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12.07.08 / Begabt, geschickt und mächtig / Sachsen-Anhalt spürt starken Frauenpersönlichkeiten des 18. Jahrhunderts nach

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 28-08 vom 12. Juli 2008

Begabt, geschickt und mächtig
Sachsen-Anhalt spürt starken Frauenpersönlichkeiten des 18. Jahrhunderts nach
von Helga Schnehagen

Wer glaubt, das Thema Emanzipation sei abgehakt, der irrt. Gerade in diesem Jahr werden starke Frauen besonders in den Fokus gerückt. In Goslar hat man ihnen sogar ein eigenes Denkmal gesetzt – Deutschlands erstes. In der Öffentlichkeit und in der Kunst seien bemerkenswerte Frauen auch heute noch wesentlich weniger präsent als ebenso bedeutende Männer, meinten die Frauen der Region und gründeten einen Initiativkreis mit dem Ziel, dieses zu ändern.

Die Bildhauerin Eike Geertz aus Sankt Andreasberg gab dem Anliegen Gestalt. Ihre gut einen Meter hohe Skulptur steht auf einem ebenso hohen Metallsockel. Eine „Starke Frau“ aus Diabas-Gestein, gleichermaßen sanft und schroff, rund und eckig, stark und verletzlich.

Zu aufschlußreichen Begegnungen mit Frauen, die Wissenschaft, Kultur und Politik zunehmend selbstbewußt mitgestaltet haben, lädt dieses Jahr zudem das Land Sachsen-Anhalt ein auf seiner sechsten Reise ins 18. Jahrhundert, die Epoche der Aufklärung.

Mit Dorothea Christiane Erxleben (1715–1762) wohnte in Quedlinburg am Nordost-Rand des Harzes eine der herausragendsten Persönlichkeiten jener Zeit. Als erste Frau in Deutschland promovierte die hochgelehrte Arzttochter 1754 an der medizinischen Fakultät von Halle. Erst knapp 150 Jahre später wurde die nächste Frau für den Arztberuf zugelassen.

Auf ihr Ersuchen hin hatte Friedrich der Große Dorothea bereits 1741 die königliche Sondererlaubnis zur Promotion erteilt. Doch durch ihre Heirat 1742 hatte sie umfangreiche Pflichten übernommen, als Mutter für fünf Stiefkinder, wozu noch vier eigene kamen, und als Pfarrfrau. Das hielt sie aber nicht davon ab, weiterhin Kranke zu behandeln. Als drei Kollegen ihr Kurpfuscherei vorwarfen, war sie gezwungen, die Graduierung nachzuholen. Lebte sie heute, Ursula von der Leyen wäre stolz auf sie. Eine Ausstellung zu Leben und Werk der Pionierin zeigt das Klopstockhaus am Fuße des Schloßbergs in Quedlinburg.

Zu den stärksten Frauen der Geschichte zählt zweifellos Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst (1729–1796), die als Zarin Katharina II. von Rußland politische Karriere machte. Durch Intervention Friedrichs des Großen war sie 1744 an den Zarenhof in St. Petersburg gelangt. 1762, knapp 20 Jahre später, regierte sie dort als Alleinherrscherin. Im Festsaal des Kavalierhauses auf der Schloßfreiheit (neben der Tourist-Information), einer Hofbeamtenwohnung von 1707, gibt die Stadt Zerbst in barockem Ambiente Einblicke in das Leben ihrer größten Tochter.

Über Mangel an Macht brauchten auch die Äbtissinnen des reichsunmittelbaren, freiweltlichen Damenstifts von Quedlinburg nicht zu klagen. Die im Gründungsjahr 936 festgelegten Rechte sicherten dem Stift über 800 Jahre freie Äbtissinnenwahl und eigene Immunität. Mit dem Status von Königinnen unterstanden deren Vorsteherinnen nur dem Kaiser und dem Papst.

Das die Stiftskirche umschließende Renaissance-Schloß erfuhr im 18. Jahrhundert seine letzten großen Umbauten.

Unter Maria Elisabeth, Herzogin von Holstein-Gottorp, Äbtissin von 1718 bis 1755, wurden vor allem die Prunkgemächer aufwendig umgestaltet. Sie sind heute als Schloßmuseum zu besichtigen.

Maria Elisa-beths Nachfolgerin Anna Amalie (1723–1787), die jüngere Schwester Friedrichs des Großen, war von 1756 bis zu ihrem Tod die vorletzte Vertreterin der stolzen Herrscherinnen über den Schloßberg.

Musikalisch begabt, musizierte und komponierte sie leidenschaftlich gern, was sie zu einer viel beachteten Komponistin machte. Unter den Vertonungen der Preußen-Prinzessin finden sich auch Zeilen der Dichterin Anna Louisa Karsch (1719–1791). In ärmlichen Verhältnissen in Schlesien und Polen aufgewachsen, und im Schreiben und Lesen nur mit Grundkenntnissen ausgestattet, gelang ihr dennoch der Durchbruch. Schon zu Lebzeiten hatte man der Dichterin ein Denkmal errichtet. Die Bildsäule wurde zuerst im Halberstädter Landschaftspark Spiegelsberge aufgestellt. Heute steht sie im Gleimhaus am Halberstädter Domplatz. Inzwischen Museum, schaut man hier dem geistigen Deutschland des 18. Jahrhunderts direkt ins Angesicht – dank der einzigartigen Porträtsammlung.

