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21.06.08 / Wenn nicht wir – wer dann sonst? / Der Ostpreuße Horst Potz spricht in Schulen über Flucht und Vertreibung

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 25-08 vom 21. Juni 2008

Wenn nicht wir – wer dann sonst?
Der Ostpreuße Horst Potz spricht in Schulen über Flucht und Vertreibung
von Ruth Geede

In einigen Tagen ist es wieder so weit. Da wird er vor drei Klassen eines Gymnasiums in Hannover stehen, die örtliche Presse wird da sein und sogar der NDR. Nein, es ist kein professioneller Sprecher, kein Wissenschaftler, kein prominenter Redner aus Politik oder Publizistik: Da steht ein freundlicher älterer Herr, geschätzte 70, mit Brille und weißem Haar, er steht einfach da, ohne Manuskript, ohne Mikrofon, ohne elektronische Hilfsmittel – und beginnt zu erzählen. Und es ist still in der Aula, in der über 100 Schülerinnen und Schüler sitzen, 15/16jährige, eine ungewohnte Stille für diese Altersgruppe. Ungewohnt in diesem schulischen Rahmen auch das Thema „Flucht, Vertreibung, Eingliederung“, das der Vortragende aus eigenem Erleben auffächert. Der ehemalige Bauernjunge aus Ostpreußen zieht sein junges Auditorium vor allem deshalb in den Bann, weil er so alt war wie sie, als er im Januar 1945 den Familientreck führen mußte: Horst Potz, damals 15, aus Popelken / Markthausen im Kreis Labiau, Ostpreußen.

„Es war lange Zeit nicht opportun, auf die deutschen Leiden nach dem Zweiten Weltkrieg hinzuweisen“, bestätigte ein Geschichtslehrer nach dem Vortrag von Horst Potz an einem niedersächsischen Gymnasium. Dieses Schweigen an den Schulen war auch der Grund, warum sich der heute in Hannover lebende Ostpreuße vor fünf Jahren entschloß, einen Weg zu suchen, um junge Menschen für dieses leidvolle Kapitel deutscher Kriegs- und Nachkriegsgeschichte zu sensibilisieren und ihnen die damaligen Geschehnisse als Zeitzeuge so authentisch wie möglich darzulegen. Es waren nicht gerade offene Türen, die Herr Potz nur einzurennen brauchte, aber er fand immerhin in dem Dezernenten für Schulfragen im Niedersächsischen Kultusministerium einen bereiten Ansprechpartner, der ihm die Verbindung zu fünf interessierten Gymnasiallehrern vermittelte. Die Sache nahm ihren Lauf.

Bereits die ersten Vorträge konnte Horst Potz als Erfolg verbuchen. Sein Konzept, anhand seines eigenen Lebenslaufes das Zeitgeschehen nicht nur chronologisch richtig einzuordnen, sondern es auch mit menschlichen Schicksalen zu belegen, kam bei den jungen Zuhörern gut an. Mehr noch: Viele Schülerinnen und Schüler waren geradezu fasziniert von der Art des Vortrages, weil hier kein trockenes Schulbuchwissen vermittelt wurde, sondern ein Zeitzeuge die – auf einmal gar nicht mehr so ferne – Vergangenheit wieder lebendig werden ließ. Hatte sich seine junge Zuhörerschaft bei der Einführung in die Historie Ostpreußens, die ja als Grundlage für das Geschehene unerläßlich war, noch nicht sehr interessiert gezeigt, wuchs die Aufmerksamkeit von Minute zu Minute, als Horst Potz seine eigene Geschichte einbrachte.

Er wurde als drittes von sieben Kindern des Ehepaares Potz am 13. Juni 1929 in Melawischken, (später Liebenort), einem kleinen Ort im Kirchspiel Popelken, geboren und wuchs in der Geborgenheit einer ostpreußischen Großfamilie auf. Ein Junge, der wie alle Landkinder, schon früh mit Tieren umzugehen verstand, was ihm zugute kam, als im Januar 1945 die große Flucht begann. Der Vater und der große Bruder standen an der Front, der Großvater war schwer krank, so mußte der 15jährige Horst einen Leiterwagen überdachen, beladen und so einrichten, daß die Mutter mit ihren fünf anderen Kindern, den Großeltern und einer Tante mit ihren zwei Kindern auf ihm Platz hatte. Da die Pferde des Hofes bis auf ein älteres von der Wehrmacht requiriert worden waren, wurde der schwere Treckwagen nur von diesem gezogen – gelenkt von dem 15jährigen, der sich verantwortlich für die ganze Familie fühlte. Jeder geflüchtete Ostpreuße weiß, was es bedeutete, bei minus 20 Grad und eisigem Ostwind in das Ungewisse zu ziehen – die jungen Zuhörer in der Schulaula nicht. Hier setzte Fassungslosigkeit ein, wenn der weißhaarige Mann berichtete. wie er als Junge mit seiner Familie durch das schneeverwehte Land zur samländischen Küste treckte, von der Roten Armee eingekesselt wurde, wieder frei kam, dann von Pillau mit einem Kohlenfrachter nach Danzig gebracht wurde, weiter eingepfercht in einem Güterwagen Diepenow erreichte, wo der Großvater starb. Bis sie dann sehr viel später im niedersächsischen Arpke eine neue Heimstatt fanden. In diese – seine – Geschichte ließ Horst Potz auch die von Schick­salsgefährten einfließen, die in ihrer Tragik den Schülerinnen und Schülern kaum glaubhaft erschienen. Wie die von seinem gleichaltrigen Freund Siegfried Wichmann aus seinem Heimatdorf, der ebenfalls einen Treck führte, dann aber von den Russen überrollt wurde und mit seiner Familie jahrelang Furchtbares erleben mußte. Zwei Schicksale von zwölf Millionen …

