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27.09.08 / Mit »Herta« zu Besuch in der Heimat / Unterwegs im Naturparadies an der Kruttinna – Abgelegene Pisten überfordern das »Navi«

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 39-08 vom 27. September 2008

Mit »Herta« zu Besuch in der Heimat
Unterwegs im Naturparadies an der Kruttinna – Abgelegene Pisten überfordern das »Navi«

Bernd Krutzinna, unter seinem Künstlernamen BernStein als Sänger ostpreußischer Lieder bekannt, reiste im Sommer 2008 nach Ostpreußen, dessen Bewohner ihm alle als „Verwandte“ gelten:

An Sommerfesten durfte ich als Heimatsänger schon mehrfach teilnehmen. Zum ersten Mal erlebte ich eins im Regen, nämlich in Osterode auf dem Sportplatz beim Parkhotel. Zu meiner Freude neben dem Bismarckturm (ohne Bismarck) und dem Abstimmungsstein von 1920, auf dem nur ein Datum eingraviert ist. Nur Eingeweihte wissen, was Turm und Stein bedeuten. Als das offizielle Sommerfestprogramm begann, fing es heftig an zu regnen. Blitz und Donner begleiteten die Predigten der Pastoren. Kaum aber war das Lied „Land der dunklen Wälder“ verklungen, brach die Sonne durch die Wolken und das unterhaltsame Kulturprogramm fand im Trockenen statt. 

Für mich ist es stets etwas Besonderes, daß man feiert, dem deutschen Volk anzugehören. Wann macht man das schon zuhause? Übrigens die „Verwandten“ sind für mich alle Ostpreußen, die dort leben und die Jahre seit dem Krieg gemeistert haben. Diese Menschen haben meinen Respekt und meine Zuneigung. Meistens sind es sehr eigenwillige Persönlichkeiten.

Ich denke an Christel und Klaus Dickti, die es geschafft haben, ihre Pension in Sondern bei Sensburg (Straße von Sensburg nach Rhein) aufzubauen, verbunden mit einem „Bauernmuseum“. Ein Besuch des prächtigen Anwesens lohnt sich nicht nur wegen des Museums, sondern auch wegen des leckeren Kuchens, aber vor allem der beiden wegen. Das sind Ostpreußen vom echten Schrot und Korn, die an ihrer Scholle, aber auch an ihrer deutschen Tradition hängen.

Bei meinem Besuch dort hatten wir viel Spaß, Christel erzählte ihre bekannten Witze und es wurde natürlich viel gesungen. Für die Reise mit dem Auto nach Ostpreußen hatte ich mir ein Navigationsgerät angeschafft. Der weiblichen Stimme wegen auf den Namen „Herta“ getauft. 

Bisher war ich meistens auf den asphaltierten Straßen gefahren, aber mit Hertas Hilfe traute ich mich öfter auf die Nebenstraßen aus Sand oder Pflastersteinen (von vor dem Ersten Weltkrieg). Das kostete mich prompt eine Ölwanne.

Trotzdem lernte ich zum ersten Mal die Stille und Weite des Landes, die Abgeschiedenheit von Dörfern und Gehöften kennen und erfuhr, wie endlos Waldwege sein können.

„Herta“ sollte mich von Kruttinnen nach Rhein führen. Dazu wählte sie einen sandigen Waldweg. Bald sollte ich im Wald geradeaus fahren, bald links abbiegen, aber oft hatte ich beim Abbiegen bis zu drei Wege nach links zur Auswahl. Einer dieser Wege war dann offensichtlich falsch gewählt. Und „Herta“ schwieg, sie sagte einfach nichts mehr. Mein Standort auf dem Bildschirm des Navigationsgerätes war ein einsamer roter Pfeil auf grünem Grund ohne Weg und Steg. Endlich folgte ich dem Weg, auf dem ich mich befand und erreichte glücklich eine Aspaltstraße. Als ich Christel von meinem Waldabenteuer erzählte, erfuhr ich, daß auch andere vor mir die „stumme Herta“ kennengelernt hatten.

Eine Premiere war auch mein Besuch bei Christel Koziol in Kruttinnen. Meine 80jährige Mutter, die die Kruttinna viel länger kennt als ich, war mit mir unterwegs. Christel ist berühmt für ihre Kahnpartien auf der Kruttinna.

Der Fluß ist zirka 50 Zentimeter tief und führt durch ein waldreiches, tiefeingeschnittenes romantisches Tal. An diesem Wochenende herrschte aber reger Bootsverkehr. Es war sehr bewegend, als Christel dann ihr berühmtes Lied sang und auf dem Kruttinna-See ein wehmütiges Gedicht frei vortrug. Wieviele haben das vor mir schon gehört und erlebt. Auf der Rückfahrt habe ich mich dann mit einem Lied bedankt: „Durch die alten fernen Wälder zur Kruttinna am See, lockt Masurens raunend Stimme, Wanderer in die Heimat geh.“ Christel stakt das Boot sehr geschickt mit ihrer weißen Kapitäns-Mütze. Man staunt über die Kraft dieser zierlichen Frau. Sie ist sehr bekannt und Grüße auf Deutsch und Polnisch gehen von Boot zu Boot.

Bei Kaffee und Kuchen erfuhr ich dann, daß es mit der Kapitänsmütze einen wahren Hintergrund hat. Seit Polen in der EU ist, kamen neue Vorschriften aus Brüssel. So mußte Christel ein „Seefahrtspatent“ für 700 Zloty erwerben und das, obwohl sie ihr ganzes Leben auf dem Fluß verbracht hat. Das Boot mußte einen Namen bekommen. Man schlug ihr „Christel“ vor; aber stolz lehnte sie ab. „Mein Boot wird .Masuria’ heißen.“ Auch mußte sie Schwimmwesten und Rettungsringe anschaffen. Und es mußten Griffe angebracht werden. Und das alles für eine Bootsreise, die man in dem knietiefen Wasser leicht zu Fuß hinter sich bringen könnte. In welcher „Gefahr“ schwebten doch alle die, die dieses Boot seit Jahrzehnten ohne patentierten Kapitän, Schwimmweste, Rettungsring und Handgriffe zurücklegten.    Bernd Krutzinna

Foto: Käp’tn Christel, neuerdings mit See-Patent: Die EU-Bürokratie hat Ostpreußen erreicht.


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