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17.01.09 / Sprachenstreit lebt auf / Estland: Gesetze werden nicht mehr auf Russisch publiziert

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 03-09 vom 17. Januar 2009

Sprachenstreit lebt auf
Estland: Gesetze werden nicht mehr auf Russisch publiziert

Seit Anfang der neunziger Jahre schwelt in Estland ein latenter Sprachenstreit zwischen der estnischen Mehrheit und der russischen Minderheit des Landes. Nun wurde die Ausstrahlung russischsprachiger Sendungen des Ersten Baltischen Kanals eingestellt. Weil der Betreiber die Tarife um 300 Prozent erhöht habe, berichtet die Vorsitzende des baltischen Autoren- und Rundfunkverbands, lange Verhandlungen hätten zu nichts geführt. Nun bleibt der russischsprachigen Bevölkerung in Reval (Tallinn) und einigen anderen Städten nur noch das Angebot des Kanals „Jagd und Fischfang“ in ihrer Muttersprache. Ansonsten müssen sie auf Programme in Estnisch ausweichen.

Dies soll künftig auch für andere Bereiche gelten. Wie das estnische Nachrichtenportal ERR Uudised berichtet, werden ebenfalls aus wirtschaftlichen Gründen Gesetzestexte künftig nicht mehr ins Russische übersetzt. Das Justizministerium gab bekannt, die

Rechtsakte nur noch ins Englische übersetzen zu lassen. Wegen der Kürzung des Budgets 2009 seien Übersetzungen ins Russische nicht mehr finanzierbar.

Schon mehrfach wurde Estland wegen seiner Politik gegenüber der russischsprachigen Minderheit im Land von Menschenrechts-organisationen und auch der Europäischen Union gerügt. Uno-Vertreter rieten Estland, Russisch als zweite Amtssprache gelten zu lassen. Die estnische Regierung beteuert hingegen, eine gerechte Sprachenpolitik gegenüber allen Bürgern des Landes zu betreiben. In Estland leben zur Zeit etwa 400000 Russen, das sind knapp über 25 Prozent der Bevölkerung. Von diesen wird Integration in die estnische Gesellschaft erwartet sowie die Anerkennung der estnischen Sprache als Amtssprache. Doch hiermit tun sich viele Russen schwer. Es hat sich eine russische Parallelgesellschaft mit eigenen Kindergärten und Schulen gebildet. Auch dies versucht die Regierung in Reval zu ändern. Ab Herbst 2009 wird in russischen Kindergärten und Vorschulen ein Lehrprogramm eingeführt, bei dem die Kinder spielerisch auf den Gebrauch der estnischen Sprache vorbereitet werden sollen. Entsprechend wird bereits seit 2007 an allgemeinbildenden Schulen der Lehrplan stufenweise auf Unterricht in der Landessprache umgestellt.

Seit dem Zerfall der Sowjet-union kam es immer wieder zu Spannungen zwischen Russen und Esten. Ethnische Russen fühlen sich im nun europäischen Estland benachteiligt. Ein Beispiel für den Konflikt ist die Verteidigung der sowjetischen Statue des „Bronzenen Soldaten“ im Zentrum Tallinns durch russischstämmige Jugendliche. Als das seit 1947 dort stehende Denkmal an einen anderen Ort verbracht werden sollte, kam es zu Krawallen. Erst jetzt wurden die Rädelsführer der Protestaktionen verurteilt.

Manuela Rosenthal-Kappi


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