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21.06.08 / Überwindung des Unrechts / Alfred M. de Zayas legt »50 Thesen zur Vertreibung« vor

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 25-08 vom 21. Juni 2008

Überwindung des Unrechts
Alfred M. de Zayas legt »50 Thesen zur Vertreibung« vor

Der Verfasser von „50 Thesen zur Vertreibung“, Alfred M. de Zayas, ist amerikanischer Völkerrechtler (Harvard) und Historiker und seit zwei Jahrzehnten Mitglied des Kuratoriums „Internationales Forum für Menschenrechte e. V.“. Er war hoher Uno-Beamter und Chef der Petitionsabteilung im Büro des Uno-Hochkommissars für Menschenrechte in Genf, bis er 2003 in den Ruhestand trat, um dann als Völkerrechtsprofessor am Institut Universitaire de Hautes Etudes Internationales in Genf, an der Universität British Columbia (Vancouver), und an der Geneva School of Diplomacy weiterhin zu lehren.

De Zayas zweites Buch, die „Anmerkungen zur Vertreibung“, enthielt bereits 22 „Thesen zur Vertreibung“, die den Kern der hier besprochenen 50 Thesen bilden. Es handelt sich um 17 historische und 18 völkerrechtliche Thesen, die notwendigerweise gewisse Schlußfolgerungen nach sich ziehen. Diesen Schlußfolgerungen kann man zustimmen, zum Beispiel der These 50: „Es gilt, Vertreibungen überzeugend zu ächten und damit künftige ,ethnische Säuberungen‘ zu verhindern. Eine gründlichere Auseinandersetzung mit allen Aspekten der Vertreibung der Deutschen in ihrem gesamteuropäischen und menschenrechtlichen Kontext und sinnvolle, für alle Seiten tragbare Anstrengungen zur Überwindung der Unrechtsfolgen würden eine solche Prävention fördern. Die ,Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen‘ und das geplante ,Sichtbare Zeichen‘ in Berlin können dazu einen wichtigen Beitrag leisten, wenn sie sich strikt an der historischen Wahrheit und am Völkerrecht orientieren.“

Kaum ein Wissenschaftler hat sich so lange und so interdisziplinär mit der Vertreibung beschäftigt. Da er Mitglied des Beirats der Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ ist, dürfen wir hoffen, daß er in die neue Forschungs- und Dokumentationsstelle in Berlin – das sogenannte „Sichtbare Zeichen“ im Deutschlandhaus  – berufen wird.

Nun ist de Zayas vor allem Menschenrechtler und betrachtet die Vertreibung der Deutschen nicht nur historisch, in ihren umfassenden Zusammenhängen (Verträge von Versailles, St. Germain, Trianon, Ribbentrop-Molotov-Pakt, Generalplan Ost), sondern vor allem in ihrer menschenrechtlichen Dimension. Dabei beruft er sich auf die Worte des ersten Uno-Hochkommissars für Menschenrechte, Dr. José Ayala Lasso (Ecuador), der 1995 in der Paulskirche zu Frankfurt a. M. und 2005 in Berlin die deutschen Vertriebenen eindeutig als Opfer anerkannte und ermutigte. Allerdings bemerkt de Zayas die Anomalie, daß die deutschen Medien diese bedeutenden Worte Ayala Lassos weitgehend ignorierten, genauso wie die Medien die Worte der Anerkennung und der Caritas von Papst Johannes Paulus II. und von Benedikt XVI. zu den Vertriebenen schlichtweg außer acht lassen.

Die Thesen setzen sich vehement gegen die Bagatellisierung der Vertreibung, gegen Aufrechnungen, gegen Kollektivschuld, gegen die Täter-Opfer-Schablone ein. Sie lehnen die pietätlose Haltung einiger deutscher Historiker ab, die die Vertreibung durch die Verbrechen der Nazis erklären und sogar rechtfertigen wollen. Die Thesen sind aber kein „Plädoyer“ für die Vertriebenen. Sie sind ein „Plädoyer“ für die Allgemeingültigkeit der Menschenrechte und für die Notwendigkeit, aller Opfer mit Ehrfurcht zu gedenken.

Als Historiker zeigt de Zayas, daß die deutsche Ostsiedlung weitestgehend friedlich vor sich ging, daß die meisten deutschen Bauern und Kaufleute in Ostpreußen, Pommern, Schlesien, Böhmen, Mähren usw. bereits im 12. und 13. Jahrhundert dorthin siedelten, meistens auf Einladung und nicht als Eroberer. Eigentlich läßt sich die populärwissenschaftliche Idee eines deutschen Dranges nach Ostens weniger belegen als ein slawischer Drang nach Westen. Immerhin sei der Zweite Weltkrieg nur der Anlaß, nicht aber die Ursache der Vertreibung gewesen.

De Zayas gehört nicht zu den Zeitgeist-Historikern, die sich dem politischen Wind anpassen. Er hat in den einschlägigen deutschen, amerikanischen, britischen, französischen, schweizerischen Archiven gründlich geforscht. Er sprach mit mehreren Teilnehmern an der Potsdamer Konferenz, interviewte den politischen Berater von Eisenhower, Robert Murphy, der das Vorwort zu „Nemesis at Potsdam“ schrieb. Er sprach mit dem Chef der Deutschlandabteilung im US State Department, James Riddelberger, mit

George F. Kennan, mit dem Verfasser des Artikels XIII. des Potsdamer Kommuniqués (nicht Abkommen!), Sir Geoffrey Harrison, mit dem Verfasser des Artikels IX (über die Oder-Neiße Linie), Sir Dennis Allen, mit etlichen anderen Wissensträgern und vor allem mit den Opfern – den Vertriebenen. Er hat neue Dokumente und Erkenntnisse zu Tage gefördert, die in den Thesen einen klaren, konkreten und konzentrierten Ausdruck finden.

Didaktisch sind die Thesen für den Geschichts- und Politikunterricht an Gymnasien hervorragend geeignet. Hoffen wir, daß die Bundeszentrale für politische Bildung und die Landeszentralen es auch so sehen.   Reinhard Gnauck

Alfred de Zayas: „50 Thesen zur Vertreibung“, Verlag Inspiration Un Limited, London und München 2008, 52 Seiten, 7 Euro


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