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21.06.08 / Nach Königsberg / Ein Gefühl der Geborgenheit

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 25-08 vom 21. Juni 2008

Nach Königsberg
Ein Gefühl der Geborgenheit
von Margot Gehrmann

Endlich hatte sie etwas für sich allein, nichts davon mußte sie mit dem „großen“ Bruder teilen: Die Mutter hatte ihr versprochen, sie mit nach Königsberg zu nehmen, sie ganz allein. Eine Freundin, „die reich nach Königsberg geheiratet“ hatte, wollte sie besuchen und ihre große Tochter mitnehmen. Aber das mußte man vorbereiten und das dauert. Was soll das Kind anziehen, werden die Schuhe auch bequem sein und wie groß sollte das Reisegepäck werden – Fragen über Fragen. Und wie sollte das Geschenk für die Freundin aussehen, schließlich ist sie ja nicht irgendwer und außerdem frisch verheiratet. Einen guten Mann hätte sie gefunden.

Als dann der große Tag kam, der Bruder mitfahren wollte und deshalb heftig, aber vergeblich plärrte, konnte Margot an gar nichts anderes denken, als an den Zug. Nie war sie bisher mit der Eisenbahn gefahren, obwohl sie den Zug täglich ganz hinten, hinter dem Kartoffelacker immer wieder sehen konnte. Der Weg zum Bahnhof war weit, die Stufen in das Eisenbahnabteil sehr hoch, aber eben nichts, was sie nicht überwinden konnte. Und die Fahrt war lang. Bäume, Sträucher, Häuser flitzten am Fenster vorbei, so schnell, daß Margot immer wieder zusammenzuckte.

In Königsberg angekommen, erfaßte sie große Angst. Sehr viele Menschen liefen durcheinander, mindestens tausend oder noch mehr und sie war doch richtig froh, daß die Mutter ihre Hand fest hielt, ganz fest, aber auch nur so lange, bis eine wunderschöne Frau mit offenen Armen auf beide zu kam und der Mutter um den Hals fiel. Erstarrt blieb Margot stehen, auch noch, als die Mutter sie ansprach und ihre Hand nahm und die schöne Frau sich wunderte, wie groß Trudas Tochter schon sei.

Die Wohnung von Muttis Freundin war ganz anders als alle anderen, die sie bisher gesehen hatte. Riesengroß, mit riesengroßen Fenstern und riesengroßen Gardinen und Möbeln. Das absolut schönste aber war ein großer weißer Käfig, in dem zwei zwitschernde Vögel saßen, Vögel, die blaue und grüne Federn hatten. So etwas hatte Margot noch nie gesehen, und als die Mutter sich „die Stadt ansehen“ wollte, wäre sie am liebsten am Käfig sitzen geblieben, was sich leider nicht machen ließ. Was an der großen Stadt so großartig war, konnte Margot dann nicht nachvollziehen, einfach nur große und noch größere Häuser, viele durcheinanderlaufende Menschen. Und als es dann endlich zum Bahnhof ging, hatte sie nur noch schmerzende Füße und war müde.

,,Der Zug wird ganz pünktlich sein“, sagte die wunderschöne Frau. Woher sie das wußte, sagte sie nicht, und Margot hatte ihre Zweifel. Allerdings mußte sie zugeben, daß so eine Eisenbahn doch ziemlich schlau war, denn auf der Hinfahrt hielt sie immer dort, wo Menschen auf sie warteten. Jetzt konnte sie nur hoffen, daß der Zug auch in Königsberg hielt und wußte, daß Margot auf ihn wartete – sie wollte schnell nach Hause, denn dort wartete garantiert ihr schönes weißes, weiches Bett.


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