Kein Wunder, daß die Resonanz bei Schülern wie bei Lehrern groß war. Das zeigte sich in den Briefen von Schülern der Gaußschule in Braunschweig, die Herr Potz erhielt. „Wir fanden an dem Vortrag gut, daß er von einem Zeitzeugen so genau und mitreißend erzählt wurde. Mir wurde klar, wie hart es damals für die Jugendlichen unseres Alters war und daß man nicht einfach irgendwohin gehen konnte.“ – „Vorher wußte ich nicht, daß die Deutschen gejagt und getötet wurden.“ – „Es war ein interessanter Vortrag, weil Ihre Erlebnisse so ganz anders waren, als im Schulbuch beschrieben. Danke, daß Sie sich getraut haben, uns Ihre Erfahrungen zu offenbaren.“ – „Ihr Vortrag war besser als zum Beispiel eine Dokumentation im Fernsehen, da durch die Sichtweise eines Zeitzeugen die Dinge deutlich erkennbar und somit einprägsamer wurden.“

Fernsehen! Diese Briefe wurden geschrieben, ehe die großen Fernsehfilme und -dokumentationen zum Thema „Flucht und Vertreibung“ Millionen Menschen dazu zwangen, sich endlich mit diesem Kapitel der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen. Natürlich gab das auch der selbst gewählten Aufgabe von Horst Potz einen Schub. Es benötigte nicht des Rates der Schüler, die besonders von seiner Art der Aufbereitung dieses Themas begeistert waren und ihm rieten: „Wir würden uns sehr darüber freuen, wenn Sie weiterhin an Schulen solch einen Vortrag halten würden, da unserer Meinung nach etwas Derartiges in dem Leben eines Schülers und auch Lehrers nicht fehlen darf.“ Herr Potz fand nun, wenn er bei den Schulen vorstellig wurde, endlich ein offenes Ohr. Die Lehrer zeigten sich bereit, seinen Vortrag besonders bei Projektwochen in den Lehrplan einzugliedern. Das fand auch in den Medien seinen Niederschlag. So schrieb eine niedersächsische Lokalzeitung, als Horst Potz vor kurzem im Hölty-Gymnasium in Wunstorf gesprochen hatte: „Die Zeit ist reif: Die erlebte Geschichte als Mahnung begreifen!“

Diese Mahnung zum Frieden ist es, die er aufgrund seiner, unserer Geschichte den jungen Zuhörern vermitteln will. Ohne Zeigefinger, ohne Klage, ohne Haß, allein durch die aus der Erinnerung geholten Erlebnisse des 15jährigen und seiner damaligen Schicksalsgefährten, die so viel eindringlicher auf die Schüler wirken als am Schreibtisch entstandene Referate und Drehbücher. Nachdenklich werden vor allem jene jungen Teilnehmer, die ihre eigene Familiengeschichte tangiert sehen. Großeltern, Eltern und andere Verwandte haben ähnliches erlebt wie Horst Potz. So sagte der 17jährige Sven nach dem Vortrag: „Mein Opa kommt aus der Nähe von Königsberg und ist nach dem Krieg geflüchtet. Viel spricht er darüber nicht. Der Vortrag heute war stellvertretend für seine Erlebnisse.“ Und ein 19jähriger aus Lehrte: „Meine Oma ist auch in dieser Zeit geflüchtet. Sie spricht nicht viel darüber, und ich lasse sie damit auch in Ruhe. Das müssen schlimme Dinge sein, die sie erlebt hat.“ Das wird dem Enkel erst jetzt bewußt. Durch den Vortrag von Horst Potz, der nicht schweigt, der nicht blockiert ist wie viele seiner Generation. Der im Alter, nachdem er sein Reiseunternehmen dem Sohn übergeben hat, sich eine neue Aufgabe suchte, zu der er sich verpflichtet fühlte. „Wenn wir nicht als letzte Zeitzeugen vermitteln, wie es wirklich war – wer denn sonst?“ Dafür zollte ihm ein Lehrer ehrliche Anerkennung: „Es ist lobenswert, daß Sie trotz der vielen Emotionen und Gefühle, die mit der Flucht und den damit verbundenen Erinnerungen zusammenhängen, den Mut aufgebracht haben, ihre Erfahrungen und Erlebnisse an die nächsten Generationen weiterzugeben.“

