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27.09.08 / Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 39-08 vom 27. September 2008

Zahl du mal! / Wen Merkel wütend vom Hof jagt, warum Verschwörungsdeuter nichts zu tun haben, und wie Börsenprofis so ruhig bleiben können
Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

Man stelle sich das mal so vor: Der reichste Mann im Dorf, der sich im Wirtshaus spreizte, Lektionen in Sachen Erfolg erteilte und seine Nachbarn zu riskanten Geschäften überredete, huscht eines Tages kleinlaut von Tür zu Tür und bettelt herzerweichend um Geld.

Wie die Leute generell auf so etwas reagieren, kann man schlecht vorhersagen. Die meisten wüßten wohl kaum wohin mit ihrer Häme. Angela Merkel hat dem gestolperten Superboy wütend die Tür vor der Nase zugeknallt. Das hatte sich George Bush wohl nicht gedacht, daß ausgerechnet die treue Angela in der Stunde der höchsten Not seine Bitte um ein paar Milliarden oder mehr derart barsch abschmettert. Sie kannte kein Erbarmen: Keinen blanken Heller gibt’s. Runter vom Hof, du Hallodri!

Und sie ist nicht allein. Durch die ganze Welt schallt dieser Tage der gleiche Warnruf: Leute, nehmt die Wäsche von der Leine, die Amis kommen!

Dabei haben wir es in Deutschland ja noch recht gut. Wie sich wohl der Durchschnitts-Amerikaner gerade fühlt? Dem muß das ganze Rudel von Zentralbänkern, Wall-Street-Seiltänzern und Politikern vorkommen wie eine Bande Falschspieler, denen aus Versehen die gezinkten Karten aus dem Ärmel gerutscht sind. Upps.

Washington spielt nun den großen Retter und Aufräumer. Man werde den Giftmüll aus windigen Papieren und verrotteten Krediten mit dem ganz breiten Besen zusammenkehren, verspricht der US-Finanzminister.

Dann, so prophezeien die Mächtigen, werden die Banken alle gesund und die Sonne geht wieder auf. Was sie nicht so deutlich sagen ist, wohin sie den Kehricht zu kippen gedenken. In die Gärten der amerikanischen Steuerzahler nämlich.

Die deutschen Banken blicken neidisch auf die kostenlose Müllentsorgung am anderen Teichufer. Sie haben auch so dies und das an modernden Kadavern im Keller und hätten es schon gern, wenn einer aus Berlin käme, um den Unrat abzuholen und über uns allen gleichmäßig zu verteilen. Sowas nennt man „gemeinsam Verantwortung übernehmen“, mit anderen Worten: Zahl du mal, ich komm gleich nach.

Nun ist es allerdings ein bißchen billig, immerzu auf den gestrauchelten Bänkern herumzuhacken. Schließlich hat der unerreichte Börsenguru André Kostolany höchstpersönlich gepredigt: Wer viel Geld hat, der sollte spekulieren; wer wenig Geld hat, der darf nicht spekulieren; wer aber gar kein Geld hat, der muß spekulieren. Genau daran haben sich die Börsenprofis gehalten:  30jährige Wunderknaben ohne einen eigenen Cent saßen am Spieltisch und zockten mit den Milliarden, die wir nun händeringend suchen.

Was haben wir die Jungs bewundert, wie die da so seelenruhig mit gigantischen Geldgebirgen hantierten, Summen, die uns vor Nervosität in den Wahnsinn getrieben hätten. Nun haben wir die Lösung des Rätsels ihrer Seelenstärke: Es war gar nicht ihr Geld, es war – auch – unsers.

Also hätten wir es sein müssen, die schon vor Jahren um halb fünf morgens, aufrecht im Bett sitzend, mit zittrigen Fingern nach der Baldriankapsel greifen.

Unsere deutschen Bänker blieben ebenfalls beeindruckend ruhig. Die heimischen Profis verfügten über ihr eigenes Rezept gegen Panikschübe. Sie haben sich einen anderen Kostolany-Spruch gemerkt, den aber leider falsch verstanden. Dessen Rezept gegen die Börsen-Nervosität lautete nämlich: Wenn du eine Aktie gekauft hast, leg sie in den Schrank und guck dir den Kursverlauf fünf Jahre lang nicht mehr an. KfW und Konsorten haben das so übersetzt: Kauf fünf Jahre lang jeden Mist und guck auf keinen Fall hin, um was es sich handelt.

Jedenfalls haben in den vergangenen zwei Wochen alle eines begriffen: Die Naturgesetze gelten auf dem Finanzmarkt ebenso wie überall – von nichts kommt auch dort nichts.

