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21.06.08 / Das unbekannte Peru / Die Küste nördlich von Lima wartet mit ihren Schätzen auf moderne Entdecker

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 25-08 vom 21. Juni 2008

Das unbekannte Peru
Die Küste nördlich von Lima wartet mit ihren Schätzen auf moderne Entdecker
von Elke Gersmann

Sonnabendabend in Miraflores. Es ist voll in den Straßen, Cafés und Restaurants. Hier, in einem der schönsten und beliebtesten Stadtteile Limas, tobt am Wochenende das Leben. Aus dem Parque Central klingt mitreißende Musik. Deren Quelle ist schnell gefunden: Mitten im Park hat jemand in einem kleinen Amphitheater seine Musikanlage aufgebaut. Die Ränge sind voll mit im Takt klatschenden Leuten, die das Schauspiel im Inneren beobachten: Es wird getanzt, was das Zeug hält. Immer wieder finden sich Paare neu zusammen und zeigen pure Lebensfreude in ihren dicken

Jacken. Denn es ist kühl und nieselig in Lima. Wie so oft im Frühjahr, Herbst und Winter. Doch das tut dem Spaß keinen Abbruch.

Wer Perus Hauptstadt nicht gerade im südamerikanischen Sommer besucht, sollte also einen Pullover dabei haben – und sich die gute Laune nicht von grauen Wolken und Sprühregen verderben lassen. Der Garúa, wie dieser nieselige Nebel genannt wird, ist eben allgegenwärtig. Die Limeños steuern gegen, indem sie Farbe in die Stadt bringen. Viele Häuser sind in einem leuchtenden Gelbton gestrichen. Es wirkt ein bißchen wie Sonnenschein, wenn man durch die Straßen der Altstadt schlendert. Vorbei an prächtigen Kolonialbauten und der Kathedrale am Hauptplatz, Plaza de Armas. Und das muß hier einfach sein: eine glückbringende Kerze bei einer der Damen mit ihren bunten Wägelchen kaufen. Und ein Zwischenstopp für einen Kaffee in der Bar Cordana, die sich seit Jahrzehnten nicht verändert hat. Ober Luis Cerna ist mit der Bar alt geworden: er arbeitet hier schon seit 55 Jahren. Wirklich, so lange? „Si, si, cincuenta y cinco años“, ist sein einziger Kommentar. Dann macht er sich wieder an die Arbeit.

Ein gutes Stück weiter im Norden liegt Trujillo. In der hübschen Kolonialstadt scheint in manchen Ecken die Zeit stehengeblieben zu sein. Wenn nur die unendlich vielen hupenden Taxis nicht wären. Sie ersetzen das frühere Pferdegetrappel doch eher unschön.

Dort, wo sich die Pyramiden von Sonnen- und Mondtempel aus dem Wüstensand erheben, ist es jedoch ganz still. So, als wollten alle den Erbauern noch nachträglich Respekt zollen. Das Volk der Moche hat sie vor über 1400 Jahren errichtet. Und obwohl das Wetterphänomen El Niño schon ein Drittel der Bauten aus Lehm zerstört hat, wirkt besonders die Huaca del Sol immer noch riesig. 140 Millionen Lehmziegel wurden damals aufeinandergestapelt – und bildeten den größten alleinstehenden präkolumbischen Bau auf dem Gebiet des heutigen Peru.

Obwohl Archäologen bereits 1991 ihre Arbeiten an der Anlage starteten, machen sie ständig neue Entdeckungen: farbenprächtige Reliefs und Keramiken, aber auch neue Gräber. Direktor Ricardo Morales Gamarra ist nicht nur darauf stolz: „Hier sind an den Ausgrabungen zum ersten Mal von Anfang an nur peruanische Wissenschaftler beteiligt“, sagt er.

Auch bei der alten Chimú-Hauptstadt hat El Niño ganze Arbeit geleistet. Doch der Streifzug durch die Überreste des restaurierten Tschudi-Palasts läßt vor dem inneren Auge ein Bild entstehen, wie es in der Blütezeit des Chimú-Reiches um 1300 n. Chr. hier ausgesehen haben mag.

Die Wüste an der Pazifikküste scheint mit archäologischen Stätten gespickt zu sein. Auch rund um Chiclayo. Die geschäftige Stadt hat zwar nicht den kolonialen Charme von Trujillo. Dafür aber den Mercado de Brujos – den Hexenmarkt. Denn hier in der Umgebung leben besonders viele Schamanen – Zauberer, die den Menschen in allen Lebenslagen helfen sollen. An den Ständen gibt es Kräuter, Elixiere und allerlei Glücksbringer. Auch die Liebe spielt wie so oft eine besondere Rolle. Der richtige Duft soll den passenden Partner in die Arme treiben.

Wenn die Sinne nicht zu vernebelt sind, kann man sich anschließend einfach über den magiefreien Mercado Modelo treiben lassen. Staunend, obwohl man doch in Europa Überfluß gewohnt ist. Die Obst- und Gemüsestände scheinen unter dem Angebot zusammenzubrechen. Importiert ist hier fast nichts – von den rund 34 Klimazonen der Erde befinden sich 28 in Peru. Und so steht die Kiste mit den peruanischen Äpfeln ganz selbstverständlich neben den Papayas aus dem Regenwald.

Den gibt es in dieser sehr trockenen Region zwar nicht – aber sein Pendant, den Trockenwald. Scheinbar von einer Minute auf die andere wird es heiß, und die Hitze flimmert über den alten Johnannisbrotbäumen des Santuario Histórico Bosque de Pómac.

Einige der Pyramiden ragen noch über die Gipfel der Bäume des Schutzgebiets hinaus. Wer sie erklimmt, wird mit einem atemberaubenden Blick auf den vor Hitze flimmernden Wald und das weiße Band des Rio de la Leche belohnt. Und weiß, daß diesen Blick noch nicht viele genossen haben. Denn diese Stätte ist in der Öffentlichkeit noch recht unbekannt.

Anders steht es um die reich bestückten Gräber der Herrscher von Sipán aus der Zeit um 300 n. Chr. Ihr Fund ganz in der Nähe von Chiclayo war im Jahr 1987 eine Sensation. Heute liegen die Schätze im Museo Tumbas Reales de Sipán im nahen Lambayeque. Die beeindruckenden Masken, filigranen Schmuckstücke und ausdrucksvollen Keramiken zeigen nicht nur die große Kunstfertigkeit dieses Volkes – sie versetzen für einen Moment auch in die alte Zeit zurück, scheinen deren Geschichte zu erzählen. Und die ist immer noch spannend.


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