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12.07.08 / »Sie heißen Goethe? Was leisten Sie?« / Ein neues Buch würdigt in einer unterhaltsamen Darstellung den Lebensweg der drei Enkel des großen Dichters

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 28-08 vom 12. Juli 2008

»Sie heißen Goethe? Was leisten Sie?«
Ein neues Buch würdigt in einer unterhaltsamen Darstellung den Lebensweg der drei Enkel des großen Dichters
von Dagmar Jestrzemski

Wohl nur wenige Nachkommen großer Männer trugen in ähnlicher Weise schwer an der Bürde ihres Namens wie Goethes Enkel Wal-ther (1818–1885) und Wolfgang Maximilian (1820–1883). Ihr Großvater, der berühmte Dichter, hatte große Erwartungen in die beiden Jungen gesetzt. Seiner wesentlich jüngeren Enkelin Alma (1827–1844) widmete er ungleich weniger Aufmerksamkeit. Eine lebendige, lehrreiche und dabei unterhaltsame Darstellung des Lebensweges von Walther, Wolfgang und Alma von Goethe hat Dagmar von Gersdorff, bisher Spezialistin für Frauenbiografien der Goethezeit, vorgelegt.

Seit 1817 lebte der verwitwete Kaiserliche Rat Goethe mit seinem Sohn August, dem Sächsischen Kammerrat, der Schwiegertochter Ottilie geb. von Pogwisch und Ottilies Schwester Ulrike in seinem großen Haus, richtiger: seiner Residenz, am Weimarer Frauenplan. Wie früher bewohnte er die Bell-etage, während August und Ottilie sich mit ihren Kindern in der Mansarde eingerichtet hatten.

Goethe förderte die Entwicklung seiner Enkelsöhne mit pädagogischem Interesse. Gleichzeitig verwöhnte er sie in einem Maße, die seine Besucher in Erstaunen versetzte. Der Apapa, wie Walther und Wolfgang ihn nannten, machte sie mit den Naturschönheiten vertraut und weckte in ihnen die Liebe zur Kunst. Die tiefe Zuneigung war gegenseitig; auch die Kinder liebten ihn zärtlich. Doch gerade wegen ihrer vielseitigen Begabung überschätzte ihr Großvater sie auf fatale Weise. In Walther glaubte er den zukünftigen Musiker erkennen zu können, weil er Mozart-arien fehlerfrei nachsingen konnte, während Wolf, sein besonderer Liebling, seiner Meinung nach Talent zum Schriftsteller hatte, da er Rezensionen zu Theaterstücken schrieb. Daß Wolf, wie seinerzeit er selbst, später zunächst „aus Pflicht“ die juristische Laufbahn einschlug, dürfte ebenfalls auf Goethes Anweisung zurückzuführen sein. Walthers Berufswahl, die ihn früh in eine Sackgasse führte, und Wolfgangs unzureichende Selbstwahrnehmung als Dichter liegen zum Teil in dem blinden Vertrauen begründet, das Mutter und Söhne in die Einschätzungen des Großvaters als Mentor hegten.

Goethes Tod bedeutete für die beiden Jungen einen tiefen, nie verwundenen Einschnitt in ihrem Leben. Ihre sorgenfreie, behütete Kindheit war mit einem Schlag vorüber. Bereits im Oktober 1830 hatten die Kinder ihren Vater verloren, der während einer Italienreise in Rom gestorben war. Durch den Verlust ihres Großvaters aber wurden sie ihres Lebensmittelpunkts beraubt. Dasselbe galt für ihre hektische, rastlose Mutter. Ihren Mann hatte sie nicht aus Liebe geheiratet, Ottilie hatte sich zu diesem Schritt lediglich durchgerungen, weil ihr ein Leben an der Seite des umschwärmten Dichterfürsten erstrebenswert schien.

Nach dem Tod des Schwiegervaters behielt Ottilie ihr Domizil in Weimar, doch auf der Suche nach Abwechslung und dem ersehnten Liebesglück zog es sie noch häufiger als früher in die Fremde, besonders nach Wien und in die Kurorte. Ihr Verhalten stieß im Freundes- und Familienkreis auf scharfe Kritik und wurde zur Belastung für ihre Kinder.

