech-Walesa-Institut“ verbreiten Details über Vorkommnisse 1982/83. Die Ankündigung des Osloer Friedens-Nobelpreiskomitees, Lech Walesa ehren zu wollen, hatte das Warschauer Regime in Panik versetzt. In Eile wurden zwei „Operationen“ gestartet, um die Preisvergabe zu verhindern. In der Operation „Ambasador“ wurde der damalige norwegische Botschafter in Warschau mit gefälschten Dokumenten „gefüttert“, die Walesa als SB-Agenten auswiesen. In einer weiteren Aktion versorgte die SB selber das Osloer Komitee mit gefälschten Akten, die angebliche Verpflichtungen Walesas, Zahlungen an ihn etc. enthielten, wobei erstmals auch der Agentenname „Bolek“ fiel. Seit vier Jahren fordert Warschau diese Falsifikate zurück, was Oslo verweigert, da laut Statut alle Unterlagen einer Preisvergabe 50 Jahre lang verschlossen bleiben.     

1982 verbuchten die polnischen Kommunisten einen Teilerfolg, als die Schwedin Alva Myrdal den Preis bekam. Es waren deutsche Politiker (wie dieser Tage polnische Blätter betonen), die mit ihrem Insistieren dafür sorgten, daß ein Jahr später Walesa Nobelpreisträger wurde. Wird das gegenwärtige Kesseltreiben gegen ihn zum späten Sieg der SB? Vergebens hat Walesa das IPN im Januar darauf aufmerksam gemacht, daß aus seinem Dossier 75 Aktenbände vernichtet und nur die nachweislichen Fälschungen aufbewahrt wurden. Falls diese Eingang in das jetzt anstehende Buch finden, „dann sehen wir uns vor Gericht wieder“, kündigte er unmißverständlich an.

Die ganze Affäre ist eine Schande für Polen – besagt die Solidaritätsadresse an Walesa, die im Mai zahlreiche Prominente unterzeichneten. In ihr steht Klartext: „Eine Institution, die dem nationalen Gedächtnis dienen soll, will jetzt dieses Gedächtnis vernichten. Die Archive kommunistischer Ge-heimdienste werden zum Instrument einer Verzerrung des Ansehens des Arbeiterführers der Solidarnosc, Friedensnobelpreisträgers und ersten Präsidenten des wieder souveränen Polens. Gegen die Opfer früherer Verfolgungen werden die verhaßten Methoden der Vergangenheit angewendet. Man vergewaltigt die Wahrheit, verletzt ethische Grundsätze und schadet Polen“.

Foto: Souverän: Seine Erzfeinde können Walesas Ansehen nicht beschädigen.


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