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21.06.08 / Englisch als Waffe / Sudanese kämpft als Dolmetscher für die Rechte seines Volkes

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 25-08 vom 21. Juni 2008

Englisch als Waffe
Sudanese kämpft als Dolmetscher für die Rechte seines Volkes

Wer „Der Übersetzer – Leben und Sterben in Darfur“ in die Hand nimmt, muß hart gesotten sein, denn der Erlebnisbericht des Sudanesen Daoud Hari hält grauenhafte Flüchtlingsberichte parat. Daoud Hari selbst hatte das Glück, als jüngster Sohn in seiner Familie statt Ziegen zu hüten zur Schule gehen zu können. Brontes „Jane Eyre“, Stevensons „Schatzinsel“ und Dickens „Oliver Twist“ gehörten zu den Büchern, deren Lektüre ihn Englisch lehrte und die seinen Verstand „öffnete und befreite“. Als Gastarbeiter in Ägypten lernte er dann Arabisch, auf dem Weg nach Israel, wo er aufgrund höherer Löhne hin wollte, wurde er als illegaler Einwanderer festgenommen. „Ich schaffte es also nach Beerscheba, allerdings nur in das dortige Gefängnis. Übrigens war es sehr schön dort, man konnte fernsehen und kostenlos ins Ausland telefonieren. Ich würde es sogar eher empfehlen als viele Hotels, in denen ich gewesen bin.“

In Beerscheba blieb Daoud Hari nicht lange, schon bald wurde er nach Ägypten abgeschoben, wo er sich mit 90 Menschen eine Zelle teilen mußte. Doch der Autor trotzt selbst der schlimmsten Situation noch etwas Gutes ab: „Nichts ist nur durch und durch schlecht, und man konnte dort vielen guten Menschen aus ganz Afrika begegnen …“

Nach Monaten im Gefängnis wird Daoud Hari dank Unterstützung von Menschenrechtsorganisationen nicht in den Sudan ausgeliefert, der mehrere seiner „Entlaufenen“ hinrichten ließ, sondern kam in den Tschad. Von dort wagt er sich über die Grenze zu seiner Familie. Schon auf dem Weg in seinen Heimatort durchreist er niedergebrannte Dörfer und begegnete zahlreichen Flüchtlingen. Nur wenige Tage, nachdem er bei seiner Familie angekommen ist, wird auch sein Dorf überfallen. Dank der Weitsicht seines Bruders Ahmed wird der Ort rechtzeitig evakuiert, doch die Männer, die die Flucht von Frauen und Kindern absichern, werden von den Reitermilizen der Dschandschawid niedergemetzelt. Auch Ahmed fällt. Der Rest der Familie schafft es in ein Flüchtlingslager nahe der Grenze zum Tschad. Von dort beginnt Daoud Hari mit einer neuen, illegal erworbenen Identität, die ihn als Bewohner des Tschad ausweist, seinen eigenen Kampf gegen den Völkermord. „Die meisten jungen Leute, mit denen ich aufgewachsen war, waren inzwischen tot oder kämpften im Widerstand; auch ich hatte mich entschieden, mein Leben aufs Spiel zu setzen, aber ich verwendete dazu mein Englisch und keine Waffe.“

Fortan führt Daoud Hari UN-Mitarbeiter und Journalisten durch Flüchtlingslager und seine umkämpfte Heimat. Viele der Schick-sale, die er dort erfährt, hat er in seinem Buch „Der Übersetzer – Leben und Sterben in Darfur“ niedergeschrieben. Er berichtet von treuen Eseln, die kurz nachdem sie ihre wertvolle Fracht, nämlich die Kinder ihrer Besitzer, mit letzter Kraft im Flüchtlingslager abgeliefert haben, tot zusammenbrechen, oder von Müttern, die ihre toten Kinder nicht aus den Armen geben wollen.

Auf einer Reise durch das Land sieht er Menschen unter einem Baum. Beim Näherkommen entdeckt er drei Kinderleichen, verdurstet in der Hitze Darfurs, ihre Mutter baumelt an ihrem eigenen Kopftuch erhängt im Baum. Sie hatte, nachdem sie ihre drei Lieblinge hatte sterben sehen, selbst nicht mehr weiterleben wollen. Auch von einem verrückten Mann berichtet der Autor. Als Daoud Hari jedoch seine Geschichte erfährt, läßt sie auch ihn nicht mehr los. Vor den Augen des Mannes hatten Rebellen seine vierjährige Tochter Amma auf ihr Bajonett gespießt und während die Kleine noch vor Schmerzen schrie im „Siegestanz“ das Bajonett mit dem Kind an der Spitze in die Höhe gerissen.

Daoud Hari selbst hatte das Glück, 2003 von den USA aufgenommen zu werden. So oft war er im Einsatz für die UN dem Tod nur knapp entkommen, irgendwann hatte er so viele Fürsprecher in New York, daß er Asyl erhielt.

Sein Plädoyer: „Wenn die Welt zuläßt, daß die Bevölkerung von Darfur für immer von ihrem Land vertrieben und an ihrer Lebensweise gehindert wird, dann wird es auch anderswo zu Völkermorden kommen, denn die Leute werden denken: Es funktioniert. Es darf nicht funktionieren.“

Gewidmet hat der Autor, der für ein Menschenleben viel zu viel Hunger, Krankheit, Mord und Vergewaltigungen sah, sein bewegendes Buch seiner Mutter und allen Frauen in Darfur.       Rebecca Bellano

Daoud Hari: „Der Übersetzer – Leben und Sterben in Darfur“, Blessing, München 2008, geb., 254 Seiten, 19,95 Euro


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