Eigentlich müßte nun die große Stunde der Verschwörungsfreunde schlagen. Aber Pustekuchen: Die Sache ist derart offensichtlich, daß es kaum etwas zu munkeln und zu mutmaßen gibt: Als Investmentbänker blies Henry Paulson die Finanzblase kräftig mit auf, nun ist er seit zwei Jahren US-Finanzminister und schlachtet Volkes Sparschwein, um seine Bankkollegen nach dem Platzen der Blase aus der Patsche  zu ziehen (siehe „Zur Person“). Meine Herren! So eine wüste Geschichte kann sich niemand ausdenken. Das mußte wirklich und vor aller Augen passieren, damit man es glauben kann. Einem dieser düsteren Verschwörungsdeuter hätten wir sie niemals abgekauft.

In der ganzen Welt kriecht  nun der Schatten einer kommenden globalen Wirtschaftskrise über den Horizont, viele meinen sogar, die nahende Kälte schon spüren zu können. Nicht so Berthold Huber. Der Chef der Gewerkschaft IG Metall trägt ungetrübt die Sonne im Herzen und wähnt sich mitten im schönsten Aufschwung seit Anfang der 90er. Deshalb will er jetzt acht Prozent mehr für seine Metaller.

Menschen wie der Herr Huber sind zu beneiden. Eine Bekannte erzählte mal, seitdem sie keine Zeitung mehr lese, gehe es ihr viel besser. All die Krisen und die anderen häßlichen Sachen liefen an ihr vorbei und belasteten sie keine Spur mehr.

So macht es bestimmt auch der Herr Huber. Krise? Welche Krise denn? Also bei mir hier im Büro geht alles seinen gewohnten Gang.

Die Metall-Arbeitgeber hingegen haben Zeitung gelesen und dort gesehen, was kommt. Nachdem Hubers Forderung eingetroffen war, wurden sie sichtlich grün um die Nase und wußten kaum, was sie darauf antworten sollen. Was wir hören, läßt sich auf ein Wort eindampfen: Katastrophe.

Auf Katastrophen ist Deutschland nach Meinung einer Bundestagskommission denkbar schlecht vorbereitet. Die Parlamentarier meinten das im Hinblick auf Epidemien oder Stromausfälle. Besonders übel wird es bekanntlich, wenn mehrere Schreckszenarien gleichzeitig eintreffen. Das gilt auch für die Wirtschaft, denn: Ein Berthold Huber kommt selten allein. Milliarden an Kapital außer Landes spülen, das können nicht nur Landesbanken oder andere staatliche Kreditanstalten, das haben wir auch drauf, insistieren immer mehr Linke und lassen ihre Phantasien sprießen: Die Vermögensteuer müsse wieder her, die Mittelständler gehörten per Erbschaftsteuerauflagen 15 Jahre an die staatliche Kette gelegt und am besten enteigne man die großen Familienbetriebe gleich ganz.

Die Welt ist eng vernetzt, das wissen wir. Aber wer da alles mit wem an einem Strang zieht, das überrascht selbst die Abgebrühten. Wie abgesprochen geben sich Finanzheuschrecken und linke Enteigner die Klinke in die Hand: Was die einen an florierenden Betrieben nicht plattbekommen haben, das nehmen nun die anderen in ihre rote Zange.

Beiden gemein ist, daß sie sich für die Spitze des Fortschritts halten und von einer ungeheuren Schwäche für das Geld anderer Leute getrieben sind. Ihr gemeinsamer Feind sind die reaktionären kleinen Unternehmertypen. Besonders die in den sogenannten „Traditionsbetrieben“, die von Inhaberfamilien geführt werden statt von einem gutdotierten Aufsichtsrat, in dem auch Finanzinvestoren und Gewerkschaftsbosse einen Platz ergattern können.

Gemeinsam ist ihnen auch ihre historische Unbesiegbarkeit. Sie überleben einfach alles, weshalb sie sich über Krisen keine Gedanken machen müssen.

Die Roten hatten immerhin schon die halbe Welt im sozialistischen Bankrott versenkt, was ihrem Wunsch nach mehr, nach der nächsten gewaltigen Havarie, aber nur noch gesteigert hat. Sie wissen, daß danach andere kommen, um alles mühsam wieder aufzubauen. Also warum verzagen?

Ähnlich unbekümmert grasen die Finanzinsekten. Die können sich auf ihre Paulsons verlassen und freuen sich schon auf die Steuermilliarden für ihre Zaubertricks und Beutezüge der nächsten großen Runde.


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