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27.09.08 / Es geht um Europa / Günter Rohrmoser über die Zukunft des Kontinents

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 39-08 vom 27. September 2008

Es geht um Europa
Günter Rohrmoser über die Zukunft des Kontinents

Kaum ein Autor hat die Schwächen, Krisen und Gefährdungen Nachkriegsdeutschlands gründlicher diagnostiziert und schonungsloser enthüllt als der am 15. September verstorbene Günter Rohrmoser, emeritierter Ordinarius der Philosophie an der Universität Stuttgart-Hohenheim. Kein Wunder, daß das politische und professionelle Establishment entsprechend ungnädig reagierte anstatt selbstkritisch auf den „Außenseiter“ zu hören. Am Beginn stand Rohrmosers Auseinandersetzung mit der sogenannten „Kritischen Theorie“ der Frankfurter Schule, mit Theodor Adorno, Max Hork-heimer, Herbert Marcuse schon in den sechziger Jahren. Und daraus entstand 1994 der Klassiker „Der Ernstfall – Die Krise unserer liberalen Republik“.

Nun hat Harald Seubert, Philosophieprofessor in Erlangen und Posen, eine Zusammenfassung von Rohrmosers philosophischen Interpretationen der geistigen Situation unserer Zeit herausgegeben (in Erinnerung an Karl Jaspers Buch „Die geistige Situation unserer Zeit“ von 1931), in denen noch einmal Rohrmosers Vermögen deutlich wird, im Sinne Hegels die eigene Zeit „in Gedanken zu fassen“ und die Hintergründe und Genese der Krisensymptome der Gegenwart freizulegen. Zunächst zeigt der Autor die diagnostische Bedeutung der „Dialektik der Aufklärung“ bei Adorno und Horkheimer, aber auch ihre Grenzen. Beide Autoren endeten in der resignativen Einsicht in den Fehlschlag der säkularen Moderne, eine Einsicht, die dann freilich von der Studenten-Revolte von 1968 verdrängt wurde, die stattdessen zu einer unkritischen, aber handfesten Kulturrevolution ansetzte und zu einer teilweise stalinistisch-leninistischen Praxis, um schließlich in dem Terrorismus der Rote Armee Fraktion zu münden. Der Teil II des Buches ist der Gesellschafts- und Kulturkritik der Frankfurter Schule gewidmet, Teil III der „philosophischen Konstitution des terroristischen Bewußtseins“.

Wenn gegenwärtig der Zeit vor 40 Jahren gedacht wird, so wird deutlich, wie weit die Ideen dieser Kulturrevolution inzwischen zum Grundkonsens unserer Gesellschaft bis weit hinein in die bürgerliche Mitte geworden sind und wie dabei eine fast schon offiziöse Deutung der 68er Bewegung als angeblich entscheidendem Antrieb zur „Demokratisierung“ der Bundesrepublik aufgekommen ist.

Der abschließende Teil V macht dann Rohrmosers konstruktive Position deutlich. Rohrmoser geht es nach der Erosion und dem Vakuum, das die Kulturrevolution hinterlassen hat, und angesichts der islamischen Herausforderung und Ausbreitung in Europa um eine neue Vergewisserung der Fundamente Europas in der dialektischen Einheit von Glauben und Vernunft, um eine Versöhnung von Religion und Moderne, Christentum und Aufklärung im Sinne der Geschichte einer – wohlverstandenen – europäischen Freiheit. Rohrmosers Philosophie macht deutlich, daß es hier um eine historische Grundentscheidung für Europa und um die Zukunft des Kontinents geht. Rohrmoser fügt hier die Tradition Luthers und der klassischen deutschen Philosophie, vor allem Hegels, hinzu. Es lohnt sich jedenfalls gerade auch für „die Gebildeten unter den Verächtern der Religion“ (Schleiermacher), die Philosophie und Zeitdeutung Günter Rohrmosers zu entdecken als Orientierungsfaden in schwankender Zeit. Die Bereitschaft zu anspruchsvoller Lektüre muß der Leser mitbringen.     Klaus Hornung

Günter Rohrmoser: „Kulturrevolution in Deutschland – Philosophische Interpretationen der geistigen Situation unserer Zeit“, herausgegeben von Harald Seubert, Verlag Ingo Resch, Gräfelfing 2008, 276 Seiten, 24,90 Euro


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