26.01.2022

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17.01.09 / Verleidet

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 03-09 vom 17. Januar 2009

Verleidet
von Harald Fourier

In diesem Jahr findet ein Jubiläum statt, nämlich der 300. Jahrestag der Gründung Berlins als echte Hauptstadt. 1709 wurden die fünf Gemeinden am Ufer der Spree zur preußischen Metropole zusammen­geschlossen. Per Dekret vereinte König Friedrichs I. in Preußen Berlin, Cölln, Friedrichswerder, Dorotheenstadt und Friedrichstadt zur „Königlichen Haupt- und Residenzstadt Berlin“ (siehe auch Seite 11). Danach ging es rasant aufwärts mit Berlin. Schon bald wurden neue Vorstädte in Tempelhof, Schöneberg oder Moabit errichtet.

Eigentlich Grund genug für Berlin, dieses Jahr gebührend zu feiern. Aber nichts dergleichen geschieht. Wer nach Jahrestagen sucht, der findet zwar regelmäßige Erinnerungsveranstaltungen zu Ereignissen wie die Luftbrücke oder der Mauerbau – vor allem aber zu Verbrechen wie Kristallnacht,  NS-Bücherverbrennung oder zum 70. Jahrestag des Entzuges der Approbation der jüdischen Ärztinnen und Ärzte.

Die Fixierung auf NS-Mahnveranstaltungen dominiert den Berliner Gedenkkalender mit Übermacht. Schon aus Termingründen ist da kaum noch für andere, hellere Gedenktage Platz. Ja es scheint sogar, als habe diese Negativfixierung den Berlinern die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte insgesamt verleidet.

Dahinter steckt zwar beileibe kein exklusives Berlin-Phänomen. In ganz Deutschland schiebt sich die Allgegenwart des NS „wie eine Betonplatte“ zwischen die Deutschen und ihre weitere Geschichte. Die Berliner trifft dies jedoch ungleich umfassender als die übrigen Deutschen. Andere Metropolen wie München, Hamburg oder Köln können ausweichen auf ihre Identität als königliche Residenz, als Hanse- oder Domstadt, um sich mit ihrer Vergangenheit in Beziehung zu setzen. Nicht so die Hauptstadt: Berlins Stadtgeschichte ist unauflöslich verwoben mit der Nationalgeschichte, womit die Wahrnehmung der eigenen Lokalhistorie mit der Betrachtungsweise der National­geschichte praktisch in eins fällt. Das traurige Resultat ist ein ausgeprägtes Desinteresse der Berliner an der eigenen Historie überhaupt.

Damit bildet die Geschichtslosigkeit der Berliner die Folgen einer über das Ziel einer ausgewogen kritischen Selbstbetrachtung weit hinausgeschossenen Geschichtspolitik nur besonders drastisch ab. Die Berliner entziehen sich der Zumutung, indem sie sich nur mit dem Hier und Jetzt auseinandersetzen.                                        

Wer will es ihnen verdenken?


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