Bis zum Beginn der Ausbildung von Walther und Wolfgang lebten die drei Geschwister meist mit Mutter, Tante, Großmutter und Urgroßmutter im Goethehaus. Goethes Berufsvorstellungen für seine beiden Enkelsöhne wurden in die Tat umgesetzt. Dabei spornte jedes Hindernis die Mutter, zu der Walther ein Abhängigkeitsverhältnis entwickelte, nur um so mehr an. Sie forderte und erhielt dafür weit höhere Summen als im Testament des Schwiegervaters vorgesehen waren. Über ein Beziehungsgeflecht wollte sie ihrem Ältesten zum Durchbruch verhelfen. 1836 überredete sie den widerstrebenden Felix Mendelssohn, Direktor des Leipziger Gewandhausorchesters, ihn als Meisterschüler anzunehmen. Mendelssohn, der als Kind zu Gast im Haus am Frauenplan gewesen war, bezeichnete den Goetheenkel seiner Mutter gegenüber als „halbes Talent“.

Johann Wolfgang von Goethe hatte seine beiden Enkelsöhne als Universalerben eingesetzt. Bei Eintritt der Volljährigkeit sollten sie seinen gesamten Besitz an beweglichem und unbeweglichem Eigentum erhalten. Erst am 10. April 1839, als Walther volljährig wurde, erhielten Goethes Enkel Zugang zu den Zimmern ihres Großvaters. Gleichzeitig kam Walther in den Genuß der Zinsen seines Vermögensanteils. Unverzüglich ordnete er an, daß das Haus sowie die Sammlungen zukünftig für jedermann verschlossen blieben. 1842/43 hatte die Familie sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob man dem Bundestag Haus und Sammlungen für die angebotene Kaufsumme von 60000 Talern überlassen sollte. Damals verweigerte lediglich Wolfgang grundsätzlich seine Einwilligung zum Verkauf. Goethes Erbe blieb somit mehr als 50 Jahre, von 1832 bis 1885, unter Verschluß. Dabei sorgten seine Enkel für die notwendigen Renovierungen des Hauses. Ihnen ist es zu verdanken, daß dieses Kulturgut in seiner Gesamtheit und im ursprünglichen Zustand der Nachwelt erhalten blieb. Die Sammlungen und Archive wurden bis auf wenige Ausnahmen erst nach 1885 der Wissenschaft erschlossen.

1852 hatte der Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar Walther und Wolfgang zu Kammerherren ernannt. Doch nur Walther verlegte aus diesem Grund seinen Wohnsitz. Er zog von Wien nach Weimar und widmete sich als Adjutant des Herzogs fortan in unbesoldeter Stelle seinen Aufgaben am Hof. Ihn verband seit frühester Kindheit eine tiefe Freundschaft mit dem Herzog. Der zeitlebens kränkelnde Wolfgang hatte in Bonn ein Jura- und Philologiestudium mit Promotion abgeschlossen. Anschließend veröffentlichte er einen Gedichtband, der angesichts seiner Belanglosigkeit Staunen erregen mußte. Mit 32 Jahren trat er in den diplomatischen Dienst Preußens, war zunächst in Rom, dann in Dresden beschäftigt. 1859 wurde ihm und seinem Bruder der beantragte Freiherrentitel zuerkannt. Schon mit 40 Jahren nahm er seinen Abschied, um sich fortan als Privatgelehrter den Studien über ein sehr spezielles Forschungsthema zu widmen. Auch Walther, den soziale Fragen bewegten, versuchte sich mehrfach schriftstellerisch und blieb dabei erfolglos. In seinem Testament hatte er den Staat Sachsen-Weimar zum Erben aller Liegenschaften des Nachlasses seines Großvaters eingesetzt. Den literarischen Nachlaß hingegen hatte er der Großherzogin Sophie vermacht.

„Mit ihm erlosch Goethes Geschlecht, dessen Name alle Zeiten überdauert“, so steht es auf Walther von Goethes Grabtafel auf dem Weimarer Friedhof. Noch in seinem Todesjahr 1885 wurden die Grundlagen für das Goethe-Nationalmuseum und die Goethe-Gesellschaft gelegt sowie, ebenfalls auf Anregung der Großherzogin, Pläne für das Goethe- und Schiller-Archiv entworfen.

Dagmar von Gersdorff: „Goethes Enkel – Walther, Wolfgang und Alma“, Insel Verlag, Frankfurt 2008, geb., 286 Seiten, 19,80 Euro

Foto: Die drei Enkel des Dichters im Juno-Zimmer des Goethehauses am Weimarer Frauenplan: Walther am Klavier, Wolfgang neben ihm, die kleine Alma im Hintergrund (nach einer Zeichnung von Bernhard von Arnswald, 1807–1877)


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