Gehörte wirklich Mut dazu? Man kann es auch umgekehrt sehen: Die so positive Reaktion bei vielen Zuhörern aus der Enkelgeneration macht Mut, auf diesem Weg weiterzugehen. Nicht nur als Mittler und Vermittler des Erlebten im Wort, sondern auch in der Tat. Denn für Horst Potz ist „Versöhnung“ kein leeres Wort. Dafür steht seine Tätigkeit im Rahmen des von ihm mit gegründeten „Freundeskreises Popelken“. Seine beruflichen Reisen, die in die Heimat führten, waren für ihn auch eine „Heimkehr auf Zeit“, und sind es auf privater Ebene noch immer. Aus seinem neuen Lebensraum Niedersachsen, der ihm Heimstatt, Arbeit und Brot gab – seine Integration nimmt er als Beispiel für den Komplex „Eingliederung“ in seinem Vortrag –, hilft er mit, das Leben in seiner heute zur Russischen Föderation gehörenden Geburtsheimat Popelken erträglicher zu machen. Der Freundeskreis unterstützt nicht nur finanziell die sozialen Einrichtungen des aufbaubedürftigen Dorfes am Großen Moosbruch, sondern hilft auch mit, die Tätigkeiten der heutigen Bewohner zu aktivieren. So wurden bereits eine Tischlerei und Werkstatt gegründet und Saatgut für die Agrar-Gemeinschaft gespendet, Häuser neu gestrichen und renoviert. Auch davon berichtet Horst Potz seinen jungen Zuhörern, denen solche Aktivitäten, wie sie von vielen Vertriebenen für ihre Heimat geleistet werden, vollkommen unbekannt sind.

Das ist eine gute Brücke, die über die Generationen einen weiten Bogen spannt und für viele erst jetzt begehbar geworden ist. Das bestätigt ein Lokalreporter nach dem Vortrag von Horst Potz: „Fakt ist, daß Menschen über ihr unsägliches Leid und Elend während ihrer Flucht und Vertreibung, aber teilweise auch danach, nicht berichten konnten, ohne in die rechte Ecke gedrängt und als Revanchist abgestempelt zu werden. Das ist jetzt endlich vorbei.“ Hoffen wir es. Daß ein Nachholbedarf da ist, bestätigte mir die Schriftstellerin Elisabeth Krahn, die einem Vortrag von Herrn Potz in einem Gymnasium in der Lüneburger Heide beiwohnte: „Während des 90minütigen Vortrages war es total still in der Aula. Erstaunen darüber, daß Ostpreußen so alt ist und daß es bis 1945 deutsch war!“ Jedenfalls wird Horst Potz weiter zur authentischen Aufarbeitung dieses Themas beitragen, wie der eingangs erwähnte Termin in der Leibniz-Schule Hannover beweist. Vor über 2000 Schülerinnen und Schülern hat er bereits gesprochen, auch vor Auszubildenden in der Altenpflege, hier ein besonders wichtiges Thema, weil die zukünftigen Betreuer dadurch mehr Verständnis für jene Menschen bekommen, die noch immer unter den Folgen von Krieg und Vertreibung leiden. 14 Schulen in Niedersachsen boten Horst Potz bisher ein Forum für seine Erlebnisberichte. Es ist zu hoffen, daß sich über die Landesgrenzen hinaus auch weitere Lehranstalten melden. Sicher werden dazu die Landesfrauenleiterinnen der Landsmannschaft Ostpreußen beitragen, die anläßlich ihrer Tagung an meinem Gespräch, das ich mit Herrn Potz im Ostheim in Bad Pyrmont führte, teilnahmen und in die anschließende Diskussion auch ihre eigenen Erfahrungen einbrachten. Für unser nächstes Seminar „Die Ostpreußische Familie“ vom 27. bis 30. November im Ostheim, hat Herr Potz schon seine Teilnahme zugesagt. Dann wird er noch mehr über die Reaktionen seiner jungen Zuhörer berichten können. Wir freuen uns schon darauf.

Fotos: Horst Potz in seinem Element: Der Ostpreuße schildert Gymnasiasten Flucht und Vertreibung; Horst Potz und die Autorin dieses Beitrags: Kamen im Ostheim in Bad Pyrmont miteinander ins Gespräch.


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