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19.07.08 / Kranke Puppe / Vater bedauert unterlassene Hilfeleistung

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 29-08 vom 19. Juli 2008

Kranke Puppe
Vater bedauert unterlassene Hilfeleistung
von Rolf Knoll

Guck doch mal, Paps! Mein lsabellchen hatte einen Unfall. Ein Beinchen ist ab, und nun jammert sie dauernd.“ Fanny trat ganz nahe an meinen Schreibtisch. „Fanny“, sagte ich. „Puppen sind keine Menschen, die sich verletzen können. – Hm, wieso hast du sie denn kaputtgemacht?“ „Es war ein Unfall. Sie braucht Hilfe. Hier!“ Fanny zeigte mir das abgebrochene Körperteil. „Operierst du sie, Paps?“ „Das geht nicht, Mädel. Heute Abend kommt Dr. Ritter, mein Chef, zu Besuch. Der will, daß ich mit diesem Papierzeug hier fertig bin. Aber vielleicht morgen, ja?“ „Und wenn sie stirbt?“ Fanny preßte die Puppe ängstlich an sich. „Firlefanz“, murmelte ich leise. 

„Wie kommt es denn, Hotte, daß sich Dr. Ritter so für dich interes-siert? Uns sogar heute Abend einen Besuch abstattet?“ Meine Frau stand vor der Hausbar und kramte zwischen den spärlichen Vorräten. „Keine Ahnung, Heidi. Vielleicht hat der Knülch endlich erkannt, daß ich in der Firma ein Volltreffer bin. Was suchst du denn?“ Heidi hielt eine fast leere Cognacflasche in die Luft. „Du lebst nicht schlecht, Hotte. Und was bieten wir deinem Chef an?“ „Kein Problem, Heidilein! Ich flitze fix zum Supermarkt. Eine Stunde hab ich ja noch.“ Fanny kam herein und sah mich an. „Und Isabellchen?“ löcherte sie mich. „Im Moment geht es nicht. Ich habe keine Zeit.“ „Darf ich wenigstens mit zum Einkaufen kommen, Paps?“ „Meinetwegen. Wenn du willst, kaufe ich deiner Puppe ein neues Kleidchen.“ Zehn Minuten später schob ich meinen Einkaufswagen vor das Schnapsregal des Supermarktes. Fanny hielt sich brav an meiner Seite. Sie tat mir leid, denn im Markt gab es keine Puppenwä-sche. In meinem Korb klirrten eine Flasche Martell und sechs Bier.  Plötzlich sah ich Günter Burwitz. „Menschenskind, Günti!“ rief ich aus. „Dich hab ich ja ewig nicht gesehen!“  Mein ehemaliger Schulkamerad nickte fröhlich. „Die Welt ist ‘n Dorf. Wie geht’s, alter Haudegen?“ Wir schüttelten uns die Hände und wärmten alte Kamellen auf. Indes lächelte Günters elegante Begleiterin Fanny gönnerhaft an. „Du bist ja schon fast ein richtiges, kleines Fräulein.“ Fanny zupfte an meinem Ärmel. „Du, Paps? Kaufst du mir irgendwann mal ‘ne neue Puppe?“ An die Dame gewandt, fügte sie erklärend hinzu: „Die Puppe, mit der ich immer spielen muß, hat nur noch ein Bein.“ Günter Burwitz warf einen raschen Blick in meinen Einkaufswagen. Er musterte mich kritisch. Dann schenkte er Fanny einen mitleidigen Augenaufschlag und verabschiedete sich hastig. Wieder zu Hause, machte ich meinem Ärger Luft. „Ich stand da wie der letzte Alki, Heidi“, schimpfte ich. „Im Korb außer sechs Bier nur noch ‘ne Pulle Schnaps.“ „Beruhige dich, Hotte! Dr. Ritter kann jeden Moment kommen. Wieso hast du denn nicht gleich die Puppe repariert?“ Ehe ich mich rechtfertigen konnte, klingelte es. Als Dr. Ritter in den Flur trat, ging auch die Tür zum Kinderzimmer auf. Das einbeinige lsabellchen im Arm, schluchzte Fanny traurig. Ich war sprachlos. Entgeistert sah ich von meiner Tochter zur einbeinigen Puppe, dann in das verdutzte Gesicht meines Abteilungsleiters. „Guten Abend.“ Fanny knickste höflich und hielt Dr. Ritter die Puppe entgegen. „Das ist Isabellchen, meine Lieblings-puppe. Wie findest du sie, Onkel? Leider hat sie nur ein Bein. Ich  ...“ „Nein, nicht noch einmal!“ Ich spürte meine Zähne klappern.  Meine Tochter brachte mich in Teufels Küche. „Ich gebe auf!“ röchelte ich. „Die OP findet sofort statt.“ Fannys Gesicht nahm einen triumphierenden Ausdruck an. „Prima, Paps! Du hast ja jetzt Hilfe. Sogar ‘nen richtigen Onkel Doktor.“


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