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19.07.08 / Wohnen in einem Denkmal / Sechs Berliner Siedlungen sind in die Welterbeliste der Unesco aufgenommen worden

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 29-08 vom 19. Juli 2008

Wohnen in einem Denkmal
Sechs Berliner Siedlungen sind in die Welterbeliste der Unesco aufgenommen worden
von Silke Osman

In der Hauptstadt Berlin wohnen jetzt Tausende tatsächlich in einem sogenannten Welterbe, da die Unesco dem Vorschlag der Ständigen Kultusministerkonferenz nachgekommen ist und sechs Siedlungen in die Welterbeliste aufgenommen hat: die Gartenstadt Falkenberg (Tuschkastensiedlung) in Treptow-Altglienicke von Bruno Taut und Ludwig Lesser (1913–1915), die Siedlung am Schillerpark in Wedding, ebenfalls von dem Königsberger Bruno Taut geschaffen (1924–1930), die sogenannte Hufeisensiedlung (Fritz-Reuter-Stadt) in Neukölln-Britz von Taut und seinem Königsberger Landsmann Martin Wagner (1925–1931), die Bau- und Gartendenkmalbereiche in der Wohnstadt Carl Legien von Bruno Taut und Franz Hillinger in Prenzlauer Berg (1929–1930), die Weiße Stadt genannte Großsiedlung von Bruno Ahrends, Wilhelm Büning und Otto Rudolf Salvisberg sowie Ludwig Lesser in Reinickendorf (1929–1931) und die Großsiedlung Der Ring, 1929–1931 unter der künstlerischen Gesamtleitung von Hans Scharoun, Martin Wagner und Leberecht Migge (Gartenarchitekt aus Danzig) für die Siemensstadt zwischen Charlottenburg und Spandau geschaffen.

Jörg Haspel, Landeskonservator in Berlin, sieht den besonderen Wert dieser Siedlungen der klassischen Moderne darin, daß „sie über weite Strecken nicht bloß ihr historisches Gepräge in der Substanz bewahrt, sondern auch in der angestammten Nutzung als historischer Wohnort die Generationen überdauert haben und bis heute gefragt sind“. Die sechs denkmalgeschützten Siedlungen repräsentierten einen neuen Typus des sozialen Wohnungsbaus aus der Zeit der klassischen Moderne, befand das Welterbekomitee der Unesco. Sie hätten beträchtlichen Einfluß auf die Entwicklung von Architektur und Städtebau ausgeübt.

Eine der Umgebung angepaßte Farbigkeit, die geschickte Einbeziehung der Natur, eben menschenwürdiges Wohnen überhaupt – darüber machen sich Architekten eben nicht erst in unseren Tagen Gedanken. Schon in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war man bemüht, diese Forderungen in die Tat umzusetzen.

Zu den Architekten, die sich erfolgreich für menschenwürdiges Bauen einsetzten, gehörte der Ostpreuße Bruno Taut, der sich wie sein Bruder Max oder sein Allensteiner Landsmann Erich Mendelsohn weit über die Grenzen Deutschlands einen Namen gemacht hat.

Taut stellte hohe Ansprüche an die Bewohner „seiner“ Häuser. So schrieb er 1927: „Wer in Filzpantoffeln und in Hemdsärmeln durch seine Wohnung latscht, dem ist auch mit einem sauberen Bau nicht geholfen.“ Die innere Beziehung zwischen Umfeld und innerer Einstellung hat Bruno Taut beschäftigt wohl wie keinen anderen Architekten. Ihm lag es daran, durch humane Wohnarchitektur „gute“ Charaktere zu bilden. „Kann die Architektur in ihrer Bedeutung jemals überschätzt werden?“ fragte Taut in einem 1917 geschriebenen Artikel. „Sie ist Träger, Ausdruck, Prüfstein für jede Zeit. Wir brauchen keine Kulturgeschichte zu treiben, nicht die Einzelheiten des Lebens, der politischen und religiösen Lehren der verschiedenen Epochen zu kennen, um an den steinernen Zeugen das klar zu sehen, was die Menschheit erfüllte. Die Architektur bedeutet gleichsam ein zweites Leben selbst, indem sie die Generationen verbindet und als treuester Spiegel das verkündigt, was längst dahinge-gangene Propheten gelehrt und Geschlechter geglaubt haben. Es erscheint das Wort Bau-,Kunst‘ fast zu gering für etwas, was steingewordenes Leben und steingewordene Gedankenwelt ist ...“

Taut beschäftigte sich allerdings nicht nur mit der äußeren Erscheinung seiner Bauten. Auch die Innenarchitektur, die Ausgestaltung der Räume lag ihm sehr am Herzen. Seine Vorstellungen von einer sinnvoll gestalteten Wohnung legte er, der auch schriftstellerisch begabt war, in seinem 1924 erstmals erschienenen Buch „Die neue Wohnung“ dar. Es war so erfolgreich, daß es bis 1928 in fünf Auflagen 26000 Exemplare erreichte! In seinen Ausführungen fordert der Königsberger die Hausfrauen nachhaltig dazu auf, ihre Wohnungen zu „entrümpeln“, sich von allem, wenn auch liebgewonnenem Plunder und Nippes zu trennen und damit zu befreien, um effektiver und somit schneller die Hausarbeit erledigen zu können. Worte, die bis heute nichts an ihrer Wahrheit verloren haben. Gleichzeitig macht der Architekt Taut natürlich auch Vorschläge zum sinnvollen neuen Bauen und zur sinnvollen Aufteilung der Innenräume, dazu zählt auch das von ihm 1921 entworfene kreisrunde Wohnhaus, das als „Käseglocke“ in Worpswede heute die Besucher anlockt – auch wenn es nicht von Taut erbaut wurde, sondern 1926 von dem Schriftsteller Edwin Koenemann zusammen mit einem örtlichen Architekten.


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