Inwieweit Friedrich der Große seine Finger bei der Heirat von Prinzessin Louise (1750–1811) aus der preußischen Nebenlinie Brandenburg-Schwedt mit dem anhalt-dessauischen Fürsten Franz im Spiel hatte, ist nicht bekannt. Irgendwie eingemischt hatte er sich aber gewiß.

Da der Vater des Fürsten und die Mutter der Prinzessin Geschwister waren, heirateten sie 1767 als Cousin und Cousine. Bei der anfangs wohl recht glücklichen Verbindung kam es 1785 zur Separation, welche die Fürstin Louise von Anhalt-Dessau jedoch nicht von den offiziellen Auftritten entband.

Damit durfte die Fürstin zwar die Mädchenschule in Wörlitz gründen. In punkto Selbstverwirklichung blieb ihr aber letztlich nur die Freundschaft starker Frauen, die sich von ihren Ehemännern emanzipiert hatten und ein selbstbestimmtes Leben führten. Eine von ihnen war die deutschbaltische Dichterin Elisa von der Recke (1754–1833). 1781 geschieden, lernte sie 1784 den Schriftsteller August Tiedge kennen, mit dem sie seit 1804 dauerhaft zusammenlebte. Ein für die damalige Zeit höchst pikantes, wenn nicht gar unmögliches, Verhältnis.

Über ihre Schwester, die mit dem Herzog von Kurland verheiratet war, hatte die geborene Gräfin von Medem dennoch Zugang zu den Königshöfen in Berlin und Warschau. Neben Friederike Brun und Sophie LaRoche war Elisa von der Recke die produktivste Reiseschriftstellerin der Goethe-Zeit. Doch damit begnügte sich die selbstbewußte Autorin nicht. 1779 enttarnte sie den Alchemisten und Hochstapler Cagliostro, den bis dahin die aristokratischen Kreise ganz Europas hofiert hatten. Ihre Enthüllungs-Story würde noch heute dem Journalismus alle Ehre machen.

Selbst kinderlos, zog sie „nebenbei“ insgesamt 13 Pflegetöchter auf. Im Luisium, einem intimen Schlößchen bei Dessau, wo Fürstin Louise ihre intellektuellen Freunde empfing, trifft man auf die selbstbewußte Publizistin in einem von Gottlieb Schiffner gemalten Porträt. Das Bild einer glücklichen Frau.

Der Fürstin selbst, gefangen im Spannungsfeld zwischen Anpassung und Aufbruch, Abhängigkeit und Selbständigkeit, blieb zur Niederschrift nur das Tagebuch. Seit 2005 transkribiert und ausgewertet, stehen die mehrere 1000 Seiten zählenden Aufzeichnungen jetzt im Mittelpunkt der Ausstellung im Haus der Fürstin am Wörlitzer Kirchplatz.

Bis 28. September soll Louise damit aus dem Schatten ihres Gemahls Franz gerückt werden, der 69 Jahre lang als Landesfürst regierte und als Schöpfer des Gartenreichs Dessau-Wörlitz bereits zu Lebzeiten alle Bewunderung auf sich gezogen hatte.

Daß unter bestimmten Voraussetzungen (schon) damals das Dasein als Single-Frau nicht die schlechteste – vielleicht sogar die beste – Variante war, haben die Schwestern Anna Wilhelmine (1715–1780) und Henriette Amalie (1720–1793) bewiesen, die unverheirateten Töchter des Fürsten

Leopold I. von Anhalt-Dessau und seiner Gemahlin Anna Luise. Dem tat selbst Henriette Amalies folgenschwerer Fehltritt mit dem Sohn des Hofjägers keinen Abbruch. Im Gegenteil. Eine beachtliche Apanage und geschickt verwalteter Grundbesitz ermöglichten beiden Schwestern ein unabhängiges Leben in Wohlstand.

Anna Wilhelmine verstarb als reichste Frau in Anhalt. Das von ihr 1752 / 57 errichtete Rokoko-Schloß in Mosigkau bei Dessau wird heute liebevoll das „Kleine Sanssouci“ genannt. Der Besucher entdeckt dort einen zauberhaften Spiegelsaal mit einer Gemäldegalerie herausragender niederländischer Meister.

Henriette Amalies Sammelleidenschaft bildet heute den Grundstock der Anhaltinischen Gemäldegalerie im Dessauer Georgenpark, der bedeutendsten Sammlung alter Malerei und Graphik in Sachsen-Anhalt. Auf die Fürstentochter geht neben den Beständen niederländischer Malerei vor allem die einmalige Auswahl Frankfurter Maler der Goethezeit zurück.

Kostenloses Jahresprogramm sowie Faltblatt „Frauen im 18. Jahrhundert“ über Info-Telefon Sachsen-Anhalt (0 18 05) 37 20 00 (0,14 Euro / Minute aus dem deutschen Festnetz, Mobilfunktarife abweichend) sowie im Internet unter www.sachsen-anhalt-tourismus.de

Foto: Schloß Luisium in den Wörlitzer Anlangen: Hier empfing die Fürstin Louise ihre intellektuellen Freunde.


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